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Zeitarbeit
Zwischen Rekorden und Regulierung
Von Sven Astheimer
27. März 2011 Kaum eine andere Branche in Deutschland sorgt für so viel Gesprächsstoff wie die Zeitarbeit. Die einen sehen darin den "Jobmotor", der den Bedarf der Unternehmen nach flexiblen Kostenstrukturen erfüllt und damit maßgeblichen Anteil am atemberaubenden Aufschwung des deutschen Arbeitsmarktes hat; für die anderen stellen die Verleiher mit ihren schwer zu organisierenden Belegschaften die größte Bedrohung für den sozialen Frieden in diesem Land dar.
Tatsache ist, dass das Geschäft mit der Arbeitnehmerüberlassung keine zwei Jahre nach dem Einbruch in der Krise derzeit so gut läuft wie nie zuvor. Schon zur Mitte des vergangenen Jahres waren nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit die Verluste ausgeglichen. Nach dem Tiefstand von rund 560 000 im Jahr 2009 waren es vergangenen Sommer schon mehr als 800 000 Beschäftigte gewesen. Neuere Zahlen hat die Behörde noch nicht.
Doch muss man kein Prophet sein, um sich zu der Vorhersage hinreißen zu lassen, dass die Marke von einer Million noch in diesem Jahr erstmals fallen wird. Das Institut der Deutschen Wirtschaft Köln, das für den Arbeitgeberverband BZA einen Zeitarbeits-Index errechnet, der die Zahlen der Bundesagentur auf Basis einer Mitgliederbefragung fortschreibt, sah schon zum Jahresende die Marke von 900 000 überschritten. Außerdem gingen 85 Prozent der Befragten davon aus, dass sie in der ersten Hälfte des laufenden Jahres ihren Personalbestand ausbauen werden.
Jede dritte neue Stelle aus der Zeitarbeit
Nach Angaben der Arbeitsagentur stammt jede dritte neue Stelle aus der Zeitarbeit. Hartmut Lüerßen vom Marktforschungsinstitut Lünendonk hält es für möglich, dass die Millionengrenze bei anhaltend hoher Nachfrage zur Jahresmitte überschritten wird.
Die Arbeitgeber jedenfalls sind bester Laune. Ben Noteboom, der Vorstandsvorsitzende des niederländischen Randstadkonzerns, sieht nach einem zweistelligen Umsatzplus im Vorjahr auch für 2011 in fast allen 44 Ländern, in denen sein Unternehmen aktiv ist, gute Wachstumschancen. In Deutschland, wo Randstad Marktführer ist, würden aber vor allem im Süden Fachkräfte knapp. Andreas Dinges, Deutschlandchef des Wettbewerbers Adecco, sieht die Lage ähnlich: "Fachkräfte sind rar in allen Bereichen", sagt er, "wir müssen daher die personellen Ressourcen im Land nutzen."
Obwohl der Anteil der Zeitarbeiter an allen Beschäftigten mit etwas mehr als 2 Prozent im internationalen Vergleich allenfalls Durchschnitt ist, rücken hierzulande mit steigender Bedeutung die Regulierungsbemühungen in den Vordergrund. Eine grundlegende Änderung steht bevor: Im Rahmen des Hartz-IV-Kompromisses einigten sich die politischen Parteien auf einen Mindestlohn. Arbeitgeber und Arbeitnehmer hatten in seltener Einigkeit schon bei der großen Koalition beantragt, vor der Öffnung des Arbeitsmarktes für die mittel- und osteuropäischen EU-Staaten eine für alle verbindliche Lohnuntergrenze festzulegen, um der Konkurrenz den Lohnkostenvorteil zu nehmen.
Der Zeitarbeit-Mindestlohn
Vom 1. Mai an sollen nun auch ungelernte Zeitarbeiter in Westdeutschland nicht weniger als 7,79 Euro in der Stunde verdienen dürfen. Das sind immerhin 29 Cent mehr, als der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) bis vergangenes Jahr für einen gesetzlichen Mindestlohn in allen Branchen gefordert hatte. Viele von DGB-Gewerkschaften abgeschlossene Tarifverträge liegen deutlich unter dieser Zeitarbeitsvergütung. Für Ostdeutschland sind zunächst 6,89 Euro vorgesehen. Bis Ende 2012 sind weitere Anhebungen auf schließlich 8,19 beziehungsweise 7,50 Euro vorgesehen.
Doch den Gewerkschaften genügt dieser Schritt nicht. Vor allem die IG Metall streitet für die Gleichbezahlung von Stammbelegschaften und Leiharbeitern. Auch darüber hatten die Hartz-Emissäre zwar gesprochen, das Thema jedoch wieder von der Tagesordnung gestrichen. Das Prinzip steht heute auch schon im Gesetz - es kann aber durch gültige Tarifverträge ausgehebelt werden. Ginge es nach DGB, SPD und Grünen, wäre die Tarifautonomie in der Zeitarbeit ersatzlos gestrichen worden. Nach einer kurzen Einarbeitungszeit gäbe es denselben Lohn. Union und vor allem FDP wollen diese Anpassung erst nach einem Zeitraum von deutlich über einem halben Jahr zulassen.
Die Zeitarbeitgeber selbst verhalten sich in dieser Frage widersprüchlich. Über ihre Verbände beklagen sie, dass die sofortige Gleichbezahlung ihr Recht auf Tarifautonomie aushebeln und die Branche schwer schädigen werde. Gleichzeitig ist es seit Jahren ein offenes Geheimnis, dass auf Wunsch von Großkunden das Prinzip schon angewendet wird. Was zumindest in diesen Fällen beweist, dass es den Ausleihern nicht per se um "Lohndumping" geht, wie der DGB bei jeder Gelegenheit hinausposaunt.
Die Arbeitgeber bündeln ihre Kräfte
Um in der hitzigen öffentlichen Debatte künftig mehr Gehör zu finden, bündeln die Arbeitgeber ihre Kräfte. Noch im April sollen die Mitgliederversammlungen der beiden Verbände BZA und AMP die Fusion beschließen. Statt drei gäbe es dann nur noch zwei Vertretungen. Dass auch der dritte Akteur, die IgZ, zu einem Zusammenschluss bewegt werden könnte, um mit einer Stimme für die Zeitarbeit zu sprechen, erscheint jedoch unwahrscheinlich. Ein engeres und abgestimmtes Vorgehen dürfte es jedoch geben.
Die Fusionsbereitschaft des AMP dürfte auch mit einem Ereignis zusammenhängen, das die Branche zuletzt wieder mal in ein schlechtes Licht gerückt hat. Denn dessen Verhandlungspartner, einer Tarifgemeinschaft der Christlichen Gewerkschaften, ist höchstrichterlich die Tariffähigkeit abgesprochen worden. Allerdings nicht, wie häufig dargestellt, weil die Einzelgewerkschaften generell keine Tarifmacht besäßen, sondern weil die Verhandlungen auf Bereiche ausgedehnt worden waren, für die kein Mandat bestand. Egal, wie, die Folgen für die Unternehmen, die deren Tarifverträge angewendet haben, fallen drastisch aus. Denn die Beschäftigten können Lohnnachforderungen stellen.
Zudem haben die Sozialversicherungsträger gerade die betroffenen Unternehmen aufgefordert, die aus den höheren Löhnen abgeleiteten höheren Sozialbeiträge für die vergangenen fünf Jahre bis Ende Mai nachzuzahlen. Außerdem will die Rentenversicherung Betriebsprüfungen durchführen. Dies könnte für etliche Anbieter das Aus bedeuten. Um Insolvenzen zu vermeiden, hatte Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) ursprünglich ein Entgegenkommen bei den Zahlungsmodalitäten signalisiert. "Es bleibt zu hoffen, dass hier ein guter Ausgleich zwischen den Interessen der betroffenen Zeitarbeitnehmer und der Existenz ihrer Arbeitgeber gefunden wird", sagt Hartmut Lüerßen von Lünendonk.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.
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