23. Mai 2012

Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl

„Wie Reichskanzler Brüning in der Weimarer Republik“

Herr Professor Ritschl, im Moment wird darüber diskutiert, ob man Griechenland einer stärkeren Kontrolle von außen unterwirft, damit das Land seine Sparziele erreicht. Gibt es damit Erfahrungen in der Geschichte?

06. Februar 2012 Im späten 19. Jahrhundert kam es durchaus vor, dass die Gläubiger „Sparkommissare“ in die Schuldenstaaten entsandt haben, um die Rückzahlung ihrer Forderungen zu überwachen. Griechenland selbst ist dafür ein gutes Beispiel. In der Geschichte gab es vier bis fünf Schuldenausfälle, das Land ist sozusagen ein Serientäter. Als Griechenland 1893 bankrottging, wurden ausländische Finanzkontrolleure in die entsprechenden Stellen im Finanzministerium und der Zentralbank entsandt, um die Einhaltung der Sparpolitik zu überwachen.

Wie verlief der Staatsbankrott von 1893?

Griechenland bekam 1897 gegen Kontrollauflagen noch einmal einen neuen Kredit. 1932 gab es einen erneuten Schuldenausfall. Bis dahin haben die Griechen ihre Schulden allerdings bedient.
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War die externe Finanzkontrolle denn in der Regel erfolgreich?

Sie funktioniert nur zum Teil, denn man beschneidet die Souveränitätsrechte des Landes. Demokratisch gewählte Regierungen sitzen immer in der Zwickmühle. Die ausländischen Gläubiger verlangen eine Deflationspolitik, die aber im Land nicht populär ist. Man kann die Lage von Lukas Papademos durchaus mit der von Reichskanzler Heinrich Brüning am Ende der Weimarer Republik vergleichen.

Inwiefern?

Der Young-Plan, der die Rückzahlung der Reparationen aus dem Ersten Weltkrieg regelte, verlangte eine strikte Haushaltsdisziplin, die in der Bevölkerung nicht populär war. Das hat die Extremisten auf den Plan gerufen, die den Young-Plan zerreißen und sich vom Ausland abwenden wollten. Das Ende der Geschichte kennen wir.

Lässt sich das Verhalten Deutschlands in der Zwischenkriegszeit mit dem Griechenlands in den letzten Jahren vergleichen: ein vollkommen überschuldeter Staat, der immer weiter fröhlich auf Pump lebt?

Der Vergleich liegt nahe und gibt Anlass zur Sorge. Griechenland ist ein Land mit schwachen Institutionen und einer schwierigen Geschichte, man denke nur an den Bürgerkrieg nach dem Zweiten Weltkrieg und später die Militärdiktatur. Man muss Griechenlands Schuldenkrise auch als Staatskrise begreifen, und es ist nicht abzusehen, wie das Land allein da wieder herauskommt.

Die Griechen weisen gerne darauf hin, dass die Deutschen bei ihnen noch Schulden aus dem Zweiten Weltkrieg offen haben. Stimmt das?

Diese Frage ist umstritten. 1953 wurde im Londoner Schuldenabkommen vereinbart, dass die deutschen Kriegsschulden und Reparationen des Zweiten Weltkriegs im Zuge der Wiedervereinigung abschließend geregelt werden sollten. Da das 1990 nicht geschehen ist, wird im Allgemeinen gefolgert, dass die Schulden erloschen sind. Es gibt aber auch andere Stimmen.

Was sind das für Schulden?

Während des Weltkrieges haben die Deutschen in großem Umfang Güter, Nahrungsmittel und Arbeitskräfte aus den besetzten Gebieten requiriert, teils für die deutschen Besatzungstruppen, vor allem aber für die deutsche Kriegswirtschaft. Bei der Reichsbank gab es eine Verrechnungskasse, die für einen Teil dieser Entnahmen Schulden verbucht hat.

Welche Länder hatten gegenüber Deutschland die höchsten Forderungen?

Im Gegensatz zur Ideologie, die besagte, dass die großen Ressourcen in Osteuropa zu holen seien, stammte der Löwenanteil der Transfers aus Frankreich, den Niederlanden und Belgien. Allerdings waren die Wechselkurse, zu denen die Ressourcen verbucht wurden, sehr stark zugunsten Deutschlands manipuliert.

Gibt es überhaupt vernünftige Zahlen?

Schon während des Krieges hat man in den deutschen Stellen geschätzt, dass die Ressourcentransfers in Wirklichkeit dreimal so hoch waren wie die offiziellen Zahlen. Wenn man diese realistischeren Zahlen zugrunde legt, kommt man auf Schulden in Höhe von 90 Milliarden Reichsmark. Das entspricht ungefähr dem deutschen Bruttoinlandsprodukt von 1938.

Wie viel Geld wäre das heute?

Es gibt verschiedene Modellrechnungen - die alle kritikwürdig sind -, um die Belastung in heutiger Währung anzugeben. Die Zahlen liegen zwischen 700 Milliarden und 1,4 Billionen Euro.

Und wie hoch sind die deutschen Schulden aus dem Zweiten Weltkrieg in Griechenland?

Wenn man eine Verzinsung von 4 Prozent im Jahr annimmt, kommt man auf vielleicht 3,4 Milliarden Euro. Das ist nur ein sehr kleiner Betrag im Vergleich zu Griechenlands aktuellem Schuldenberg.

Warum wurde nach der Wiedervereinigung von einer Rückzahlung der Reparationen abgesehen?

1990 stand man vor der Wahl, ob man ein Reparationsverfahren mit ungewissem Ausgang eröffnen oder das sehr erfolgreiche Modell der europäischen Kooperation weiterverfolgen wollte. Man hat sich aus guten Gründen für die zweite Variante entschieden. Vor allem konnte man darauf verweisen, dass Deutschland ab 1951 durchgängig Leistungsbilanzüberschüsse mit Westeuropa aufgewiesen hat. Das lässt folgende Schlussfolgerung zu: Durch eigenen Konsumverzicht hat Deutschland einen Ressourcentransfer zugunsten der Westmächte ermöglicht.

Und damit Reparationen gezahlt?

Wenn man nicht auf die Forderungen blickt, die - wie man im Moment sieht - ja auch einmal entwertet werden können, sondern auf die Güterströme schaut, dann ja. Die Deutschen haben im Laufe der Jahre ein riesiges Auslandsvermögen angehäuft. Durch die Schuldenkrise gerät dieses System ins Wanken.

Gibt es noch mehr Parallelen zur aktuellen Schuldenkrise in der Geschichte?

Die Target-2-Salden, die implizite Kreditvergabe Deutschlands im sogenannten Target-System der europäischen Zentralbanken, sind der Kreditnahme Deutschlands von den besetzten Gebieten im Zweiten Weltkrieg nicht unähnlich.

Inwiefern?

Target ist ein Verrechnungssystem innerhalb des europäischen Zentralbanksystems und ähnelt dem Clearingsystem der Reichsbank im Zweiten Weltkrieg. Die Gemeinsamkeit liegt vor allem in der ökonomischen Funktion: In beiden Fällen wird ein System, das eigentlich zum Ausgleich kleiner Zahlungsspitzen gedacht war, dafür verwendet, Ressourcentransfers in großem Maßstab zu betreiben.

Wird Deutschland jetzt von seiner Geschichte eingeholt?

Nicht wörtlich, denn dann würde Deutschland jetzt von allen Seiten bedrängt, Reparationen zu zahlen. Das wird man nicht tun, um die europäische Kooperation nicht kaputtzumachen.

Gibt es denn eine Chance, dass wiederum die Forderungen der Deutschen noch einmal beglichen werden?

Die akkumulierten Überschüsse in Form des deutschen Auslandsvermögens gegenüber Südeuropa sind wahrscheinlich weg. All die schönen deutschen Luxusautos und Maschinen haben wir wohl verschenkt. Wenn Sie so wollen, sind wir insofern eben doch von unserer Geschichte eingeholt worden.
Das Gespräch führte Judith Lembke.


Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dapd, LSE

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