25. Mai 2013

Maßzahlen für Lebensqualität

Was ist für unseren Wohlstand entscheidend?

Von Richard Hilmer, Nico A. Siegel und Gert G. Wagner
02. Februar 2013 Viele Politiker und Wissenschaftler in Deutschland glauben, dass das „Bruttoinlandsprodukt“, kurz BIP, als Maßzahl überholt sei, an der sich Politik orientieren sollte. Deswegen wurde 2011 vom Bundestag eine Studien-Kommission („Enquete Kommission“) eingerichtet. Deren Auftrag bestand darin, Alternativen zum BIP als zentralem Wohlstandsindikator zu suchen. Diese Enquete hat nun einen Vorschlag zur Messung von Wohlstand und Lebensqualität vorgestellt, der sicherlich alle enttäuscht, die sich nicht nur die Abschaffung des BIP gewünscht haben, sondern zugleich die Abschaffung von Wachstumspolitik. Denn es wird keine Alternative zum BIP vorgeschlagen, sondern so etwas wie „BIPplus“, das heißt ein um neun weitere Leitindikatoren ergänztes BIP, das auch „Soziales und Teilhabe“ und „Ökologie“ in den Blick nimmt. Dieser Vorschlag enttäuscht Wachstumsskeptiker, aber er spiegelt die Lebenswirklichkeit - wie wir auch statistisch zeigen können - besser wider als ein Anti-BIP das könnte.
Das ist ja eigentlich auch nicht überraschend. Wir alle wissen aus Diskussionen in der Familie und mit Freunden, dass jeder Mensch verschiedene Lebensbereiche - wie das Einkommen und seine Verteilung, Bildung, Gesundheit und Ökologie - ganz unterschiedlich wichtig findet. Diese Vielfalt der Vorstellungen und Wünsche mit Hilfe einer einzigen Maßzahl auf einen Nenner zu bringen wäre insofern zutiefst undemokratisch. Dies zeigt auch eine von TNS Infratest in dieser Woche durchgeführte repräsentative Bevölkerungsbefragung. Die 1012 Befragten haben jeder der von der Enquete-Kommission ausgewählten zehn Dimensionen ein Gewicht zugeordnet, das von null („gar nicht wichtig“) bis zehn („sehr wichtig“) reicht.
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Ökologie-Indikatoren wird kein überragendes Gewicht gegeben

Das wichtigste Ergebnis ist: die Meinungen gehen - wie zu erwarten war - erheblich auseinander, die Angaben der Befragten streuen sehr deutlich. Zwar geben nur ganz wenige für fast alle Dimension die niedrigsten Werte zwischen null und fünf an; aber die Antworten verteilen sich meist breit auf die Spanne von sechs bis zehn (siehe Grafik). Überraschenderweise erzielt eine „weiter zunehmende Lebenserwartung“ mit einem Durchschnitt von 6,6 die geringste Bedeutung. Hier könnte sich das Problem zeigen, dass die Menschen wissen, dass zusätzliche Lebensjahre heutzutage oft mit Krankheit und Leid verbunden sind. Insbesondere unter den jüngeren Befragten unter 40 wird einer weiter steigenden Lebenserwartung von allen Bereichen mit Abstand die niedrigste Relevanz zugesprochen.
Die größte Bedeutung wird der Aussage zugemessen, dass Demokratie und Freiheit in Deutschland erhalten bleiben sollen (Durchschnittswert 9,4). Dies ist ein gegenüber fast allen anderen Bereichen signifikant höherer Durchschnittswert, der im Übrigen quer über Altersgruppen, Regionen und parteipolitische Neigung zu beobachten ist. Lediglich die Bedeutung der Aussage, dass möglichst viele Leute genug Arbeit haben, reicht daran heran (9,2). Diese beiden Themen sind damit die mit Abstand bedeutsamsten. Das Durchschnittseinkommen liegt mit einem Mittelwert von 7,4 deutlich darunter, und auch die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen wird als Thema weniger wichtig genommen. Der Mittelwert von acht ist durchschnittlich. Nahe am Durchschnitt liegt mit 8,3 auch die Staatsverschuldung. Von nur leicht überdurchschnittlicher Bedeutung ist die Forderung, dass mehr Schüler einen weiterführenden Schul- oder Ausbildungsabschluss machen (8,5).
Wie zu erwarten war, wird den Ökologie-Indikatoren kein überragendes, aber immerhin ein durchschnittliches Gewicht gegeben. Zwar kann die Menschheit bei weiter steigendem Ausstoß von Treibhausgasen und einem Stickstoffüberschuss als Art nicht überleben. Aber dieses Problem liegt für viele Menschen wohl doch noch irgendwo in der Zukunft und es wird als nicht besonders drängend eingestuft.

Auch (Un)Gleichheit wird als wichtig angesehen

Die größten Unterschiede zwischen Anhängern verschiedener Parteien zeigen sich bei der Bewertung von Gleichheit und Ungleichheit: die Wählerinnen und Wähler von SPD und Grünen neigen dazu, diesem Ziel deutlich mehr Gewicht zuzuschreiben als diejenigen der Unionsparteien und der FDP. Und die Menschen in den Neuen Bundesländern messen dem Thema „Ungleichheit“ mehr Bedeutung zu als die in den alten Bundesländern.
Der Blick auf Volkes Sicht zeigt, dass das Bruttoinlandsprodukt in den Augen der Menschen keine überragende Bedeutung mehr hat. Im Gegenteil: Es hat im Vergleich zum Erhalt der Demokratie und ausreichender Arbeit deutlich weniger Priorität.
Auch (Un)Gleichheit wird als wichtig angesehen. Da dies alles aber - ob man will oder nicht - mit einem ordentlichen BIP und Wachstum zusammenhängt, wird es weiterhin entsprechende Diskussionen im Familienkreis wie in der Politik geben. Um diesen Streit zwischen Ökonomie, Lebensqualität und ökologischer Nachhaltigkeit aussagekräftiger zu machen, sollte - so wie in der Enquete-Kommission diskutiert - den „Wirtschaftsweisen“ ein „Sachverständigenrat für nachhaltige Lebensqualität“ entgegengesetzt werden.

Richard Hilmer und Nico A. Siegel sind für TNS Infratest tätig. Gert G. Wagner (Vorstandsmitglied des DIW Berlin) ist sachverständiges Mitglied der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ des Deutschen Bundestags.





Text: F.A.S.
Bildmaterial: F.A.Z.

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