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Armut und Reichtum
Warum Frauen weniger verdienen als Männer
Von Natascha Lenz
04. Oktober 2012 Während Brüssel mit der Frauenquote droht, beginnt in den Unternehmen schon im Vorgriff die Suche nach geeigneten Kandidatinnen in den eigenen Reihen. In den Personalabteilungen werden die Talente von morgen gescannt und auf ihr Potential für die weitere Karriere abgeklopft. Doch was die Verdienstunterschiede zwischen Männern und Frauen betrifft, hat sich kaum etwas geändert.
Der durchschnittliche Bruttostundenverdienst von Frauen liegt im Schnitt um 22 Prozent unter dem ihrer Kollegen. Zu diesem Ergebnis kommt die Verdienststrukturerhebung 2010, die das Statistische Bundesamt am Donnerstag veröffentlichte. 2006 lag die Differenz bei 23 Prozent. Nur alle vier Jahre untersucht das Statistische Bundesamt die Verdienstunterschiede zwischen Männern und Frauen in einer umfangreichen Erhebung nach mehreren statistischen Merkmalen. Noch größer ist der Unterschied in den Chefetagen.
Doch woran liegt das? Für die Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen spielen gleich mehrere Faktoren eine Rolle, wie sich aus Zahlen der Statistiker entnehmen lässt. Die vier häufigsten Fehler von Frauen im Berufsleben:
1) Die Teilzeit-Falle
Die Erwerbsbiographien von Männern und Frauen entwickeln sich mit zunehmendem Alter erst allmählich auseinander. Frauen absolvieren Ausbildung und Studium mit genauso guten Ergebnissen wie ihre männlichen Kommilitonen. Dementsprechend fallen die Gehaltsunterschiede bei den bis zu 24-Jährigen mit zwei Prozent auch kaum ins Gewicht. Zehn Jahre später liegt der Unterschied bereits bei elf Prozent. In der Altersgruppe zwischen 35 und 44 Jahren hat sich der Abstand bereits mehr als verdoppelt. Ein Grund dafür ist der hohe Anteil der teilzeitbeschäftigten Frauen. Nach der Geburt eines Kindes kehren viele Frauen meist nur in Teilzeit in ihren Beruf zurück. Verbunden ist dies in der Regel mit einem Karriereknick und finanziellen Einbußen.2) Die Minijob-Falle
Ähnlich verhält es sich mit Minijobs. Statt in größerem Umfang in das Erwerbsleben zurückzukehren, setzen viele Frauen nach der Elternzeit auf Minijobs. Die Bertelsmann-Stiftung bezeichnet daher in einer neuen Studie Minijobs als „vertane Chance“. Obwohl mehr als drei Viertel der Minijobberinnen eine abgeschlossene Berufsausbildung haben, nehmen sie eine geringfügige Beschäftigung auf. Auch wenn sich die Frauen später entschließen, ihre Berufstätigkeit auszuweiten, haben sie oft Schwierigkeiten, in ein Arbeitsverhältnis mit mehr Arbeitszeit und Lohn zu wechseln.3) Die Spaß-Falle
Trotz alljährlichem Girls’ Day ändert sich nichts: Jungs schrauben, hämmern und erforschen tote Mäuse, Mädchen schieben Puppenwagen und spielen mit rosa Lego-Figürchen Schönheitssalon. Das setzt sich bei der Berufswahl fort. Die beliebtesten Ausbildungsberufe bei Jungs sind Mechatroniker und Industriemechaniker, Mädchen entscheiden sich – mangels geeigneter Vorbilder – auch im Jahr 2012 noch immer überwiegend für eine Ausbildung als Einzelhandelskauffrau oder medizinische Fachangestellte. Bei Studium setzt sich die Tendenz fort. Junge Frauen studieren oft nach Neigung Germanistik, Anglistik oder Kunstgeschichte, während die jungen Männer in den volkswirtschaftlichen Fakultäten oder an den Technischen Hochschulen allzu häufig unter sich bleiben. Doch die „typischen“ Frauenberufe sind auch die, die deutlich schlechter bezahlt werden.4) Die Alien-Falle
Selbst die Frauen, die es geschafft haben, die Karriereleiter in den Unternehmen nach oben zu klettern, die Vollzeit im Beruf stehen und eine individuelle Lösung für die Vereinbarkeit von Kind und Karriere gefunden haben, verdienen weniger als ihre männlichen Kollegen. Und nicht nur das: Laut Statistischem Bundesamt nehmen die Unterschiede dann sogar noch zu. Frauen in Führungspositionen verdienen im Durchschnitt sogar 30 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Die Ursachen dafür sind schwieriger nachzuvollziehen.
„Ein großer Teil der Verdienstunterschiede ist durch messbare Indikatoren nicht erklärbar“, erläutert Elke Holst, die sich für das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin mit Gender-Fragen beschäftigt. Hier würden gesellschaftliche und kulturelle Rahmenbedingungen eine Rolle spielen, etwa Stereotypen, die häufig zu Nachteilen für Frauen auf dem Arbeitsmarkt führten. Denn Frauen sind in den Top-Etagen von Unternehmen noch immer eine seltene Spezies. Männer sitzen an den Schalthebeln der Macht. Sie netzwerken häufiger, tauschen sich mit anderen aus, die ihnen in ihrer beruflichen Laufbahn von Vorteil sein können. Als Mitstreiter stellen sie die ein, in denen sie sich wiedererkennen, nämlich junge Männer. Frauen haben das Nachsehen – auch in finanzieller Hinsicht. „Eine größere Transparenz, etwa durch Offenlegung der Verdienste innerhalb des Unternehmens, könnte daher die Debatte versachlichen“, so Elke Holst.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa, Pilar, Daniel
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