20. Mai 2013

Myanmar

Viel Geld für Burma - nur wofür?

Von Christoph Hein, Rangun
19. November 2012 Die gut 50 Kinder schaffen gerade noch die Dankgebete für ihre Spender, dann schieben sie schnell den Reis und das Gemüse in den Mund, bevor der Tag seinen Höhepunkt erreicht: Die deutschen Unterstützer des Waisenhauses vor den Toren der brodelnden Wirtschaftsmetropole Rangun haben Eiscreme mitgebracht. Mango, Vanille, Erdbeere - für die kleinen Burmesen zwischen fünf und 17 Jahren ein Fest. Viele von ihnen wurden als Babys von ihren Eltern auf der Straße abgelegt, weil sie zu arm waren, das Kind zu ernähren.
Viele haben ihre Eltern aber auch während des Zyklons Nargis 2008 verloren, bei dem wohl mehr als 100.000 Burmesen ihr Leben verloren. Das deutsche Waisenhaus ist perfekt geführt, im Hinterhof wachsen gerade die Betonpfeiler in die Höhe für ein zweites Haus, in dem später Mädchen aufgenommen werden.
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Jeder Dollar wird gebraucht, keine Frage

Dank der rührigen Organisatoren mit ihrer jahrzehntelangen Burma-Erfahrung wird das Geld hier bestens eingesetzt. An Geld mangelt es derzeit auch kaum einer Hilfsorganisation in Burma. Das Land, das sich seit eineinhalb Jahren in atemberaubendem Tempo von einer der schlimmsten Militärdiktaturen der Welt zu einer asiatischen Demokratie wandelt, steht bei Gebern hoch im Kurs. Zu hoch vielleicht - denn im Land fehlt es immer öfter an Möglichkeiten, den Zustrom des Geldes sinnvoll einzusetzen. „Da werden Säcke mit Dollarnoten ins Land getragen, und niemand weiß so recht, was er damit soll“, warnt die Vertreterin einer deutschen Stiftung in der Region. Annette Dixon, Chefin der Weltbank für Südostasien, sagt nur wenig diplomatischer, Burma verzeichne „einen massiven Zufluss von Gebern, aber eine sehr schwache Aufnahmefähigkeit“.
Jeder Dollar wird gebraucht, keine Frage. Jeder vierte Burmese lebt unterhalb der Armutsgrenze von 1,25 Dollar am Tag, drei von vier Menschen hier haben keinen Zugang zu Elektrizität. Das Land befreit sich von seinen Ketten, liegt aber in Scherben. Dabei war Burma noch 1948, als die englischen Kolonialherren ihre Seekisten packten, das reichste Land der Region: Teak und Rubine, Jade und Rauschgift zwangen die Briten ihm ab. Nach Jahrzehnten der Militärjunta fehlen heute die einfachsten Strukturen, wenigstens Hilfsgelder an die richtigen Stellen zu leiten. Zudem ist Burma von Korruption durchwuchert. „Die Regierung findet die richtigen Worte und nutzt den Sprachschatz der Entwicklungshilfe. Aber in den unteren Etagen bleiben die Denkmuster die alten. Bis jetzt sind die richtigen Worte noch nicht in der Bürokratie angekommen“, sagt Thein Swe, Professor an der thailändischen Chiang Mai Universität für Südostasiatische Studien.
Die Probleme beleuchtete eine Versammlung der Geber am Rande des Jahrestreffens von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank in Tokio: So wie die Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi bei ihrer ersten Auslandsreise zum Weltwirtschaftsforum nach Thailand Investoren zur Vorsicht mahnte, warnen nun die Helfer. „Bitte, strömen Sie nicht einfach so hinein“, rief Khin Ohmar ihnen in Tokio zu. Sie leitet die in Thailand mit seinen Hunderttausenden burmesischen Flüchtlingen ansässige Burma Partnership. „Wir müssen erst mal Luft holen. Und dann sicherstellen, dass wir wirklich das Richtige tun.“ Umstritten bleibt vor allem der Auftritt Japans in Burma.
Die Japaner sind neuerdings die wichtigsten Investoren. Und sie schaffen sich Wohlwollen auch über den raschen Erlass von 3,7 Milliarden Dollar Schulden der Burmesen Ende April. Ein westlicher Botschafter in Rangun bezeichnet das Streichen als „hart an der Grenze des von den Geberländern geduldeten Verhaltens“. Dem Vernehmen nach hat der Pariser Club sein Veto eingelegt, deshalb konnte Japan die Schulden der Burmesen nur zu 60 Prozent erlassen. Der IWF zeigte sich über die Geschwindigkeit, mit der die Japaner die Schulden aus den Büchern nahmen, erstaunt: „So etwas haben wir noch nicht gesehen.“ Tokio hat auch neue Überbrückungskredite von rund 1 Milliarde Dollar versprochen, um die Burmesen vom Druck der Rückzahlung ihrer seit Jahrzehnten bestehenden Kredite bei der Weltbank und der Asiatischen Entwicklungsbank zu befreien. Dixon wird für diplomatische Verhältnisse sehr deutlich: „Myanmar kommt wohl nicht in Frage für einen Schuldenerlass.“ Da hatten die Japaner ihn freilich schon seit Monaten gewährt. Der Botschafter, der offiziell nicht sprechen darf, zieht die klare Verbindung zwischen dem Wunsch, große Entwicklungs- und Industrieprojekte zu ergattern, und Entwicklungshilfe. „Diese Chance hat Japan sehr früh erkannt und genutzt.“ Anders als der Westen hatte Japan nie einen Bann gegen Myanmar verhängt - das gab ihm nun eine gute Ausgangsposition. Der Gewinn ist nicht zu übersehen: Die Tokioter Banken wie Mitsubishi UFJ, Sumitomo Mitsui und Mizuho Financial sind längst in Rangun. Die Japaner bauen die Börse dort auf. Ihre Autoindustrie will erste Werke bauen. Und sie sollen den 2400 Hektar großen Industriepark Thilawa entwickeln.
Allerdings kommt Japan dabei den „Cronies“, den burmesischen Multimillionären, die ihr Vermögen durch die Nähe zur Junta machten, sehr nahe. Viele von ihnen stehen noch auf der schwarzen Liste der Amerikaner. Auch ist völlig offen, welche der Optionen am Ende eine wirkliche Rendite bringen wird. „Der politische Prozess ist jetzt auf dem richtigen Wege. Um unsere Wirtschaft aber aufzubauen, brauchen wir irgendein Modell, einen Fahrplan. Für so etwas gibt es aber kein Modell“, sagt Tin Maung Thann, der die burmesische Denkfabrik Egress in Rangun leitet. „Wir können doch nicht mehr die Lehren des 20. Jahrhunderts anwenden. Schließlich sind wir im 21. Jahrhundert.“


Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dapd, F.A.Z.

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