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03. September 2010

Im Gespräch: RWE-Chef Jürgen Großmann

„Bleibt der Ölpreis niedrig, wird Gas 2009 billiger“

31. Oktober 2008 In der wachsenden Sorge vor einer Rezession propagiert der RWE-Vorstandsvorsitzende Jürgen Großmann vertrauensbildende Maßnahmen - und will die Politik mit einem großen Investitionsprogramm zu Zugeständnissen gegenüber der Branche bewegen. Es winken bis zu 30 Milliarden Euro. Der RWE-Vorstandsvorsitzende Jürgen Großmann und sein Chefstratege im Vorstand, Leonhard Birnbaum im Gespräch.

Herr Großmann, wie stark beunruhigt Sie die Finanzmarktkrise?

Großmann: Finanzmarkt? Die Krise hat längst die Realwirtschaft erreicht. Schon trifft es unsere Volkswirtschaft, dass beispielsweise Amerikaner weniger Autos aus Deutschland kaufen und auch immer stärker als Nachfrager für chinesische Produkte ausfallen. Deshalb werden die Chinesen jetzt versuchen, mehr Produkte nach Europa zu exportieren. In China selbst ist der konjunkturelle Schub der Olympischen Spiele vorbei. Der Motor der Weltkonjunktur erlahmt. Da kommt noch einiges auf uns zu.

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Was heißt das für RWE?

Birnbaum: Wir sehen zuerst einmal die Schwierigkeiten unserer Kunden. Aber: Es gibt für uns auch Vorteile, zum Beispiel bei den Investitionen. Projekte werden billiger, Preise für Kraftwerkskomponenten fallen zum Teil wieder.

Großmann: Natürlich wird aus der Industrie weniger Strom nachgefragt. Aber trotz der stetigen Effizienzsteigerung der vergangenen Jahre ist der Verbrauch in Deutschland weiter gewachsen. Den Strom trifft es also aller Voraussicht nach zuletzt. Selbst bei einem nicht völlig unwahrscheinlichen Rückgang der Wirtschaftsleistung im Jahr 2009 können wir von einem konstanten oder sogar leicht steigenden Stromverbrauch ausgehen.

Ihren Kunden würde es vor allem dann bessergehen, wenn die Strom- und Gaspreise sänken . . .

Großmann: Das wird geprüft. Aber die Preise hängen vom Markt ab. Da gibt es unterschiedliche und zum Teil auch gegenläufige Einflüsse. Wenn der Ölpreis weiter niedrig bleibt, wird Gas 2009 billiger, aber mit einer Verzögerung von mehr als einem halben Jahr. Und bis ins zweite Halbjahr hinein waren die Ölpreise noch hoch. Beim Strom haben wir nun zwar fallende Preise an den Terminmärkten. Doch vorher gab es eine länger andauernde Phase steigender Preise für Lieferungen 2009 und 2010.

Was raten Sie der Politik, um den bevorstehenden konjunkturellen Einbruch so klein wie möglich zu halten?

Großmann: Notwendig sind vertrauensbildende Maßnahmen. Wir bei RWE bieten ein gewaltiges Investitionsprogramm auf: neue Kraftwerke und Infrastruktur für 20 bis 30 Milliarden Euro, den größten Teil davon in Deutschland. Dies würde der Konjunktur guttun. Geld und Bedarf sind da – nicht allein bei RWE, sondern in der gesamten Energiebranche.

Sie haben das Geld? Sind in diesem Umfeld nicht doch Schwierigkeiten mit der Finanzierung zu erwarten?

Großmann: Unser Refinanzierungsbedarf ist in den nächsten Jahren sehr gering. Er liegt bis einschließlich 2011 nur leicht über 1 Milliarde Euro. Auch danach ist die Fälligkeitsstruktur unserer Anleihen sehr ausbalanciert. Damit sind wir gut in der Lage, die anstehenden Investitionen auch solide zu finanzieren.

Das Investitionsprogramm haben Sie aber eigentlich doch schon vor einem Jahr kurz nach Antritt im RWE-Vorstand angekündigt.

Großmann: RWE hat das Investitionsprogramm unter meiner Führung deutlich aufgestockt. Bis 2012 sind es 32 Milliarden Euro, davon etwa die Hälfte in Deutschland. Etwa 10 Milliarden Euro betreffen Kraftwerks-Neubauprojekte, die schon angelaufen sind oder kurz bevorstehen. Dabei sind wir durchaus noch flexibel. So würde RWE gern zwei weitere Braunkohleblöcke im Rheinischen Revier errichten. Die Braunkohle ist Deutschlands einziger wirtschaftlicher, also keine Subventionen benötigender Energieträger.

Umweltminister Sigmar Gabriel hat gesagt, dass die Krise kein Grund ist, an den Kohlendioxidzielen zu rütteln. Eine Vollauktionierung der Emissionszertifikate träfe die Braunkohle am härtesten.

Großmann: Entscheidend für die Kohlendioxidminderung ist nicht die Frage der Auktionierung, sondern die Gesamtzahl der zugeteilten Zertifikate. Länder, die auf Kohlekraftwerke angewiesen sind, müssen die Chance und die Zeit bekommen, das Verfahren der Kohlendioxidabspaltung zu realisieren. Andere Mitgliedstaaten sehen das genauso. In dieser Frage sind Länder wie Polen oder Italien Verbündete.

Brüssel und Berlin lassen die Kohlendioxidpläne schleifen, und RWE hilft Deutschlands Wirtschaft mit einem Investitionsprogramm auf die Beine?

Großmann: Die Klimaziele werden natürlich langfristig bestehen bleiben. Doch erstens sind wir es nicht allein, die in Deutschland neue Kohlekraftwerke bauen wollen, aber wegen der verschärften Emissionshandelspläne und des Widerstands in Teilen der Bevölkerung erst einmal haltmachen. Zweitens sollte die Politik erkennen: Es geht um ein gewaltiges Konjunkturprogramm in der Krise und um Arbeitsplätze in Deutschland. Drittens brauchen wir neue Kraftwerke – für mehr Klimaschutz und mehr Wettbewerb.

Der deutschen Wirtschaft würde es aber keine Freude bereiten, wenn die Stromproduzenten weiterhin kostenlose Emissionszertifikate erhalten und in den Strompreis einpreisen.

Großmann: Auch ich finde es nicht richtig, was gegenwärtig mit der sektoralen Differenzierung geplant ist. Große Konzerne aus den Grundstoffindustrien sollen bei den Emissionskosten geschont werden. Aber die vielen und gerade für die deutsche Volkswirtschaft sehr wichtigen mittelständischen Betriebe, für die Elektrizität ebenfalls ein schwerer Kostenblock ist, haben das Nachsehen. Da muss man gerechtere Lösungen finden.

Zum Beispiel gedeckelte Industriestrompreise wie in Frankreich, Spanien oder Italien?

Großmann: Das ist nicht zulässig im Wettbewerbsrecht der Europäischen Union. In Ländern, die Kohlestrom erzeugen, müssen Übergangslösungen gefunden werden, bis neue Technologien wie die Abscheidung von Kohlendioxid technisch entwickelt sind. Wenn jedoch die knappen Emissionszertifikate für sämtliche Kraftwerke ausschließlich über Auktionen erhältlich sind, wird die Volatilität dieser Handelszertifikate erheblich zunehmen. Das kann den Strompreis zusätzlich treiben.

Was bedeutet die Krise für den RWE-Konzern?

Großmann: Mit Blick auf unsere Aktie bekommt das Wort vom „Witwen-und-Waisen-Papier“ wieder einen ganz neuen – positiven – Klang. Wir bieten Stabilität und eine hohe Dividendenrendite.

Und wie wirken sich die Geschehnisse auf Ihre bisherigen Investitionsplanungen aus?

Birnbaum: Bei Projekten im Bereich der regenerativen Energien haben sich viele Finanzinvestoren zurückgezogen. Das verbilligt manche Projekte, löst spekulative Preisblasen in diesem Segment und macht sie für strategische Investoren wie uns wieder interessant.

Freie Bahn für RWE in der Nordsee, wo man große Pläne, aber noch keine Lizenz hat?

Birnbaum: Ja und nein. Wir sind eng an verschiedenen großen Vorhaben dran. Aber wir wollen unsere Investitionen streuen. Das Budget steht: Wir investieren pro Jahr mehr als 1 Milliarde Euro und bauen bis 2012 unsere installierte Leistung im Bereich der erneuerbaren Energien auf 4500 Megawatt aus. Wir gehen auch an ausländische Standorte, wo die Windfarmen näher an der Küste stehen und mit weniger Aufwand errichtet werden können.

Großmann: Wir wollen auch europäischer werden und müssen dazu den Kraftwerkspark im Ausland ausbauen.

Birnbaum: Dafür sehe ich trotz der aktuellen Situation zunehmend Chancen in Mittel- und Südosteuropa. Angefangen in Polen, wo die Regierung die Privatisierung der Versorgungswirtschaft nicht länger verzögern kann, bis nach Bulgarien, wo wir möglichst bis 2016 ein Kernkraftwerk bauen wollen.

Rechnen Sie auf der außerordentlichen Aufsichtsratssitzung am 2. November mit Widerständen zum Bau dieses Atommeilers?

Großmann: Was spricht gegen RWE-Investitionen in solchen Ländern, wenn unsere Konkurrenten denselben Weg gehen? Auch in Großbritannien haben wir Pläne zum Bau von Kernkraftwerken. Warten Sie mal ab, wie schnell dort erste Neubauten konkret werden. Die britische Regierung sieht Kernkraftinvestitionen auch als Mittel gegen die Wirtschaftskrise.

Das Gespräch führten Carsten Knop und Werner Sturbeck.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Christian Thiel / F.A.Z.

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