21. Mai 2013

Reise durch Südostasien

Obama in Burma

Von Christoph Hein
17. November 2012 Als der Sturm die Dächer der Häuser wegriss, als er Wände aus Bambusrohr eindrückte wie Pappe, und Schiffe abheben ließ als seien sie aus Papier, da wussten die Burmesen, es würde sich noch viel mehr ändern: Für sie war das Brausen nur ein Zeichen des Himmels.
Der Zyklon Nargis, der 2008 mehr als hunderttausend Menschen ihr Leben kostete, war für sie ein Orakel, eine Offenbarung, ein göttlicher Fingerzeig darauf, dass das verhasste Militärregime bald weggefegt werde, der Sturm den Generälen ihre Uniformen vom Leib reißen würde, das Land von der Junta gesäubert werde, der Neuanfang bevorstand. Sie sollten recht behalten.
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Opposition hofft auf „Oburma-Effekt“

Seit jeher blicken die Burmesen auf Zeichen von ganz oben. Nicht nur vor großen Entscheidungen ließ sich der brutale Junta-Chef Than Shwe die Sterne deuten. Anfang dieser Woche wurde die Hauptstadt Naypyidaw von Erdstößen erschüttert. Was wollen die Götter den Burmesen diesmal sagen? Wird nun die scheinbar bleierne Ordnung in diesem Teil Asiens zerfallen? Vieles deutet darauf hin. Doch ist es weniger göttliche Fügung als irdische Machtpolitik, die an den Grundfesten dieses Zentrums Asiens rüttelt.
Sie kommt an diesem Montag in Gestalt Barack Obamas nach Burma. Als erster amerikanischer Präsident wird er das Land besuchen, das sich selbst Myanmar nennt. Schon bei der ersten Wahl Obamas 2008 hoffte die burmesische Opposition auf den „Oburma-Effekt“ für ihr Land, das Stärken der Demokratiebewegung. Auch für Thein Sein, den vom General zum Erneuerer Burmas weiß gewaschenen Präsidenten, wird der Händedruck mit seinem amerikanischen Amtskollegen zum Ritterschlag.
Obama kommt nicht aus Menschlichkeit. Seine Reise durch Südostasien ab diesem Samstag ist das Ergebnis globaler Strategiespiele. Es spricht für die Weitsicht im Weißen Haus, diesen Knotenpunkt Asiens in den Fokus der Weltöffentlichkeit zu rücken. „Kurz gesagt finden wir in Burma den Code, um die Welt der Zukunft zu verstehen. Burma ist der Preis, um den zu kämpfen sich lohnt - wie China und Indien dies alles andere als dezent schon machen“, sagt Robert Kaplan, Asienkenner und Berater des amerikanischen Verteidigungsministeriums.
Zwar wurde Burma von der Junta abgewirtschaftet und ist heute eines der Armenhäuser Asiens. Doch liegt hier die wichtigste Kreuzung der Region, schiebt sich das Land wie ein Keil zwischen Indien, China und Südostasien. „Burma liegt genau in der Mitte zwischen Delhi und Bombay und Schanghai und Hongkong. Es ist die fehlende Verbindung“, sagt Thant Myint-U, burmesischer Historiker und Enkel des früheren Generalsekretärs der Vereinten Nationen, U Thant.

Mehr als ein Transitstaat

Hier stoßen die beiden bevölkerungsreichsten Länder der Welt aufeinander, berühren sich die größte Diktatur und die größte Demokratie der Erde, ringt die größte Wirtschaftsmacht Asiens mit der drittgrößten um Rohstoffe. Durch Burma zogen Mönche und Legionäre, Kolonialherren und Söldner, Samurai und persische Prinzen, Händler und Emissäre.
„Insbesondere China wünschte sich Burma als einen Vasallenstaat für den Bau von Häfen, Autobahnen und Pipelines, die Chinas Süden und Westen den Zugang zum Meer verschaffen, durch den Chinas immer weiter wachsende Mittelklasse ihr Öl vom Persischen Golf erhalten kann“, beschreibt Kaplan die Lage.
Doch Burma ist mehr als ein Transitstaat: Noch bis in die fünfziger Jahre war es das reichste Land Asiens, es besitzt Öl und Jade, Holz, Gas und Wasserkraft im Überfluss. Einer von Obamas Vorgängern, Präsident Herbert Hoover, machte hier Anfang des vergangenen Jahrhunderts mit einer Silbermine sein Glück.

Bollwerk oder Sprungbrett?

Auch in den Sandkastenspielen der Militärs gewinnt Burma an Gewicht. Könnte es doch das Bollwerk sein, das Peking den Zugang zum Golf von Bengalen versperrt. Oder aber dessen Sprungbrett vor Indiens Küste. Aus Pekings Sicht ist Burma die letzte Perle in der Kette, die China in den vergangenen Jahren um die Atommacht Indien gezogen hat: Tibet, mit den Quellen der südasiatischen Flüsse, Pakistan, Indiens Erzfeind, Sri Lanka vor Indiens Südspitze - überall bauen die Chinesen Häfen, Straßen und Bergwerke. Bleibt Burma unter chinesischem Einfluss, ist Indien umzingelt.
Jetzt aber herrscht in Burma Zwischenzeit. Die machen sich die Amerikaner zunutze. Die Elite Burmas, Generäle und von ihnen abhängige Geschäftsleute, die Cronies, suchten neue Quellen ihres Reichtums, wollten nicht länger nur die Vasallen Pekings sein. Das Burma der Generäle bezeichnete Thant Myint-U als „Paradebeispiel für die albtraumhaften Missstände des 21. Jahrhunderts, ein misslungener oder scheiternder Staat, der repressiv und unfähig ist, sich den drohenden humanitären Probleme zu stellen.“
Die Selbsthilfe des Volkes während der Zyklon-Katastrophe warnte die überforderten Generäle, dass selbst die ausgebluteten Burmesen noch Kräfte mobilisieren können. Die Rebellion in Nordafrika ließ die Potentaten fürchten, dass auch ihr Volk sich erheben könnte. Sie spürten, dass die Welt keine weiteren Bilder ermordeter Mönche auf den Straßen Ranguns akzeptieren würde.

Freiheit schnuppern, Marktwirtschaft lernen

Und schließlich machten die Nachbarländer Südostasiens Druck, denn sie wussten, dass sie nur profitieren und Freihandel mit dem Westen beginnen könnten, wenn sich die Generäle zurückziehen würden. Die Zeit drängt: 2014, im entscheidenden Jahr bevor Südostasien seine Wirtschaftsunion beginnen will, wird ausgerechnet Burma den Vorsitz der Staatenvereinigung Asean übernehmen.
Und so wirkt das Land plötzlich, als habe eine gute Fee es aus seinen Albträumen erweckt. Die Nobelpreisträgerin und vergötterte Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi bereist die Welt und zieht in das burmesische Parlament ein. Die Chinesen müssen nach Bürgerprotesten den Bau eines Staudamms in Burma einfrieren. Politische Gefangene werden auf freien Fuß gesetzt. Die Zensur wird gehoben, ein Investitionsgesetz verabschiedet. Die Generäle und ihre Cronies verordnen Demokratie, und plötzlich darf der Rest des Landes an der Freiheit schnuppern und Marktwirtschaft lernen.
Dies sind Tage, an denen Karten gemischt und Pflöcke eingerammt werden. Wer jetzt nicht in Burma Fuß fasst, der wird es schwer haben. Coca-Cola und Konkurrent Pepsi wollen den Markt der 60 Millionen Menschen erobern, General Electric will Kraftwerke verkaufen, Mastercard und Visa wollen in einem Land Kreditkarten einführen, das bis vor wenigen Wochen noch drei Wechselkurse kannte und Dollars nur akzeptiert, wenn sie gebügelt und nicht zerknittert sind.

Obama will Burma aufbrechen

„Der Besuch Obamas ist eine starke Unterstützung für die Transformation des Landes und wird helfen, die Aufmerksamkeit der Geschäftswelt auf sein Wachstumspotential zu lenken“, sagt Elisabeth Buse, Asienchefin von Visa. Gerade erst entsandten die Amerikaner Derek Mitchell als ihren ersten Botschafter in 22 Jahren nach Rangun. Dort paukt er nun täglich Burmesisch bei einem Studentenführer, der bis vor kurzem noch in Haft saß.
Obama will Burma aufbrechen, einbinden in den Gürtel, den die Amerikaner seit zwei Jahren um China legen. „Die militärische Hinwendung der Amerikaner in Richtung Ostasien und das wachsende Engagement mit Myanmar wird die chinesischen Bedenken nähren, von Verbündeten der Amerikaner umzingelt zu sein“, sagt James Brazier von IHS Global Insight. Hillary Clinton formuliert es prägnanter: „We are back“, hatte die Außenministerin ausgerechnet im China-kritischen Vietnam 2010 so laut ausgerufen, dass es Peking in den Ohren dröhnte.
Nach der Konzentration auf den Mittleren Osten hat Obama erkannt, dass er China nur dann in Schach halten kann, wenn er die Demokratien und die China-Gegner der Region stärkt. Nur so ist es möglich, die enormen Geschäftschancen der Region im „asiatischen Jahrhundert“ zu heben.

Vom Sorgenkind zum Herzstück der Region

Hier liegt der Ausgangspunkt der „Transpazifischen Partnerschaft“, die Amerika aufbaut. Die Treue der Südostasiaten belohnte Washington, als es die Marinekontingente aufstockte, nachdem der Streit zwischen China, Japan und einigen südostasiatischen Staaten um Inseln, Rohstoffe und Fischgründe im Südchinesischen Meer wieder aufflammte. Obama besucht an diesem Wochenende aber nicht nur Burma, sondern auch das benachbarte Thailand und Kambodscha, um am Ostasien-Gipfel teilzunehmen.
Dort trifft der gerade wiedergewählte Präsident den scheidenden chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao, Indiens Ministerpräsidenten Manmohan Singh, den russischen Präsidenten Wladimir Putin, Japans Premier Yoshihiko Noda und Australiens Regierungschefin Julia Gillard. Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), bereist seit Mittwoch Malaysia und die Philippinen, und geht dann ebenfalls zum Gipfel. Außenministerin Hillary Clinton wird am heutigen Samstag in Singapur die Investitions- und Handelsstrategie der Amerikaner in Asien vorstellen.
„Asien führt das globale Wachstum an und es ist offensichtlich, wie die Länder ihre Fundamentaldaten verbessert haben. Natürlich kann die Welt jede Menge von Asien lernen“, sagt Anoop Singh, der Asienchef des IWF. Die Außenverschuldung der Region als Anteil ihrer Wirtschaftsleistung sank von 31 Prozent im Krisenjahr 1997 auf nun 16 Prozent. Gemessen in Kaufkraftparitäten steht Asien ohne Japan heute schon für 29 Prozent der Weltwirtschaft. 1997 waren es nur 18 Prozent.
Das alles wissen Asiaten und Amerikaner. Sie wissen es schon lange. Deshalb mussten vor 70 Jahren gut 15000 meist schwarze Pioniere der Amerikaner und 35000 Einheimische eine gigantische Dschungeltrasse vom indischen Assam durch Burma bis nach Kunming in China bauen. Die Ledo-Road diente der Versorgung der Chinesen unter Tschiang Kai-schek, um Kriegsgegner Japan etwas entgegensetzen zu können.
Die Soldaten litten unter Moskitos und Monsun, Schlangen und Blutegeln. Im letzten Kriegsjahr aber brachten sie schon 150.000 Tonnen Material über die Passstraße. Obamas Besuch wird helfen, Burma in den nächsten Jahren mit einem ganzen Netz von Straßen und Bahnlinien, Kraftwerken und Häfen zu überziehen. Das Sorgenkind Asiens wandelt sich in atemberaubender Geschwindigkeit wieder zu einem Herzstück der Region.


Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dapd

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