23. Mai 2012

Angeschlagener Netzwerkausrüster

Nokia Siemens erwägt stärkeren Stellenabbau

Von Rüdiger Köhn, München
03. Februar 2012 Die Sanierung der angeschlagenen Nokia Siemens Networks (NSN) wird in Deutschland voraussichtlich ein größeres Ausmaß annehmen als noch zur Wochenmitte angenommen. Nach Informationen der F.A.Z. könnte der angekündigte Abbau von 2900 Arbeitsplätzen noch höher ausfallen. Zusammen mit geplanten Veräußerungen von Randaktivitäten und der - wohl einkalkulierten - geringeren Akzeptanz von Umzugsangeboten könnten mehr als 4000 der 9100 Mitarbeiter betroffen sein.
Darauf lassen Aussagen und Andeutungen schließen, die von der Geschäftsführung des deutsch-finnischen Netzwerkausrüsters in den vergangenen Tagen gegenüber den Mitarbeitern gemacht worden sind. Im Blickpunkt steht dabei fast ausschließlich die Zentrale in München, die bis Ende dieses Jahres geschlossen werden soll. Wie zu hören ist, strebt das Management anscheinend an, die Zahl der Stellenstreichungen in München über die bislang angenommenen 2000 Arbeitsplätze hinaus zu erhöhen. Damit ist auch nicht auszuschließen, dass die verkündete Gesamtzahl von 2900 abzubauenden Stellen höher ausfallen könnte. Aus dem Umfeld des Unternehmens ist zu vernehmen, dass die Aussagen des hochdefizitären Gemeinschaftsunternehmens von Siemens und Nokia zum Teil widersprüchlich und diffus sind. So war es schon im November, als NSN den Abbau von 17.000 der weltweit 71.000 Beschäftigten angekündigt hatte. Am vergangenen Dienstag teilte NSN mit, dass der Standort München mit 3600 Mitarbeitern geschlossen werden soll.
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Das Unternehmen hat nie Gewinn erzielt

Rund 1600 Mitarbeitern werde ein Umzug angeboten. Der mit Abstand größte Teil entfällt auf Münchner Mitarbeiter, die zu den fünf Standorten Berlin, Düsseldorf, Bonn, Bruchsal und Ulm wechseln sollen. Gewissheit gibt es noch nicht, da NSN nach Angaben einer Sprecherin auch in München Teile verkaufen will, etwa die Festnetzaktivitäten. Vom Ausgang hängt die tatsächliche Höhe des Stellenabbaus und der Verlagerung von Arbeitsplätzen ab.
NSN hat seit der Gründung 2007 noch nie Gewinn erzielt. Nun sollen die Kosten um 1 Milliarde Euro sinken, im nächsten Jahr soll das Unternehmen einen Gewinn erzielen. Im Unternehmensumfeld wird vermutet, dass die von Nokia und Siemens im Herbst vergangenen Jahres gegebene Liquiditätsspritze von 1 Milliarde Euro für die Sanierung komplett aufgebraucht werden muss, wenn nicht sogar mehr.

Umstrittenes Umzugsangebot

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass ein beachtlicher Teil der Münchner Beschäftigten das anstehende Umzugsangebot nicht annehmen dürfte, worauf die NSN-Geschäftsführung offenbar setzt. Dafür spricht nicht zuletzt die Altersstruktur der Belegschaft. Deren Durchschnittsalter liegt zurzeit bei 49 Jahren. 1500 Beschäftigte sind älter als 50 Jahre, rund 1600 zwischen 40 und 49 Jahre alt. Gerade für die älteren Beschäftigten dürfte es allerdings auch schwierig werden, in München eine neue Stelle zu finden.
NSN-Finanzvorstand Marco Schröter hatte am Dienstag betont, das Umzugsangebot an 1600 Mitarbeiter sei kein verdecktes Restrukturierungsprogramm. Um den Umfang des Stellenabbaus insgesamt abzuschätzen, muss zudem der Verkauf von Randaktivitäten berücksichtigt werden, der angeblich schon auf Hochtouren läuft. Allein mit der Abgabe des Breitbandgeschäfts fallen schon 300 Arbeitsplätze aus dem NSN-Verbund heraus. Es wird geschätzt, dass darüber hinaus eine hohe dreistellige Zahl von Arbeitsplätzen von den geplanten Verkäufen betroffen sein könnte, verbunden mit einer unsicheren Zukunft für die Beschäftigten.
Olaf Horsthemke, Geschäftsführer von NSN Deutschland, soll in dieser Woche vor Mitarbeitern gesagt haben, „dass das Vorhaben ein massiver Eingriff in die Lebensplanung der Mitarbeiter“ sei. Entgegen sonstiger Gepflogenheiten in ähnlichen Situationen hat Horsthemke nicht aber von sozialverträglichen Lösungen gesprochen. Auch Finanzchef Schröter vermied in seinen Aussagen den Begriff der Sozialverträglichkeit. Eine Unternehmenssprecherin betonte jetzt jedoch, dass es auch NSN um sozialverträgliche Lösungen gehe. In den vergangenen beiden Tagen wurden in den Wirtschaftsausschüssen die Arbeitnehmervertreter zunächst über die Pläne informiert.
Bevor die tatsächlichen Verhandlungen über Sozialplan und Interessenausgleich aufgenommen werden, wollen die Arbeitnehmervertreter zunächst über den Erhalt des Standortes und einen Zukunftssicherungsvertrag sprechen. Sie hoffen immer noch auf eine Garantie zumindest für eine bestimmte Zahl von Mitarbeitern. Auch dazu äußerte sich das Unternehmen auf Anfrage nicht.

Bereits im vergangenen November sorgte Nokia Siemens weltweit für Unruhe: Die Ankündigung des Kahlschlags mit dem Abbau von fast jeder vierten Stelle in der Welt blieb unpräzise. Erst später kam heraus, dass in dieser Zahl die beabsichtigten Verkäufe von Randaktivitäten noch gar nicht berücksichtigt gewesen sind. Am vergangenen Dienstag sprach NSN-Finanzvorstand Schröter in einer Telefonpressekonferenz davon, dass von der Ausgliederung weltweit nicht mehr als 2000 Mitarbeiter und in Deutschland einige hundert Mitarbeiter davon betroffen seien. Diese Aussage wird zunehmend angezweifelt.
Ein schleichender Prozess kommt darin zum Ausdruck, dass NSN im November noch von 9300 deutschen Beschäftigten sprach. Die Zahl ist in wenigen Monaten auf 9100 Mitarbeiter gesunken. Es wird ebenso nicht ausgeschlossen, dass die vor einigen Jahren erworbene Service-Gesellschaft der Deutschen Telekom mit 1150 Mitarbeitern ebenfalls von Stellenstreichungen bedroht sein könnte.

Die besten Chancen werden noch Ulm eingeräumt

Unter den deutschen Mitarbeitern werden die Zweifel immer lauter, dass auch die Perspektiven der anderen verbleibenden Standorte unklar sind. Immer mehr wird die Tragfähigkeit des Sanierungskonzeptes zumindest in Deutschland bezweifelt. Mit Deutsche Telekom (Bonn) und Vodafone (Düsseldorf) hat NSN zwar zwei große Kunden. Auch mit den Mobilfunkbetreibern O2, E-Plus sowie weiteren größeren Kunden gibt es Geschäfte. Doch sollen die Beziehungen zu kleinen und mittleren Unternehmen abgebrochen werden, womit sich das Gemeinschaftsunternehmen in Deutschland aus der Fläche zurückzieht.
In Berlin und Bruchsal wird zwar noch produziert, doch hat es bereits Produktionsverlagerungen ins Ausland, unter anderem nach Polen, gegeben. Die besten Chancen werden noch Ulm eingeräumt. Dort arbeiten vor allem Entwickler an der neuen, vierten Mobilfunkgeneration LTE. Dorthin könnten vor allem die Entwickler aus München umziehen, von denen es in der Zentrale mehrere Hundert gibt. Nach Angaben von NSN solle auch in die Forschungsstandorte Berlin und Düsseldorf investiert werden. Die Mittel dafür könnten aus der vor kurzem vereinbarten Kreditlinie über 1,3 Milliarden Euro genommen werden.
Der Wettbewerb im Ausrüstergeschäft für Telekommunikationsnetzwerke wird immer härter. Die chinesischen Konkurrenten Huawei und ZTE treten immer aggressiver auch in Deutschland auf, was die Position von NSN nur noch weiter schwächt und das Gemeinschaftsunternehmen unter einen gewaltigen Druck setzt. Auch die Telekom hat mittlerweile Huawei zum Lieferanten erkoren. Zwar beansprucht NSN immer noch die Position Nummer zwei auf dem Weltmarkt hinter der schwedischen Ericsson. Die wird aber mittlerweile angezweifelt, soll doch Huawei nicht zuletzt wegen preisaggressiver Angebote aufgerückt sein.
 


Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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