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Klimaanlagen
Nach Daimler boykottiert auch VW umstrittenes Kältemittel
Von Christoph Ruhkamp
09. November 2012 Es hätte das Klima schützen sollen: ein neues Kältemittel für Klimaanlagen in Autos mit dem sperrigen Namen „R1234yf“. Doch die Sicherheit des Mittels, das sich unter hoher Hitze in extrem ätzende Flusssäure verwandeln kann, steht schon länger in Zweifel. Der Autohersteller Daimler hat sich deshalb nach besonderen eigenen Unfalltests Ende September endgültig dagegen entschieden. Damit stand der Stuttgarter Konzern vorerst allein da. Jetzt zieht offenbar Volkswagen nach. Am Rande einer Branchenkonferenz in Berlin gab der VW-Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch zu verstehen, dass er Kohlendioxid für das richtige Kältemittel halte. Als Nachteil von CO2 als Kältemittel gilt jedoch, dass es im Vergleich teurer herzustellen und schwerer ist. Für eine Übergangszeit will VW nun auf das alte Kältemittel R134a setzen, das jedoch nicht den EU-Vorgaben für Klimaschutz entspricht.
Nach den Vorgaben der EU sollten neue Autotypen schon seit einem Jahr mit dem neuen klimaschonenden Kältemittel ausgerüstet werden. Die deutsche Autobranche hatte sich in den Jahren davor die Entscheidung für R 1234yf durchaus nicht leicht gemacht. Es wurde in einem weltweiten Verbund von Fahrzeugherstellern, Zulieferern und Instituten unter Leitung des Weltautoingenieurverbands Society of Automotive Engineers International (SAE International) intensiv auch auf seine Sicherheit hin geprüft und schließlich für gut befunden. Die amerikanische Umweltbehörde EPA bescheinigte dem neuen Kältemittel gleichfalls eine hohe Sicherheit.
Doch neue, von Daimler selbst als „Real life“-Tests bezeichnete Untersuchungen zeigen, dass die Entzündung des neuen Kältemittels bei einem schweren Unfall doch deutlich leichter möglich sein kann, als es die bisherigen Tests nahelegten. „Wir prüfen zusammen mit den Herstellern diese Ergebnisse und beraten das weitere Vorgehen“, sagte der Präsident des Verbands der Autoindustrie (VDA), Matthias Wissmann, dieser Zeitung. Dazu gehöre auch, dass mit den nationalen Genehmigungsbehörden und auf europäischer Ebene gesprochen werde. Die EU-Gremien hätten die Schlüsselposition inne. Noch lägen die Ergebnisse aus den Gesprächen und Untersuchungen der Expertengruppe, die sich seit vielen Jahren mit dem Thema Kältemittel befasse, nicht vor. Daher könne der VDA zum jetzigen Zeitpunkt auch noch nicht über das weitere Vorgehen spekulieren. Man habe natürlich das Ziel, eine Lösung zu finden, die hohe Sicherheitsstandards mit der erforderlichen Klimafreundlichkeit vereinbare. Das aber brauche Zeit.
Das Kältemittel hat schon lange für Wirbel in der Autoindustrie gesorgt: Erst warnten mehrere Umweltverbände, die verwendete Chemikalie sei gefährlich für Menschen und könne im Falle schwerer Unfälle schlimme Verletzungen hervorrufen. Denn Flusssäure kann sich bei Hautkontakt schnell bis auf die Knochen durchätzen und dort schmerzhafte und irreversible Schäden anrichten. Dann eröffneten die Kartellbehörden auch noch ein Verfahren gegen die beiden amerikanischen Hersteller Honeywell und Dupont wegen des Verdachts auf Betrug bei der Anmeldung eines Patents. Und schließlich gewährte die EU-Kommission der Branche einen Aufschub bis zum Jahresende für die Einführung von R1234yf. Als offizielle Begründung für den Aufschub nannte die Kommission im April in einem amtlichen Brief an die technischen Zulassungsbehörden Lieferschwierigkeiten der Hersteller wegen des Erdbebens in Japan und fehlender Genehmigungen für eine neue Fabrik in China.
Produziert wird R1234yf nur von den beiden Chemiekonzernen Dupont und Honeywell, die dank des Patents ein vorübergehendes Monopol besitzen. Die beiden Unternehmen haben zuletzt mitgeteilt, die Lieferschwierigkeiten seien beseitigt, so dass die gesamte Nachfrage ohne Schwierigkeiten bedient werden könne.
Text: F.A.Z.
© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2013.
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