19. Mai 2013

Kleingarten

Grüne Gemeinschaft

Von Sabine Hildebrandt-Woeckel
29. Juni 2012 Eine eigene Parzelle? „Um Gottes Willen!“ Noch bis vor ein paar Jahren war dies der erste Gedanke, der Caterina Hildebrand beim Thema Kleingarten in den Kopf kam. „Langeweile, ja - und auch irgendwie Spießigkeit“ verband sie mit dem eingezäunten Grün.
Doch dann kam alles anders: Die studierte Museologin wurde 2006 Direktorin des Deutschen Kleingärtnermuseums - und das liegt, wie sollte es anders sein, inmitten einer Kleingartenanlage. An historischer Stätte sogar - im Vereinshaus des ersten Schrebervereins der Welt, der schon 1864 in Leipzig gegründet wurde. Zwei Jahre nach Amtsantritt war auch Hildebrand infiziert, pflanzt seitdem eigene Tomaten und Erdbeeren - und ist selbst erstaunt, wie viel Spaß ihr das macht.
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Die Anfragen nehmen fast überall zu

Damit liegt sie im Trend. Knapp 1,2 Millionen Klein- oder Schrebergärten gibt es heute in Deutschland, rund fünf Millionen Menschen nutzen sie. Seit ein paar Jahren steigt das Interesse wieder stetig. „Noch Anfang des Jahrtausends hatten wir Angst, ein Verband der alten Leute zu werden“, erzählt Norbert Franke, Präsident des Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e.V. (BDG), in dem knapp unter eine Million Kleingärtner organisiert sind. „Aber jetzt nehmen die Anfragen fast überall wieder zu.“
Vor allem junge Familien zieht es in den eigenen Garten. In den vergangenen fünf Jahren machten sie 45 Prozent aller Neuverpachtungen aus, so die Statistik des BDG. Auch bei Familie Hildebrand waren es die Kinder, die den Ausschlag gaben. Zwei und acht Jahre sind sie alt und „genießen die Freizeit in der Natur sehr“.
Wobei ihre Mutter allerdings gleich betont, dass es den Kleingärtner heute nicht mehr gibt. Rund 150 Grundstücke zählt ihre Anlage. Sie gehören Rentnern, Familien, Alleinerziehenden oder kinderlosen Paaren. Und auch die sozialen Hintergründe sind unterschiedlich. Seite an Seite gärtnern Krankenschwestern, Ärzte, Hartz-IV-Empfänger und Museumsdirektoren. Was die Wissenschaftlerin dabei besonders freut: „In der Kleingartenanlage gibt es einen Zusammenhalt, der im Alltag so nicht immer funktioniert.“

Bunte Mischung

Diese Einschätzung teilt Friedrich Pils, Vorsitzender der Kleingartenanlage Nord Ost 53 in München. „Den Durchschnitt der Münchner Menschen“, so der 63 Jahre alte Banker, finde man in seiner Anlage. „Mal abgesehen von den oberen 10 000, die sich auch in einer Stadt wie der bayerischen Landeshauptstadt eine Villa mit großem Garten leisten können.“
Nicht nur die beruflichen Hintergründe, auch die Nationalitäten sind bunt gemischt. Wobei es gerade der soziale Zusammenhalt ist, der vielen Anlagen auch zu schaffen macht. Sehr alte Pächter geben ihren Garten oft deswegen nicht auf, weil sie sich in der Anlage geborgen fühlen. Schwere Arbeiten übernehmen junge Nachbarn. Das sei schön und wünschenswert, hebt Pils hervor, habe aber auch dazu geführt, dass der Altersschnitt auch heute noch bei 60 Jahren liegt.
Die Wartefrist beträgt oft Jahre - vor allem in den Großstädten Die Gründe sind nicht immer dieselben, aber gerade in Städten ist naturgemäß das Interesse groß. Zum einen, zählt Pils auf, seien die hohen Mieten dafür verantwortlich, dass viele Familien sich den Traum vom Häuschen mit Garten auch am Stadtrand nicht erfüllen können - und stattdessen auf den Kleingarten ausweichen. Zum anderen gäbe es aber auch sehr viele Menschen, die das Stadtleben inmitten dem Trubel der Innenstadt schlicht nicht missen wollen, dennoch aber ein paar Quadratmeter Grün als Ausgleich schätzen. Und, was den passionierten Hobbygärtner besonders freut: Deutlich häufiger als noch vor ein paar Jahren ist es auch wieder der Wunsch, gesundes Obst und Gemüse selbst anzubauen.

Selbstversorger auf dem Vormarsch

“Immer mehr Menschen begreifen, dass sie den größten Einfluss auf die Qualität ihres Gemüses haben, wenn sie es selbst ziehen.“ Das Interesse an Bioobst und -gemüse ist mittlerweile so groß, dass auf dem letztjährigen Bundesverbandstag die Ausbildung von 5000 zusätzlichen Fachberatern beschlossen wurde, die Interessierte wieder an die Grundlagen des ökologischen Anbaus heranführen. „Viele wissen ja gar nicht mehr, wie das geht.“
Die Rückbesinnung freut die Verbandverantwortlichen besonders. Denn eigentlich war das Thema Eigenversorgung von Anbeginn an Sinn und Zweck der Kleingartenanlagen, wie auch das Leibziger Kleingärtnermuseum zeigt. Damit sich die Fabrikarbeiter Ende des 19. Jahrhunderts, die oft in Baracken wohnten, ihr eigenes Gemüse anbauen konnten, stellten Arbeitgeber und Verbände in Parzellen aufgeteilte Gelände zur Verfügung. In den zwei Weltkriegen und auch lange danach waren viele Kleingärten sogar überlebenswichtig. Von den sechziger Jahren an ging es dann vor allem um Erholung. Anbauflächen wichen Wiesen, Hollywoodschaukeln und Sandkästen eroberten die Anlagen.
Allerdings: Mindestens ein Drittel eines Kleingartens musste und muss zum Anbau von Essbarem verwendet werden. So schreibt es das Bundeskleingartengesetz, kurz BKleingG, vor, das zuletzt 2006 angepasst wurde. Das BKleingG regelt sehr detailliert, wie groß Parzelle und Laube sein dürfen, was der Kleingarten kostet, dass man darin übernachten, aber nicht wohnen darf, und wie überhaupt das Miteinander abläuft.

Kaufen nicht möglich

Dass es vor allem diese strikt erscheinenden Vorgaben und die Organisation der Kleingärtner in Vereinen ist, die auf Außenstehende oft befremdlich, mitunter sogar abschreckend wirken, weiß auch BDG-Präsident Franke. Er macht jedoch deutlich, dass es eben diese Struktur sei, die dafür sorge, dass Kleingärten auch weiterhin von jedermann nutzbar seien. Die richtige Nutzung der Flächen ist Grundlage für die Anerkennung der Gemeinnützigkeit, und die wiederum sorgt dafür, dass die Kosten gering sind.
Kleingärten können nicht gekauft werden, sondern werden gepachtet. Inklusive aller Nebenkosten belasten sie ihre Besitzer im Schnitt gerade einmal mit rund 370 Euro pro Jahr, also etwa einen Euro je Tag (siehe Kasten). Lediglich für die Laube auf dem Grundstück und die vorhandene Bepflanzung müssen Einsteiger an den alten Pächter eine Ablöse hinblättern, wobei auch hier strikte Regeln gelten.
Um zu verhindern, dass Grundstücke oder gar Anlagen so luxuriös ausgestattet werden, dass sie für Otto Normalverbraucher nicht mehr erschwinglich sind, gibt es für alles Obergrenzen. „Wer meint, sich eine japanische Zierkirsche für mehrere tausend Euro pflanzen zu müssen, kann dies tun“, erklärt Franke. „Gibt er den Garten ab, bekommt er trotzdem nur den Preis für einen normalen Kirschbaum erstattet.“
Auf den ersten Blick mögen manche Regelungen streng wirken, weiß inzwischen auch Caterina Hildebrand, tatsächlich sei es jedoch wichtig, dass die Vereine auf eine strikte Einhaltung auch der Bepflanzungsregeln achten. Kleingärtenanlagen kosten die Gemeinden viel Geld, immer wieder würde darum auch versucht, Gelände zu schließen und anderweitig zu nutzen.
Und auch an die anderen Regeln hat die Familie sich schnell gewöhnt. Klar, sagt sie, gäbe es auch mal Krach, wenn Kinder zu laut seien oder Rasenmäher zur falschen Zeit angeschmissen würden. Aber Rücksicht müsse man überall nehmen. „Und hier macht es besonders viel Spaß.“

Kontaktadressen:

Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e.V., Berlin Tel. 0 30/30 20 71-40 www.kleingarten-bund.de

Deutsches Kleingärtnermuseum, Leipzig Tel. 03 41/211 11 94 www.kleingarten-museum.de





Text: F.A.S.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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