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Rechenzentrum im Eis
Facebook friert gerne
Von Sebastian Balzter
08. Dezember 2012 Ganz am Ende stellt Fredrik Kallioniemi die Frage aller Fragen selbst. „Was passiert, wenn Facebook untergeht?“ Der Mann mit dem Headset auf dem Kopf und dem Smartphone in der Hand schaut in die Gesichter der Studenten, die in den größten Hörsaal der Universität von Luleå in Nordschweden gekommen sind.
Kallioniemi hat ihnen eher eine Predigt als einen Vortrag gehalten: über Geschäftsmöglichkeiten in sozialen Netzwerken, über eine Zukunft mit maßgeschneiderten Freizeitangeboten und zielgerichteten Rabattaktionen auf dem Display - und über die Rolle, die Luleå mit seinen knapp 75.000 Einwohnern auf dem Weg dorthin spielen soll. „Wir sind die perfekte Modellstadt für Facebook. Weil hier alle mitmachen. Drei von vier Einwohnern sind schon dabei. Phantastisch!“
Es sind nur hundert Kilometer von der Universität bis zum Polarkreis, der Winter ist hier lang und frostig. Bis nach Ostern hielt sich deshalb der überlebensgroße hochgereckte Daumen aus Eis im Stadtpark. Und als die steigenden Temperaturen an ihr zu nagen begannen, hatte die Skulptur ihren Zweck längst erfüllt.
Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hatte ein Foto des glitzernden Daumens auf die Seite gestellt, die er selbst in seinem sozialen Netzwerk unterhält; darüber ein knappes Lob für die Stadt, in der das neue Rechenzentrum des Unternehmens gebaut wird. Es ist das erste außerhalb der Vereinigten Staaten. Von Luleå aus wird Facebook künftig seine Nutzer in Europa bedienen. Es dauerte nicht lange, bis eine halbe Million Nutzer rund um den Globus auf den „Gefällt mir“-Knopf unter dem Eisdaumen gedrückt hatten.
Wenn er davon in seinem Büro im Rathaus erzählt, klopft sich Bürgermeister Karl Petersen auf die Brust. Denn der Daumen war natürlich seine Idee. Petersen, blauäugig, grauhaarig, schlitzohrig, ist schon seit 2002 Bürgermeister von Luleå. In diesen zehn Jahren hat sich der schleichende wirtschaftliche Niedergang der Stadt am nördlichen Rand Europas in einen rasanten Aufschwung verwandelt.
Zuerst stieg auf dem Weltmarkt die Nachfrage nach dem Stahl und Eisenerz aus Lappland, das hier seit Generationen verschifft wird. Dann mauserte sich die Universität zu einem Magneten für Ingenieurstudenten aus dem gesamten Königreich. Die Mieten und Häuserpreise stiegen zuletzt so stark wie nirgendwo sonst in Schweden. Die Arbeitslosenquote liegt bei 3,8 Prozent, weit unter dem Durchschnitt. Die Zahl der Neugeborenen ist um 23 Prozent gestiegen. Und jetzt kommt auch noch Facebook.
„Gerade haben wir im Stadtrat den Ausbau des Wasserwerks beschlossen“, berichtet der Bürgermeister. „Für 25000 zusätzliche Einwohner.“ Vom Rathausdach, hoch über dem Schachbrettmuster der Innenstadt, erklärt er, wo die Stadt wachsen soll, zwischen dem Hafen im Süden, der Bahnlinie im Osten, dem Flughafen im Westen und der Uni im Norden, wo Facebook 34 Hektar Grund gekauft hat. Die erste der drei geplanten Hallen soll Anfang 2013 in Betrieb gehen. Wenn der Standort für 550 Millionen Euro gebaut ist, wird er die Fläche von 18 Fußballfeldern belegen.
Vor etwas mehr als einem Jahr stand Petersen zusammen mit der aus Stockholm angereisten Wirtschaftsministerin und einem aus Kalifornien entsandten Facebook-Manager im Kulturhaus von Luleå. Im Rampenlicht verkündeten sie die Superlative, die danach über den Ticker der Nachrichtenagenturen liefen: Das Rechenzentrum werde das größte seiner Art in Europa sein und weltweit das nördlichste seiner Größenordnung. Es werde dank der niedrigen Durchschnittstemperatur von 1,3 Grad unter null weniger Strom zur Kühlung verbrauchen als die beiden bestehenden Serverfarmen von Facebook in Oregon und North Carolina. Und der Energiebedarf werde komplett aus Wasserkraft gedeckt. „Luleå ist heute eine stolze Stadt“, sagte Karl Petersen damals. Seine Stimme zitterte wie die eines Teenagers, so sehr rührte die als Liebeserklärung aufgenommene Investitionsentscheidung aus Kalifornien den Sozialdemokraten aus Schweden. Inzwischen hat er 1500 Facebook-Freunde. 2014 darf er nicht mehr kandidieren. „Aber bevor ich aufhöre“, verspricht Petersen, „treffe ich Mark noch persönlich!“
Warum sich der Konzern ausgerechnet für Luleå entschieden hat? Für eine Stadt der Schwerindustrie, die bis vor wenigen Jahren keine Zukunft mehr zu haben schien? Für eine Gegend, die außer Abenteurern und Naturliebhabern vor allem Reifenhersteller schätzen, weil sie hier sechs Monate im Jahr Testfahrten auf Schnee und Eis durchführen können? „Wir sind einer der am meisten gefragten Standorte in ganz Europa“, kontert Matz Engman solche Fragen. Er ist der Mann, der aus Luleå ein Objekt der Begierde gemacht hat. „Wir haben ein Paket für Investoren geschnürt“, so drückt sich der Chef der Wirtschaftsförderungsgesellschaft selbst aus. Spätestens 2006 lag die Entwicklung in der Luft, sagt er, die zur Datenwolke und steigenden Nachfrage nach Rechnerkapazitäten führen würde.
„Im Oktober 2009 war ich zum ersten Mal in der Facebook-Zentrale in Palo Alto“, berichtet Engman. „Die Verhandlungen liefen unter strengster Verschwiegenheit, nicht einmal Visitenkarten wurden ausgetauscht.“ Ein halbes Jahr vorher hatte Google den Bau eines neuen Rechenzentrums in Finnland angekündigt - mit denselben Argumenten, die auch für Luleå sprechen: Erdbebensicherheit, politische Stabilität, gut ausgebaute Datennetze. Eine im europäischen Vergleich hohe Dichte an Internetanschlüssen. Kalte Luft. Ein zuverlässiges Elektrizitätsnetz, für den Bedarf der Schwerindustrie ausgelegt, was eine um 70 Prozent geringere Generatorkapazität für Notfälle ermöglicht als in Amerika.
Und niedrige Strompreise. Fünfzehnmal auf 450 Kilometern wird der Lule-Fluss, von dem die Stadt ihren Namen hat, zur Stromerzeugung gestaut. Die Kraftwerke produzieren doppelt so viel Energie wie die Hoover-Talsperre am Colorado. „Das hat die Amerikaner beeindruckt“, sagt Engman.
Nahe der Universität liegt der Wissenschaftspark Aurorum, den Fredrik Kallioniemi leitet. Wenn sich neue Firmen ansiedeln wollen, fragen sie ihn, ob sie das Rechenzentrum künftig aus dem Fenster sehen könnten. Sogar das sei ein Standortvorteil geworden, schwärmt Kallioniemi. Aber was, wenn Facebook untergeht? Er hält den Atem an, plötzlich hören die Studenten aufmerksam hin. Aber seine Antwort ist nicht melodramatisch, sondern pragmatisch - als ob der neue Freund ein ganz gewöhnlicher Investor wäre: „Dann wird sich für diese Halle ganz bestimmt ein neuer Käufer finden.“
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Archiv, dpa, Sebastian Balzter, Vario Iimages
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