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Ölmarkt
Europäische Raffinerien sind in Not
Von Tim Höfinghoff
02. Februar 2012 Michael Jaffé hatte beruflich bisher noch nicht mit Raffinerien zu tun, doch mit großen Insolvenzen kennt sich der Münchner Sanierungsfachmann aus: Er ist auch zuständig für den Fall Kirch Media. Nun kümmert sich Rechtsanwalt Jaffé allerdings vorrangig um das Deutschland-Geschäft des insolventen Raffineriekonzerns Petroplus. Das Unternehmen ist mit seinen fünf Anlagen der größte unabhängige Raffineriebetreiber in Europa, eines der Werke steht in Ingolstadt.
Nachdem der hochverschuldete Konzern von Banken zum Jahreswechsel keine Kredite mehr erhalten hatte, steht die Produktion vor dem Aus. Der Niedergang von Petroplus zeigt die Probleme der Branche: Die europäischen Raffineriebetreiber kämpfen schon seit Jahren mit hohen Überkapazitäten, sinkenden Gewinnmargen und wachsender Konkurrenz aus Schwellenländern. Zwar liefert der hohe Ölpreis den Ölkonzernen Milliardengewinne, doch mit der Verarbeitung in Produkte wie Benzin, Kerosin und Heizöl ist kein gutes Geschäft zu machen. Wenn dann, wie im Fall Petroplus, die nötigen Kredite fehlen, ist das Ende schnell besiegelt. Zumal das Unternehmen nicht wie große Ölkonzerne einen Zugriff auf eigene Ölquellen hatte. Petroplus musste den Rohstoff stets kaufen.
Raffinerieboom in Asien
"Schon seit mehreren Jahren sieht es für europäische Raffinerien sehr schlecht aus", sagt David Wech vom Analysehaus JBC Energy. "In Europa geht die Nachfrage nach Ölprodukten wie Diesel zurück, außerdem ist die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Raffinerien im internationalen Vergleich nicht gut." Die Situation hat nicht nur damit zu tun, dass wegen des Konjunkturabschwungs die Nachfrage nach Ölprodukten sinkt. Bedeutsamer ist, dass die Raffinerie-Anbieter außerhalb Europas günstiger produzieren. "In Russland erhalten Raffinerien Subventionen, in den Vereinigten Staaten sind Öl und Gas billiger, während der Raffinerieboom in Asien und im mittleren Osten neue große und moderne Raffinerien hervorbringt", erläutert Wech.
Während es in Europa viele veraltete Anlagen gibt, nimmt der Import von günstig produziertem Benzin aus Schwellenländern wie Indien zu. Hinzu kommen Kosten durch Umweltauflagen: "Der notwendige Zukauf von CO2-Zertifikaten wird die Raffineriebranche erheblich belasten", sagt Klaus Picard, Hauptgeschäftsführer des Mineralölwirtschaftsverbandes, und rechnet mit Zusatzkosten von 250 Millionen Euro für die 14 deutschen Raffinerien. Picard klagt: "Die nicht-europäischen Raffinieren haben diese Belastung nicht." Ölkonzerne wie BP, Shell und Total ziehen sich schon länger aus dem Raffineriegeschäft in Europa zurück. Shell meldete am Donnerstag zwar einen Jahresgewinn von 30 Milliarden Dollar, doch die Raffinerie-sparte verbuchte einen Verlust im vierten Quartal.
Auch das Raffineriegeschäft von amerikanischen Konzernen wie Exxon Mobil und Chevron schwächelt. "Innerhalb von zwei Jahren ist die Raffineriekapazität in Europa im Ausmaß von 1 Million Barrel (je 159 Liter) Öl am Tag geschlossen worden", sagt JBC-Energy-Experte Wech. "Dabei ist die Insolvenz von Petroplus mit rund 700 000 Barrel Produktionsleistung am Tag noch gar nicht berücksichtigt." Wech prognostiziert: "Raffinerieschließungen werden in Zukunft ein ständiger Wegbegleiter in Europas Industrie sein."
„Deutscher Markt ist gut versorgt“
Zwar ist die Petroplus-Raffinerie in Ingolstadt nicht der größte Anbieter in Deutschland (siehe Grafik), doch wenn solche Produktionsanlagen vom Markt verschwinden, kann das für Konsumenten zu steigenden Preisen führen - schon jetzt klagen die Verbraucher in der Region über steigende Heizölpreise. Wenn Kraftstoffe bald aus anderen Raffinerien nach Bayern transportiert werden müssten, erhöhen sich die Kosten. Mit einer Verarbeitung von rund 110 000 Barrel Öl am Tag sorgte die Petroplus-Raffinerie in Ingolstadt bisher für 25 Prozent des Bedarfs an Kraftstoffen, Heizöl, Flüssiggasen und Chemiegrundstoffen in Bayern. Ob es überall in Deutschland wegen der schrumpfenden Raffineriekapazität zu steigenden Preisen für Verbraucher kommt, halten Fachleute wie Rainer Wiek vom Energieinformationsdienst in Hamburg für wenig wahrscheinlich: "Der deutsche Markt ist gut versorgt", sagt Wiek. Allerdings würden hohe Ölpreise zu höheren Preisen an der Tankstelle führen.
In diesen Zeiten einen Käufer für die Raffinerie in Ingolstadt zu finden ist schwierig. Doch es haben sich schon Interessenten gemeldet, darunter der amerikanische Rohstoffinvestor Gary Klesch, der im Jahr 2010 ein Werk von Shell in Heide gekauft hatte. Auch der Finanzinvestor Clemens Vedder von Goldsmith Capital Partners ist an den fünf Anlagen von Petroplus interessiert. Allerdings drängt die Zeit für Rechtsanwalt Jaffé. Eine Raffinerie kann man nicht mal eben abschalten. Bis Ende Februar muss frisches Kapital her, sonst muss die Raffinerie ihre Produktion von derzeit 40 Prozent noch weiter herunterfahren. Länger reicht der Ölvorrat nicht mehr.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.
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