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Michael Corbat übernimmt Vorstandsvorsitz
Ein Football-Spieler für die Citigroup
Von Norbert Kuls, New York
17. Oktober 2012 Michael Corbat ist kein glamouröser Typ, keiner der bisher als natürlicher Star eines Teams gehandelt würde. Als Corbat Anfang der achtziger Jahre für das Football-Team der Eliteuniversität Harvard spielte, gehörte er zu den sogenannten Offensive Linemen. Deren Aufgabe ist es, die gegnerischen Spieler abzublocken und dem Spielmacher, dem Quarterback, die Zeit zum Wurf des eiförmigen Balls zu ermöglichen. Ballkontakt haben diese Spieler kaum. Es sind zwar ungemein wichtige Positionen, aber Ruhm und Aufmerksamkeit ernten im Football in der Regel nur die Spieler, die den Ball werfen oder weitertragen.
Bei der amerikanischen Großbank Citigroup spielte Corbat lange eine ähnliche Rolle. Nach der Finanzkrise, die die Citigroup schwer getroffen hatte, kümmerte sich Corbat um die Sparte Citi Holdings. Dort waren alle angeschlagenen Geschäftsbereiche gebündelt, die die Bank entweder abwickeln oder verkaufen wollte. Es war die Drecksarbeit der Krise, die dem Vorstandsvorsitzenden Vikram Pandit den Rücken frei machen sollte, den Rest der Bank wieder zur Profitabilität zu führen.
Außerhalb der Wall Street war er bis jetzt kaum bekannt
Am Dienstag sind Pandit und seine bisherige Nummer zwei, der fürs operative Geschäft zuständige John Havens überraschend zurückgetreten. Der Verwaltungsrat der Bank machte den ehemaligen Lineman Corbat zum neuen Vorstandvorsitzenden der Citigroup - zum Spielmacher, um im Bild zu bleiben.
Für seine Arbeit bei Citi Holdings erhielt Corbats gute Noten. Er verkaufte mehr als 40 Geschäftsbereiche, unter anderem die Sparte für Studentenkredite, einen Versicherer, verlustträchtige Hypothekenanleihen sowie Unternehmensbeteiligungen. Im vergangenen Jahr wurde er dann Leiter der Region Europa, Naher Osten und Afrika mit Sitz in London. Intern stand der 52 Jahre alte Manager seither auf der Liste möglicher Nachfolger für Pandit. Aber außerhalb der Wall Street war er bis jetzt kaum bekannt. Einige Analysten kritisieren einen möglichen Mangel an Erfahrung für seine neue Position. „Trotz seiner 29 Jahre langen Karriere ist er als Vorstandsvorsitzender ein unbeschriebenes Blatt“, sagte der als Bankenkritiker bekannte Analyst Mike Mayo vom Wertpapierhaus CLSA Credit Agricole Securities. Die Citigroup hätte einen Manager von außen holen können, der Erfahrung mit der Leitung eines großen Unternehmens hat. „Aber sie haben sich für eine interne Lösung entschieden“, sagt Mayo.
Er begann seine Karriere bei der Investmentbank Salomon Brothers
Corbat kennt die Citigroup in und auswendig, weil er seine ganze Laufbahn bei der Bank und ihren Vorläufern verbracht hat. Nach Abschluss seines Studiums entschied es sich gegen eine mögliche Karriere als Football-Profi und heuerte bei der für Anleihehandel bekannten Investmentbank Salomon Brothers an, die schließlich im 1998 entstandenen Finanzgiganten Citigroup aufging. Er bekleidete im Zuge seiner Karriere auch Posten im klassischen Firmen- und Privatkundengeschäft. Als die damalige Star-Managerin Sallie Krawcheck 2008 aus der Bank gedrängt wurde, übernahm Corbat die Leitung des Wertpapiergeschäfts für Privatkunden, das die Citigroup kürzlich an den Konkurrenten Morgan Stanley verkauft hat.
Pandit hatte die Bank in den vergangenen Jahren auf Sanierungskurs gebracht. Den Kontrolleuren im Verwaltungsrat und den Aktionären war das aber offenbar nicht schnell genug gegangen. Im März hatte die Notenbank Fed eine von der Citigroup beantragte Erhöhung der Dividende abgelehnt. Pensionsfonds hatten im April scharfe Kritik an Pandits zweistelligen Millionen-Boni geübt.
Corbat hat in seiner Zeit bei Citi Holdings gute Beziehungen zu den nach der Krise wichtiger gewordenen Aufsichtsbehörden geknüpft. Die ehemalige Leiterin der Einlagensicherungsbehörde FDIC, Sheila Bair, stellte ihm ein gutes Zeugnis aus. Pandit hatte dagegen einmal für Verärgerung in Washington gesorgt, als er die FDIC als „drittrangige“ Aufsichtsbehörde titulierte.
Der 55 Jahre alte Pandit stellte seinen Rücktritt als eigene Entscheidung dar. Angesichts des Fortschritts, den die Bank in den vergangenen Jahren gemacht habe, sei die „richtige Zeit“ für einen Wechsel an der Spitze gekommen. An der Wall Street halten sich indes Gerüchte, dass es Streit um die Strategie der Bank gegeben hat.
Corbat äußerte sich noch nicht zur künftigen Strategie. Er wolle sich in den kommenden Wochen in die verschiedenen Sparte vertiefen. „Diese Prüfungen werden in einigen Änderungen resultieren“, teilte Corbat den Angestellten der Citigroup lediglich mit. Der neue Quarterback der Bank hat den Ball in der Hand.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dapd
© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2013.
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