23. Mai 2012

Schuldenkrise

Die Weltwirtschaft auf Drogen

Von Philip Plickert
02. Januar 2012 Deutschland erscheint konjunkturell bislang als Insel der Seligen inmitten der Schuldensümpfe. Ganz Südeuropa steckt inzwischen in Rezessionen, die Arbeitslosigkeit ist erschreckend hoch. Dagegen glänzte die deutsche Wirtschaft im abgelaufenen Jahr mit einem robusten Wachstum von drei Prozent. Weniger als sieben Prozent sind arbeitslos, das ist um ein Drittel besser als der EU-Durchschnitt. Langsam profitieren die Arbeitnehmer auch durch höhere Reallöhne vom Aufschwung. Der Konsum wird stärker, wenngleich die hohe Teuerung viele Verbraucher verdrossen hat.
Entgegen den Erwartungen eher pessimistischer Volkswirte gab es in den Unternehmen im Dezember einen kleinen Stimmungsumschwung: Die deutschen Manager äußerten sich etwas zuversichtlicher für die Zukunft, das Ifo-Geschäftsklima stabilisierte sich. Das ist beinahe ein kleines Wunder, denn rundum hat die Schuldenkrise Europa fest im Griff und lähmt zunehmend die Konjunktur. Amerikas Wirtschaft hat wenig Schwung, China wächst langsamer. Die Finanzmärkte sind hochgradig nervös, viele Banken hängen am Tropf der Zentralbankliquidität. Etwas alarmistisch hat die IWF-Chefin Christine Lagarde schon mal das Gespenst einer globalen Depression an die Wand gemalt. Davon könnte sich Deutschland kaum abkoppeln.
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Deutschland als Ausnahme

Im Aufschwung war Deutschland eine Ausnahmeerscheinung. Fakt ist, dass kaum eine industrialisierte Volkswirtschaft so rasant aus der Rezession 2008/2009 gekommen ist wie die hiesige. Die deutsche Industrie gilt als ausgesprochen wettbewerbsfähig, wozu Lohnzurückhaltung, Innovationen und Reformen beigetragen haben. Sie profitiert vom gewaltigen Bedarf der Schwellenländer China, Brasilien und Russland an Investitionsgütern. Erst hat der Export die Erholung 2010 angeschoben, dann nahm die Binnenkonjunktur Fahrt auf. Die Unternehmen investierten kräftig, die niedrigen Zinsen beflügeln den Wohnungsbau, und seit vergangenem Sommer zieht auch die Konsumnachfrage an.
Im neuen Jahr droht gleichwohl eine empfindliche Bremsung der Konjunktur. Die meisten Institute erwarten nur noch etwa ein halbes Prozent Wachstum. Vom Außenhandel abseits Asiens sind kaum noch Impulse zu erwarten. Gut vierzig Prozent des deutschen Exports gehen in den Euroraum, der wohl schon jetzt insgesamt in einer Rezession steckt. Nicht nur in Griechenland, Portugal und Spanien schrumpft die Wirtschaft, sondern seit Herbst auch in Italien und sogar in Frankreich. Überschuldete Krisenländer haben keine andere Wahl, als eisern zu sparen. Dabei drücken die Kürzungen die Nachfrage und kurzfristig die Konjunktur, wie keynesianische Ökonomen beklagen. Aber es gibt auch nichtkeynesianische Effekte: Gelänge es, das Vertrauen in die Solidität der Staatsfinanzen zurückzugewinnen, kämen Investoren zurück.
Zumindest in Griechenland ist der Sparkurs aber zum Scheitern verurteilt. Das Land steckt in einer Abwärtsspirale und erweist sich auch unter der neuen Regierung als reformunfähig. Die Ziele zu Privatisierungen, Öffnung der Berufsstände und Abbau des Beamtenapparats werden allesamt verfehlt, die Konsolidierungspläne sind Makulatur. Die Frage ist, wie die Rettungseuropäer darauf reagieren werden. Das Schicksal des Euro entscheidet sich jedoch nicht am kleinen Griechenland, sondern an Italien, der drittgrößten Volkswirtschaft Kontinentaleuropas. Die neue Regierung hat einen ambitionierten Start gemacht, nun kommen die Mühen der Ebene. Sie mag unterschätzen, wie stark kurzfristig die Konjunktur unter Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen leidet. Auch Spanien droht ein schmerzhaftes Jahr.

Die Gefahr einer Blase

Deutschland wird bald schon wieder Forderungen hören, es solle doch versuchen, die europäische Konjunktur durch mehr kreditfinanzierte Ausgaben anzukurbeln. Dabei ist auch hierzulande die Schuldenquote mit 82 Prozent schon bedrohlich hoch, wozu noch die Haftungsrisiken im Euro-Verbund hinzukommen. Es wäre ein fatales Signal, wenn Berlin vom Konsolidierungspfad abwiche. Für die Weltwirtschaft sind die meisten Ökonomen verhalten optimistisch. Sie erwarten für 2012 nochmals rund vier Prozent Wachstum, weil die Schwellenländer - vor allem China - mit hohem, wenn auch gebremstem Tempo zulegen. Dabei hat China von Inflationsbekämpfung zurück auf lockerere Geldpolitik geschaltet. Indes wächst damit auch die Gefahr einer Blase.
Die Industrieländer halten seit dem Einbruch 2008 die Leitzinsen auf ultraniedrigem Niveau. Das billige Geld stimuliert, es wirkt aber wie eine Droge. Auf Dauer führen real negative Zinsen zur Fehllenkung des Kapitals, Fehlinvestitionen und Scheinwohlstand - der implodiert, wenn das billige Geld entzogen wird. Die seit Jahrzehnten steigenden Schuldenstände der westlichen Welt, die schneller als die Realwirtschaft wachsenden Geld- und Kreditmengen sind ein gefährlicher Trend. Erinnert sich noch jemand an die im Sommer ergangene Mahnung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, die Zinsniveaus nicht zu spät zu normalisieren? Das klingt heute wie ein Ruf aus einer fernen, fremden Zeit.


Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

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