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Spekulanten
Die Wahrheit über die Zocker
14. März 2010 Im frühen 19. Jahrhundert gab es in England Leute, die sich den Besuch einer Kneipe nicht leisten konnten und stattdessen mit kleinen Eimern (buckets“) von Pub zu Pub zogen. Sie sammelten die abgestandenen Bierreste aus Gläsern, um diese gemeinsam zu trinken. Bucketshops“ nannte man jene billigen Trinkgelage.
Ende des 19. Jahrhunderts entstand in Amerika eine andere Art von Vergnügen, das auch Bucketshop genannt wurde. Hier kam der kleine Mann mit seinesgleichen zusammen, um mit überschaubaren Geldbeträgen auf die Kursentwicklung an der Börse zu wetten. Die Erfindung des Börsentickers hatte solche Wettspiele möglich gemacht. Es konnten fiktiv Aktien gekauft werden, ohne dass eine reale Transaktion an der Börse stattfand. Bucketshops imitierten die Börsen täuschend echt.
Weil man an den Bucketshops auch mit kleinsten Einsätzen spekulieren konnte, waren sie besonders bei Gelegenheitsspekulanten und Anfängern sehr beliebt“, schreibt der Soziologe Urs Stäheli in seiner unterhaltsamen Sozialgeschichte der Spekulationen. Schließlich aber wurde es den Brokern an den richtigen“ Börsen zu bunt: Sie fühlten sich durch die Konkurrenz der Bucketshops bedroht und fürchteten, das Spielfieber halte die Menschen von seriösen“ Investitionen ab. Nachdem viele Betreiber dieser Wettbuden sich als windig erwiesen hatten, verschwanden die Bucketshops von der Bildfläche.
Spekulanten sind älter als der Kapitalismus
Diese Geschichte verrät viel über das Wesen der Spekulation. Spekulanten gab es in allen Zeiten. Sie sind älter als der Kapitalismus. Und immer war auch der kleine Mann dabei, nicht nur die Reichen und Mächtigen. George Soros, der einst die Bank of England bezwang, ist in bester Gesellschaft.
Thrill“ nennt der Soziologe Stäheli das aufrührende Gefühl der Spekulation: ein Nervenkitzel, ein Kick, der das Gemüt in Spannung und Wallung versetzt. Es geht nicht allein um die Aussicht auf das große finanzielle Glück am Ende: Allein schon der Reiz des Risikos treibt die Menschen in einen außergewöhnlichen Zustand der Angstlust. Der Thrill des Spekulanten ähnelt einem Rausch.
Kein Wunder, dass solche Reizzustände spekulativer Lust den Menschen immer auch suspekt waren und dass regelmäßig Versuche unternommen wurden, die Spekulation einzudämmen oder gar zu verbieten, wenngleich mit mäßigem Erfolg. Die Spekulation verlor nie den Beigeschmack des Unsittlichen, ja des Verruchten.
In die Psychiatrie, nicht in die Ökonomie
Tatsächlich gibt es nicht nur eine jahrhundertealte Geschichte der großen Geldspekulation. Es gibt auch eine sich wiederholende Diskursgeschichte über Moral und Unmoral der Spekulation: Stets prallen dieselben Argumente der Gegner und der Befürworter aufeinander. Der Spekulationsdiskurs folgt einem sich wiederholenden Schema – bis heute.
Regelmäßig bezichtigen die Gegner den Spekulanten der Irrationalität. Er ist das Gegenteil des ehrbaren Kaufmanns, der aus höchster wirtschaftlicher Rationalität handelt. Wer aber im Zustand der Erregung sein Geld ausgibt, der zeigt offenkundig, dass er nicht vernünftig lebt, sondern sich von seinen Gefühlswallungen leiten lässt.
Hinzu kommt der Vorwurf der Sucht. Wer süchtig ist, wird abhängig von dunklen seelischen Mächten und Gewalten. Er kann gar nicht rational handeln, wettet er doch einfach nur deshalb, weil er wetten muss. Der Spekulant, so seine Gegner, gehört in die Psychiatrie und nicht in die Ökonomie.
Ausschließlich destruktives Interesse
Schließlich haftet am Spekulanten der Makel des Parasiten. Er ist ein Schmarotzer an der Volkswirtschaft, weil er sich ohne Leistung bereichert, noch nicht einmal legitimiert durch den Erfolg seiner Vorfahren, die ihm ein Erbe hinterlassen haben. Damit untergräbt er eine wirtschaftliche Ordnung, die auf Leistung und Äquivalenz, Gabe und Gegengabe beruht. Er ist der Antiheld zu den aus der Haltung des calvinistischen Ethos heraus handelnden Wirtschaftsakteuren.
Übel nimmt man dem Spekulanten zudem, dass er sein Geld nicht für wertschöpfende Zwecke ausgibt. Das ist deshalb verwerflich, weil dem Geld nur eine dienende Funktion erlaubt sein soll, zugelassen als Tauschmittel, um den Handel mit Gütern und Dienstleistungen zu befördern. Dem Spekulanten wird ein ausschließlich destruktives Interesse unterstellt. Er würde den Untergang ganzer Staaten (Griechenland, England) oder Banken (Lehman) in Kauf nehmen, ja sogar aktiv betreiben, wenn nur er dabei seinen Reibach macht.
Spekulanten gelten eben seit Jahrhunderten als Hasardeure, die den Zufall in den Mittelpunkt ihres Sinnens und Trachtens legen. Wer das Leben als Spiel gestaltet, hat dessen Ernst nicht richtig begriffen. Und wer Gewinner und Verlierer auswürfeln lässt, der hat sich vom Ethos der Arbeit und des Unternehmertums verabschiedet, welches darauf dringt, dass Leistung sich lohnen muss.
Der rationale Kern der Wirtschaft
Summa summarum – aus Sicht der Gegner: Spekulanten sind Fremdkörper, die es auszugrenzen gilt. Alle Vorwürfe, so moralisch auch immer sie formuliert sind, zielen darauf ab, die Spekulation als das Anti-Ökonomische zu überführen. Sollte das gelingen, hätte Spekulation im Kapitalismus – gar in der Marktwirtschaft – keinen Platz.
Solch vernichtende Urteile bringen die Befürworter der Spekulation auf den Plan. Sie behaupten das strikte Gegenteil: Durch die Spekulation verwirklicht sich der Markt in seiner reinsten Form. Spekulation ist in Wirklichkeit der rationale Kern der Wirtschaft, sie ist das Ökonomische par excellence. Der Finanzmarkt wird zur Stimme der Wahrheit, während Politikern oder Statistikern nicht zu trauen ist. Erst die Wetten der Hedge-Fonds haben die Griechen gezwungen, mit dem Sparen zu beginnen. Seither erst ist Schluss mit Lug und Trug, mit dem die Sünder in Europa sich selbst und alle europäischen Statistiker jahrelang betrogen haben. Es sind die Zocker, die Gerechtigkeit in die Welt der Lüge bringen.
Wer hat am Ende recht?
Niemand soll den Spiegel für seine hässliche Fratze verantwortlich machen“, lautet daher der Vorwurf der Spekulationsfreunde an ihre Gegner. Ihr hasst uns, weil wir die Wahrheit sagen.“ Sie legen Wert auf die richtige Reihenfolge: Erst war der Schlendrian auf Kosten anderer, dann ging der Euro in die Knie. Erst wurden die Kredite riskanter, dann erst die Ausfallversicherungen, mit denen man sich gegen Zahlungsunfähigkeit des Schuldners absichert. Die Gegner hatten die Kausalität in anderer Reihenfolge geschildert: Bloß weil die Spekulanten es auf Länder und Währungen abgesehen hätten, sei der Euro in den Keller gegangen und müssten die Griechen hohe Risikoprämien für ihre Anleihen zahlen.
Was auffällt: Der Spekulationsdiskurs ist so symmetrisch wie die Spekulation selbst. Immer geht einer mit einer Wette in die Vorlage, und ein anderer hält dagegen. Spekulanten korrigieren Übertreibungen und verhindern, dass sich Blasen bilden, sagen die Verteidiger. Spekulanten befeuern Übertreibungen und produzieren dadurch Blasen, behaupten die Ankläger.
Wer hat am Ende recht? Selbst bei der Wahl des Gerichts zur Wahrheitsfindung scheiden die beiden Gruppen sich voneinander. Die Gegner lassen die Politik das Urteil sprechen; sie soll die Zocker in ihre Schranken weisen. Die Anhänger dagegen akzeptieren ausschließlich das Urteil freier Märkte.
Gewusst wie: Spekulieren leichtgemacht - ein Kurzlehrgang
1. Worauf wollen Sie spekulieren?
Suchen Sie sich etwas, von dem Sie halbwegs Ahnung haben. Eine angeschlagene Bank zum Beispiel, einen Staat mit hohen Schulden oder einen Maschinenbauer mit Chancen auf einen Großauftrag. Auch gut: eine Getreidesorte, der eine schlechte Ernte droht. Für den Moment nehmen wir an, Sie spekulierten auf eine Firma.
2. Sie wetten auf steigende Preise. Dann könnten Sie einfach die Aktie kaufen. Aber das bringt zu wenig Gewinn. Schließen Sie stattdessen ein Termingeschäft ab: Suchen Sie sich jemanden, der Ihnen die Aktie zum 30. Juni verkauft. Als Preis vereinbaren Sie den aktuellen Kurs. Am 30. Juni können Sie die Aktie sofort wieder verkaufen. Wenn der Kurs gestiegen ist, ist die Wette aufgegangen.
3. Sie wetten auf sinkende Preise. Dann hilft ein Leerverkauf: Sie leihen sich gegen eine Gebühr die Aktie und verkaufen sie. Sobald Sie die Aktie zurückgeben müssen, kaufen Sie einfach eine neue - hoffentlich zum niedrigeren Kurs. Wenn Sie Mut zum Risiko haben, brauchen Sie sich die Aktie anfangs nicht mal zu leihen: Verkaufen Sie sie einfach, und vertrauen Sie darauf, dass Sie bis zur Lieferung noch eine bekommen werden. Oder dass Sie das Geschäft bis dahin sowieso beenden und die Aktie kaufen. Das ist ein nackter Leerverkauf.
4. Droht der Firma gar die Pleite? Dann kaufen Sie einen CDS (Credit Default Swap). Damit versichern sich Gläubiger der Firma dagegen, dass sie ihr Geld nicht zurückbekommen. Für einen nackten CDS muss man aber gar kein Gläubiger sein. Sie kassieren einfach die Versicherungssumme, wenn die Firma pleite ist.
5. Treiben Sie es nicht zu weit! Nicht jede angeschlagene Firma geht wirklich bankrott. Aber wenn sich alle Welt Sorgen macht, steigen die Versicherungsprämien. Also ist Ihr CDS mehr wert. Verkaufen Sie ihn, bevor die Firma gerettet ist.
6. Wollen Sie mehr Rendite? Das ist einfach: Sie hebeln Ihr Geschäft, das heißt: Sie spekulieren mit geliehenem Geld. Vorsicht! Das kann teuer werden. Und was ist, wenn die Bank Ihnen kein Geld leiht? Nicht schlimm. Es gibt Geschäfte mit hohen Summen, für die Sie an der Börse nur wenig anzahlen müssen. Beenden Sie das Geschäft einfach, bevor die Rechnung fällig wird. bern.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Bengt Fosshag
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