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Griechenland spart
Die Lüge vom Schlaraffenland
Von Michael Martens, Athen
19. Februar 2012 Ein Wort lernt der Ausländer schnell im Griechenland dieser Tage, zumindest dann, wenn er in Athen oder anderen Städten unterwegs ist: „Enoikiazete“ - zu vermieten. Zu den unübersehbaren Folgen der seit vier Jahren währenden griechischen Rezession (2011 brach die Wirtschaftsleistung um 6,8 Prozent ein, im Jahr davor betrug der Rückgang 4,5 Prozent) gehören Leerstände selbst in besten Lagen der Städte. Der Immobilienmarkt ist, behutsam ausgedrückt, mieterfreundlich geworden. Mieter gibt es dennoch kaum.
In manchen Gegenden Athens sind ganze Straßenzüge mit Enoikiazete-Plakaten gepflastert, in Thessaloniki und anderen Städten sieht es nicht besser aus. In Kolonaki, dem immer noch teuersten und reichsten Innenstadtviertel Athens, rissen sich Galeristen, Cafébetreiber, Staranwälte und die übrige Schickeria noch vor wenigen Jahren darum, einen Mietvertrag unterschreiben zu dürfen. Jetzt müssen die Vermieter den Mietern nachlaufen.
Steuern wurden erhöht, andere neu eingeführt
Abgesehen von den Mieten sind viele Preise jedoch nicht gesunken, im Gegenteil. Griechenland ist weiterhin ein erstaunlich teures Land. Vieles ist sogar teurer als im Hochlohnstaat Deutschland. Die Zahlen der europäischen Statistikbehörde Eurostat sprechen für sich: Zu Beginn des vergangenen Jahres, als die Teuerungsrate im Euroraum bei 2,4 Prozent lag (in Deutschland sogar nur bei 2,2 Prozent), stiegen die Preise ausgerechnet im rezessionsgeplagten Griechenland schneller als in jedem anderen Staat der gemeinsamen Währungszone.
Bei 4,2 Prozent lag die Inflation im Februar 2011, im März stieg sie sogar noch einmal leicht. Zum November hin sank die Teuerung dann zwar auf 2,8 Prozent, doch das entsprach immer noch der Inflationsrate Deutschlands mit seiner boomenden Kraftprotzwirtschaft. Griechenland erlebt den schwersten wirtschaftlichen Einbruch seiner Nachkriegsgeschichte, aber die Preise sanken bisher kaum - wie ist das möglich?
Einer der Gründe ist die gleich zu Beginn der Krise auf Druck des Internationalen Währungsfonds zweimal erhöhte Mehrwertsteuer. Sie stieg von 19 auf 21, dann auf 23 Prozent, den höchsten Satz in der Eurozone. Später gab es sogar noch eine dritte Erhöhung, bei der die Kategorien der Produkte und Dienstleistungen, die traditionell einem reduzierten Mehrwertsteuersatz unterliegen (Lebensmittel zum Beispiel), erheblich eingeschränkt wurden. Das wirkte sich auf andere Preise aus, zumal weitere Steuern deutlich erhöht, andere neu eingeführt wurden. Aufschläge gab es zum Beispiel auf die Mineralölsteuer. Viele Griechen lassen ihre Autos deshalb auf Gas umrüsten, oder sie steigen auf sparsamere Modelle um.
Die Autozeitschriften sind voll von Anzeigen, in denen große Jeeps zum Verkauf angeboten werden. Sparsame Kleinwagen sind hingegen schwer zu finden. Früher lagen die Benzinpreise in Griechenland deutlich unter denen in Deutschland, aber das ist vorbei. Bis zu 1,80 Euro muss für den Liter Normalbenzin gezahlt werden, Super kostet um 1,90 Euro - auf dem Festland. Auf den Inseln, vor allem auf den kleineren, wo das Leben seit Jahrzehnten vom Staat subventioniert wurde, kann das Tanken noch teurer werden.
Andrea Dimitriadis kann Deutschland und Griechenland gut vergleichen. Sie stammt aus Helgoland und lebt mit ihrem griechischen Mann und zwei Kindern in Thessaloniki. So bekommt sie die Krise von beiden Seiten mit. Es ärgert sie, dass viele Deutsche offenbar der Ansicht sind, die Griechen hätten noch gar nicht angefangen mit dem Sparen und lebten in einem Schlaraffenland, finanziert vom deutschen Steuerzahler. Sie kennt viele Fälle von Verwandten und Freunden, die längst deutlich weniger Geld zur Verfügung haben als früher. Das Pärchen zum Beispiel (sie Bankkauffrau, er Grafiker), das vor kurzem, nachdem beide ihre Arbeit verloren hatten und sich die Miete in Thessaloniki nicht mehr leisten konnten, auf eine Insel ging, weil man dort zumindest billiger wohnen kann.
Sie haben auf der Insel einen Imbissstand eröffnet. Oder der Lehrer, der nach 30 Jahren als Direktor eines Gymnasiums statt 1900 nun 1500 Euro im Monat bekommt. Auch das Weihnachts- und Urlaubsgeld, das einst den angesichts des Preisniveaus nicht üppigen Lohn aufbessern sollte, wurde ihm gestrichen. Oder die Fabrikangestellte in einer Kleinstadt in Nordgriechenland, die jetzt 1000 statt wie früher 1200 Euro im Monat erhält. Andere Arbeiter in derselben Fabrik bekommen weiterhin ihren Lohn von 800 Euro im Monat, müssen dafür aber jetzt zehn Stunden täglich arbeiten statt zuvor acht.
Obwohl fast jede Familie weniger Geld habe, seien die Preise in den vergangenen Jahren kaum gesunken, sagt Andrea Dimitriadis. Viele Lebensmittel zum Beispiel seien in Griechenland immer schon teurer gewesen als in Deutschland. Das hat auch mit der wirtschaftlichen Struktur des Landes zu tun. Das Netz an Supermärkten ist nicht so eng geknüpft wie in vielen anderen europäischen Ländern. Stattdessen gibt es immer noch viele kleine Lebensmittelläden in Familienbesitz. So wird das Einkaufen zwar zum netteren Erlebnis, billig wird es aber nicht. Andrea Dimitriadis hat verglichen: Die Supermarktkette Lidl etwa sei in Griechenland bei fast allen Produkten teurer als in Deutschland, und auch die griechische Konkurrenz sei nicht billiger.
„Im normalen griechischen Supermarkt sind die Preise nicht gesunken, aber es gibt immerhin vermehrt Sonderangebote und Aktionen. Neu ist auch, dass es statt Markenartikeln mehr No-name-Produkte gibt.“ Zumindest Obst und Gemüse sind nicht teurer als in Deutschland, sofern man sich an die Früchte der Saison hält. „Immer mehr Leute decken sich außerdem auf den Wochenmärkten ein - und zwar möglichst spät, wenn die Händler die Preise senken“, hat Andrea Dimitriadis beobachtet.
Für Holzhändler ist die Krise ein gutes Geschäft
Die Griechen sparen, weil sie außer den höheren Steuern auch Sonderabgaben wie die unlängst eingeführte Zusatzsteuer auf Immobilienbesitz entrichten müssen. Da es im ersten Anlauf Schwierigkeiten mit der Eintreibung gab, hat die Regierung festgelegt, dass die Sonderabgabe nun automatisch mit der Stromrechnung abgezogen wird. Wer nicht zahlt, dem wird der Strom abgestellt. Die Regierung bezeichnet die Sondersteuer als gerechte Abgabe, zumal sie nach Wohngegenden gestaffelt ist. In teuren Lagen muss pro Quadratmeter mehr gezahlt werden als in Außenbezirken oder auf dem Lande. Dennoch bringt die Steuer einige Menschen in große Schwierigkeiten, vor allem Pensionäre, deren Renten ebenfalls stark gekürzt wurden. Bei Mehrfamilienhäusern gibt es zudem oft Streit um das Heizöl.
Im vergangenen Jahr kostete der Liter Heizöl noch um 60 Cent, inzwischen liegt der Preis bei einem Euro. In Mehrfamilienhäusern, wo der Tank gemeinsam gefüllt und die Rechnung dann umgelegt wird, sperren sich einige Mietparteien gegen das Auffüllen, weil sie ihren Anteil nicht bezahlen können. So bleiben ganze Gebäude ohne Heizöl. Die Bewohner nutzen stattdessen die Heizfunktion der Klimaanlagen, was zwar die Stromrechnung in die Höhe treibt, aber individuell abgerechnet wird.
Das reicht vielleicht in Athen, wo es selten richtig kalt wird und man auch von dem nordeuropäischen Frostwinter wenig mitbekommen hat. Im Norden und vor allem im Nordosten Griechenlands hingegen, wo es so kalt werden kann wie in Deutschland, hilft die Klimaanlage nicht gegen die Kälte. Wer einen Kamin hat, verbrennt stattdessen Holz. Manche Holzhändler haben schon keine Ware mehr. Wenigstens für sie ist die Krise bisher ein gutes Geschäft. Zumal auch sie ihre Preise erhöht haben.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Getty Images, Valentine Karamanoli/Invision/la
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