24. Mai 2013

Ökonom Volker Wieland

„Der Euro befindet sich nicht in einer Krise“

Herr Wieland, wie sehen Sie die Lage der Europäischen Währungsunion?

06. Juli 2011 Der Euro selbst befindet sich nicht in einer Krise. Wäre er in einer Krise, würde die Inflationsrate rapide steigen und der Wert des Euro in ausländischer Währung in den Keller stürzen. Beides ist nicht der Fall. Wir haben eine Krise der Finanzpolitik in mehreren Mitgliedsländern. Allerdings zeigen Meinungsumfragen, dass viele Deutsche aus der Krise der Finanzpolitik in mehreren Ländern auf eine Krise des Euro schließen.

Warum ist das so?

Es liegt an der Kommunikation der Politiker, die öffentlich betonen, die Rettungspakete dienten der Sicherung des Euro. Tatsächlich dienen die Rettungspakete der Sicherung der Zahlungsfähigkeit einzelner Staaten. Außerdem schadet der bald zwei Jahre andauernde politische Streit um fehlende Hilfsgelder und Sparbereitschaft und das gegenseitige Vorschriften machen dem Ansehen der Währungsunion.
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Was folgt daraus?

Meines Erachtens hätte man schon im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit dem Rettungspaket für Griechenland eine Umschuldung vornehmen sollen. Genau dies habe ich auch im Mai 2010 vorgeschlagen. Das wäre zwar unmittelbar härter gewesen, denn die Wertberichtigungen auf griechische Anleihen hätten fraglos auch einige Banken in Schwierigkeiten gebracht, die man mit staatlichen Geldern hätte stützen müssen. Aber dafür wäre Griechenland eher in der Lage gewesen die verbleibenden Schulden zu tilgen. Und auf der politischen Bühne wäre bald wieder Ruhe eingekehrt. Schauen Sie sich doch die aktuelle Situation an: Heute fühlt sich jeder berufen, Griechenland maßzuregeln. Pressekommentatoren bezeichnen Länder in finanziellen Schwierigkeiten als „Pigs“ oder fordern Reparationen für den Zweiten Weltkrieg. Das ist politischer Sprengstoff.

Die Gegner einer Umschuldung haben immer vor einem Dominoeffekt gewarnt, der andere Mitgliedsländer der Währungsunion erfasst hätte.

Ich denke, man hat die Auswirkungen eines Dominoeffekts überschätzt. Für systemrelevante Banken, die den Schuldenschnitt bei griechischen Anleihen nicht verkraftet hätten, hätte der Steuerzahler nochmals einstehen müssen. Übrigens, Länder wie Irland und Portugal sind trotz der Rettungsmaßnahmen für Griechenland und den Interventionen der EZB von der Staatsschuldenkrise erfasst worden.

Und was soll man jetzt tun?

Es gibt jetzt noch die Möglichkeit, den Privatsektor zu beteiligen. Aber nachdem Regierungen und europäische Institutionen letztes Jahr eine Umschuldung bis 2013 ausgeschlossen haben, habe ich zumindest etwas Verständnis für diejenigen, denen es zu peinlich ist, jetzt schon einzuknicken.Entscheidend ist es für zukünftige Krisen eine Beteiligung des Privatsektors im Rahmen des Europäischen Stabilisierungsmechanismus (ESM) sicherzustellen.

Was halten Sie von der aktuellen Diskussion um eine freiwillige Beteiligung von Gläubigern an einer Laufzeitverlängerung griechischer Staatsanleihen?

Eine Laufzeitverlängerung ohne Schuldenschnitt oder Zinserlass verändert die Lage Griechenlands nur wenig. Zudem können Bankmanager nicht einfach freiwillig massive Ertragseinschnitte hinnehmen. Sie müssen sich vor den Aktionären verantworten. Der Zweck dieser Maßnahmen ist primär politisch. So soll zumindest etwas auf Kritiker im Bundestag eingegangen werden.

Müssen als Folge der Finanzkrise die Lehrbücher zur Geldpolitik umgeschrieben werden?

Man wird sie in Teilen umschreiben müssen. Aber es ist auch nicht so, dass wir in den vergangenen Jahren gänzlich Einzigartiges erlebt haben. Als Mitarbeiter der amerikanischen Zentralbank Fed in den neunziger Jahren habe ich mit meinen Kollegen die Situation in Japan analysiert, als die Zentralbank den Leitzins auf Null senken musste. Schon damals haben wir Strategien für quantitative Lockerungsmaßnahmen, wie zum Beispiel direkte Wertpapierkäufe, entwickelt. Im Zuge der Finanzkrise wurden solche Maßnahmen dann auch in den Vereinigten Staaten von Amerika und Europa umgesetzt.

Welche Art von Geldpolitik empfehlen Sie?

Ich halte eine an Regeln orientierte Geldpolitik für wichtig, in der die Zentralbank im Falle von Abweichungen von den Regeln ihr Verhalten begründet.

An welche Regeln denken Sie?

Man könnte an eine Taylor-Regel denken...

...das ist eine nach ihrem Schöpfer, dem amerikanischen Ökonomen John Taylor, benannte Regel...

..., bei der die Zentralbank den Leitzins systematisch an Inflation und Wachstum anpasst. Hier zu muss die Zentralbank im wesentlichen drei Größen berechnen: die Differenz zwischen der aktuellen und der erwünschten Inflationsrate, die Differenz zwischen dem aktuellen und dem langfristig möglichen Produktionsniveau einer Volkswirtschaft sowie einen langfristigen realen Gleichgewichtszins.

Das heißt, die Zentralbank muss Schätzungen vornehmen, zum Beispiel das langfristige Produktionsniveau, das nicht direkt beobachtbar ist. Zudem wird auch das aktuelle Produktionsniveau erst mit Zeitverzögerung bekannt und nicht selten später revidiert. Wie zuverlässig ist eine Regel, die auf notwendigerweise nicht immer zuverlässigen Schätzungen beruht?

In der Tat sind auch Daten wie Bruttoinlandsprodukt oder Inflation nur Schätzungen und werden regelmäßig revidiert. Aber manche Strategien sind stärker von Schätzproblemen betroffen als andere. Die gängige Inflationssteuerung zum Beispiel basiert darauf, dass künftige Entwicklungen geschätzt werden. Solche Inflations- und Wachstumsprognosen sind äußerst problematisch. Die Taylor-Regel stellt deshalb auf die Einschätzung der aktuellen Wirtschaftsentwicklung ab.

Welche Rolle könnte die außerhalb der EZB seit langem vernachlässigte monetäre Analyse, also die Analyse der Entwicklung von Geld- und Kreditmengen, in einer regelgebundenen geldpolitischen Konzeption spielen?

Ich halte die Analyse von Geldmengentrends für sinnvoll. Wenn die Geldmenge über einen längeren Zeitraum deutlich schneller wächst als im Trend, sollte eine Zentralbank dies als ein Warnzeichen betrachten, auch wenn man die Zinspolitik nicht alleine an der Geldmenge ausrichten kann. Eine regelgebundene Geldpolitik könnte also so aussehen, dass die Zentralbank üblicherweise der Taylor-Regel folgt, aber bei anhaltenden Abweichungen des Geldmengenwachstums den Leitzins entsprechend anpasst.

Aber gerade in den Vereinigten Staaten spielt die Geldmenge unter den Ökonomen und in der Fed schon lange keine Rolle mehr.

Das stimmt. Die EZB war lange Zeit eine Art Einzelkämpfer, indem sie an der Wichtigkeit monetärer Analysen festhielt. Dafür ist sie nicht nur von amerikanischen Ökonomen kritisiert worden. Seit dem Ausbruch der Krise hat die EZB es leichter, weil sich ihre Kritiker in Erklärungsnot befinden.

Stellen Kreditmengen oder Vermögenspreise Alternativen zur Analyse von Geldmengen dar?

Bei Vermögenspreisen bin ich skeptisch. Welcher Preis soll es sein? Was ist eine Blase und was nicht? Ob Kreditmengen oder Geldmengen besser als Richtschnur für die Geldpolitik geeignet sind, muss man testen. Beim heutigen Kenntnisstand würde ich jedenfalls sagen, dass Geldmengen keine schlechten Beobachtungsobjekte sind.

Wie beurteilen Sie die Politik der Fed seit Ausbruch der Finanzkrise?

Die Fed hat nach dem Untergang von Lehman Brothers ihren Zins gesenkt und mit dem Kauf von Staatsanleihen, einer quantitativen Lockerung („QE1“), begonnen. Begründet wurde dies mit dem Ziel, die aus Sicht der Fed zu niedrige Inflationsrate etwas zu erhöhen. Diese Entscheidungen waren meines Erachtens sinnvoll. Seitdem hat die Fed ein zweites Programm zum Kauf von Staatsanleihen („QE2“) eingeführt, das sie mit der aus ihrer Sicht zu hohen Arbeitslosigkeit begründet, denn die Inflation ist inzwischen wieder gestiegen. Hier kann man sich schon fragen, ob die Arbeitslosigkeit eine so große Bedeutung für die Geldpolitik einnehmen soll.

Warum nicht? Die Arbeitslosigkeit ist neben der Inflationsrate eine Zielgröße der amerikanischen Geldpolitik.

Ich bin aber nicht davon überzeugt, dass die Geldpolitik so einfach die Arbeitslosigkeit steuern kann. Der wirtschaftliche Umbruch in den Vereinigten Staaten ist erheblich. In der Baubranche haben viele Beschäftigte ihren Job verloren. Die können nicht alle schnell in eine andere Branche wechseln, nur weil die Fed die Zinsen niedrig hält.

Sehen Sie eine Gefahr, dass die Fed Inflationsgefahren unterschätzt und ihre Politik zu spät strafft?

Diese Gefahr existiert sicherlich.Wenn die Inflationsrate steigt, die Arbeitslosigkeit aber nicht deutlich zurückgeht, könnte sich die Fed versucht sehen, ihre Zinsen niedrig zu halten und für ein paar Jahre eine Inflationsrate zu tolerieren, die über 2 Prozent liegt. Aber ich glaube nicht, dass eine von Ben Bernanke geleitete Fed sehr hohe Inflationsraten, zum Beispiel nahe 10 Prozent, tolerieren würde.

Die Fragen stellte die F.A.Z.-Finanzmarktredaktion.





Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, House of Finance

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