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Anshu Jain
Der Banker, der „The Deutsche“ umbaut
Von Georg Meck
07. Oktober 2012
Mit dem Geld und der Gerechtigkeit verhalte es sich ganz simpel, sagt Anshu Jain im Zwiegespräch. „Jeder Mensch hat Talente, Georg“, führt er aus: „Sie haben Talente, ich habe Talente. Für meine ist der Preis hoch, für ihre niedriger. Schlecht für Sie, gut für mich.“
Das Geld
Mit dem Geld und der Gerechtigkeit verhalte es sich ganz simpel, sagt Anshu Jain im Zwiegespräch. „Jeder Mensch hat Talente, Georg“, führt er aus: „Sie haben Talente, ich habe Talente. Für meine ist der Preis hoch, für ihre niedriger. Schlecht für Sie, gut für mich.“
Noch Fragen? Der Mann meint das nicht böse. So ist die Welt nun mal. Der Professor im Hörsaal könnte es nicht prägnanter formulieren: Der Markt, also Angebot und Nachfrage, regeln den Preis, auch den für die menschliche Arbeitskraft. Wer mag da richten über Gerechtigkeit und Moral? Einen besseren Maßstab gibt es nicht.
Es ist auch keine Schande, wenn der Markt die eigenen Fähigkeiten niedriger einstuft als diejenigen von Anshu Jain: Höher wird niemand bewertet, zumindest kein Angestellter in Deutschland. Kein Topmanager eines deutschen Konzerns hat in den vergangenen Jahren mehr verdient als der heutige Cochef der Deutschen Bank.

Spitzenverdiener
In den einschlägigen Tabellen der Spitzenverdiener lag meist Josef Ackermann vorne (bis ihn VW-Chef Martin Winterkorn 2012 verdrängte), mit Spitzengagen jenseits der 10 Millionen Euro. „Es gibt in der Bank Leute, die weit besser bezahlt werden als ich“, pflegte Josef Ackermann zu sagen: Gemeint waren die Kameraden in London, die Investmentbanker mit Anshu Jain an der Spitze, dem auch innerhalb der Bank ein Vielfaches der Ackermann-Bezüge nachgesagt wurde.
Für ihre Vorstände müssen die großen börsennotierten Firmen seit einigen Jahren die Gehälter einzeln ausweisen, nicht aber die der Leute auf den unteren Hierarchiestufen, selbst wenn diese mehr verdienen: In diese Kategorie fiel Anshu Jain bis zum Jahr 2009, ehe er in den Vorstand befördert wurde. Verdient hat er vorher mehr.
Für Josef Ackermann ergeben die einschlägigen Berichte eine runde Zahl: In den zehn Jahren als Bankchef bringt der Schweizer es in der Summe auf knapp 100 Millionen Euro, ein stolzer Betrag, wenn auch bei weitem nicht alles davon bar ausbezahlt wurde, sondern in Aktien. Und natürlich gilt: Brutto ist nicht gleich netto.
Keiner weiß es
Anshu Jain liegt auf jeden Fall darüber, und zwar deutlich. „Zwischen 200 und 300 Millionen Euro hat Herr Jain in all den Jahren insgesamt sicher nach Hause getragen“, schätzt einer der führenden Vergütungsexperten im Land. „Genau weiß das außer ihm keiner.“ Verbürgt ist, dass Investmentbanker in aller Welt andere Gehälter aufrufen als gewöhnliche CEOs in Großkonzernen. In guten Jahren sind 40 bis 60 Millionen Dollar drin.
Der Würzburger Bankenprofessor Ekkehard Wenger taxiert Superstar Jain deshalb deutlich höher: „Brutto hat er an die 500 Millionen Euro aus der Deutschen Bank rausgetragen: Leute wie Jain haben die Kuh gemolken, jetzt ist sie abgemagert bis aufs Skelett.“ Nun hat der Hochschullehrer Wenger, berüchtigt als Vorstandsschreck, generell eine Vorliebe für drastisches Vokabular. Mit der Deutschen Bank aber hat er eine Rechnung offen: „Ich habe vor mehr als 20 Jahren Aktien für umgerechnet 36 Euro gekauft. Den Kurs haben sie nicht mal gehalten.“ Jedes Sparbuch rentiere sich besser, zürnt er: „Für langfristige Anleger ist mit der Deutschen Bank nichts zu gewinnen.“ Der Konzern mag Milliarden verdienen, bei den Eigentümern kommt nichts an: „Das ist wie in einer Fußballmannschaft: Alles Geld, das reinkommt, wird an die Stars rausgehauen. Für den Verein bleibt nichts.“
Wenger ist kein Neidprediger, er gönnt jedem Milliardär sein Vermögen - Leuten wie den SAP-Gründern, die etwas Bleibendes schaffen, die persönliche Risiken eingehen und dafür belohnt werden: „Wofür aber werden die Deutschbanker belohnt?“
Kein Großaktionär
Die Aktionäre, auch die großen und professionellen, werden jedenfalls unruhig. Sie akzeptieren die Fabelgehälter im Bankenviertel nicht länger. Die Investoren sehen nicht länger ein, dass sie verarmen, während ihr Personal, die angestellten Manager, ein Vermögen aufbauen. Darauf hat die Deutsche Bank zu reagieren.
Dass Anshu Jain mit seinem Geld Ferraris kauft und sie irgendwo heimlich hortet, ist nicht anzunehmen. Ein erklecklicher Teil seines Vermögens steckt in der Deutschen Bank, insofern leidet er mit Kleinaktionären wie Professor Wenger. Der Vorstandsvorsitzende Jain ist wahrscheinlich sogar der größte private Eigner an der Bank. Insgesamt 660.389 Aktionären gehört ein Stück an der Deutschen Bank, 99 Prozent davon sind Privatleute. Unter denen wiederum bilden die Investmentbanker die größte Gruppe, da sie zum Teil mit Aktien bezahlt werden, seit Jahren.
Mehrere Pakete davon hat Anshu Jain zwischendurch verkauft, nach dem zuletzt verfügbaren Geschäftsbericht hält er aktuell 552.697 Aktien, dazu 346.703 Anwartschaften - somit gehört ihm selbst etwa ein Promille der Bank. Zu einem richtigen Großaktionär fehlt da noch ein Stück. Immerhin entspricht das Aktienpaket einem Vermögen von 16,6 Millionen Euro, berechnet zu den mauen Kursen um die 30 Euro. Das bedeutet: Jeder Euro, um den Anshu Jain auf seinem Posten als Vorstandsvorsitzender die Aktie bewegt, wirkt sich mit einer halben Million Euro plus oder minus direkt auf seinem privaten Konto aus.
Die Macht
Irgendwann hat Anshu Jain für sich entschieden: Er will es wissen. Er will nach ganz oben in der Bank, auch formell. Nicht mehr länger als Anführer der Investmentbanker der heimliche Herrscher in London sein, sondern offiziell Vorstandsvorsitzender. Mit allen Konsequenzen: mehr Frankfurt, mehr Politik, mehr Öffentlichkeit - und weniger Geld. Spätestens im Frühjahr 2011, als die Schlacht um die Ackermann-Nachfolge dem wüsten Höhepunkt entgegenschaukelt, wird es offensichtlich: Jain erhebt Ansprüche. Mächtige Verbündete sekundieren ihm. Larry Fink etwa, Chef von Blackrock, weltgrößter Vermögensverwalter und größter Aktionär der Deutschen Bank, sagt: „Anshu macht einen phantastischen Job. Er hat ein wahres Powerhouse aufgebaut, leise, mit Eleganz und Anmut.“ Andere Investoren senden ebenso eindeutige Signale: Anshu Jain soll es richten - deutsche Befindlichkeiten hin oder her.
Lange Jahre war man sich nicht so sicher: Will er wirklich an die Spitze? Jain übte sich in Koketterie: Er könnte es zur Abwechslung ja auch mal woanders versuchen, so wurden seine Äußerungen gedeutet. Jetzt, da es ernst wird, gerät jede Andeutung Jains in diese Richtung zur Drohung. Wer den Superstar verprellt, ihn gar aus dem Haus treibt, vernichtet Vermögen. Dahinter steht die Botschaft: Alles, was den Erfolg des Investmentbankers gefährdet, zerstört unmittelbar den Wert der Deutschen Bank am Kapitalmarkt. Jains Kollegen im Vorstand wissen um dieses Erpressungspotenzial: „Wenn er im Zorn geht, dann geht er nicht allein. Das hat dann direkte Folgen für den Aktienkurs“, sagt einer von ihnen in jenen Tagen. Jain habe seine Leute hinter sich: „Anshu zahlt gut, das schafft Loyalitäten.“
Sein Ruf in der Szene ist legendär: „Goldfinger“, „Wunderkind“, „Sonnengott“ haben sie Jain genannt: Er fährt mit seiner Sparte in London für gewöhnlich mehr Gewinn ein als der Rest des Vorstands zusammen. Und das zeigt er auch. „Anshu Jain ist nicht arrogant“, sagt ein Weggefährte, „er tritt nur in dem Bewusstsein auf, dass er der wichtigste Mann in der Bank ist.“
Wie kaum jemand sonst verkörpert Anshu Jain das Ideal des Hochleistungsmanagers: schnell denken, schnell entscheiden, keine Sperenzchen. Ausschweifungen sind nicht vorstellbar, jeder Schlendrian ist ihm ein Graus. Sein Führungsstil ist straff. Anshu Jain wird im Haus als „wahrer Anführer“ umschwärmt. Disziplin, Präzision und Ehrgeiz zeichnen ihn aus. Vor allem aber: „intellektuelle Brillanz“, wie ein Kollege aus der Führungsriege sagt. „Wer mit ihm spricht, lehnt sich nicht zurück, nie, der sitzt permanent vorne auf der Stuhlkante - physisch wie mental, immer auf der Hut. Wie will man aussehen? Wie will man von Anshu wahrgenommen werden?“
Die Liebe
Zwei Dinge treiben Anshu Jain an, so hat es seine Mutter vor Jahren erzählt: „Geetika und die Karriere.“ Geetika - das ist die Frau, mit der er seit College-Zeiten zusammen und mehr als ein Vierteljahrhundert verheiratet ist. Beide verbindet die Liebe zu Natur und Wildnis. Geetika Jain, eine freie Journalistin, hat mehr als 60 Länder bereist. In ihren Reportagen schildert sie den Lesern in Asien die Sehenswürdigkeiten in Bayern („Dirndl und Weißwurst“), in Belgien und auf den Bahamas. Sie klärt auf über die Vorzüge Berlins, die Lieblingsstadt ihres Mannes in Deutschland: „Ein Paradies für Kunst- und Architekturliebhaber.“
Außerdem erfährt das Publikum auf diesem Weg von Anshu Jains Abenteuern nach Feierabend, wenn er seine Frau zu Safaris nach Afrika begleitet, auf der Suche nach Berggorillas etwa. Im Sommer 2010 erklimmt die ganze Familie Jain den Vulkan Sabinyo im Norden Ruandas. Als sie nach stundenlangem Marsch schon ungeduldig werden, taucht ein wilder Berggorilla auf: „Mein Herz stand still, als ich die Silhouette eines Silberrückens im Gebüsch sah“, berichtet Geetika Jain. Als Anshu Jain mit seinem Fotoapparat dem Gorilla zu nahe kommt, fletscht das Tier die Zähne und vertreibt die Familie.
Mit Kindern auf Safari
Mit sieben Jahren dürfen Sohn Arjun und Tochter Aranya zum ersten Mal mit auf Safari. „Die Nähe zur Natur ist der wahre Luxus“, lehrt sie die Mutter. Abgesehen vom Spaß in der Wildnis glaubt sie an den pädagogischen Nutzen dieser Reisen: Anders als zu Hause, wo die Familie mit Mühe zum Abendbrot zusammenfindet, verbringt sie hier den ganzen Tag, 24 Stunden, eng beieinander: „Die Nähe schafft ein tiefes Zusammengehörigkeitsgefühl.“
Unter den vielen Herausforderungen eines Top-Managers ist die Familie nicht die einfachste. Ständige Präsenz daheim ist unvereinbar mit dem Job, und es ist fraglich, ob es zur Vermittlung familiärer Geborgenheit genügt, die Assistentin anzuweisen, sie möge die Kinder am Telefon durchstellen - so hat es ein deutscher Promi-Manager mal erzählt. Anshu Jain definiert seine Rolle anders, der Zusammenhalt mit den Kindern ist ihm ein hohes Gut, das Einsatz fordert.
Wie der Vater
Sohn Arjun und Tochter Aranya sind inzwischen aus dem Haus, beide studieren in Amerika. Begabte, aufgeweckte junge Menschen, weltoffen und in vielerlei Hinsicht interessiert. Der Sohn studiert in Princeton Economics (wie der Vater), mag die Songs der jungen französischen Sängerin Cristina Vane (wie seine Schwester), fotografiert für sein Leben gern (womöglich noch besser als der Vater) und spielt als Gitarrist in einer Rockband (derlei ist vom Vater nicht überliefert).
Und noch immer reist man gemeinsam, nach wie vor gerne in die Wildnis. Frühes Aufstehen werde auf Safari-Tour trainiert, die Wachsamkeit des Nachwuchses geschult, betont Geetika Jain. Selbst Stadtkinder lernen, mit geschlossenen Augen zu erkennen, wann ein Elefant hinter ihrem Rücken vorbeiläuft oder wann es zu regnen beginnt. Und sie lernen mit Mücken und Wanzen, Spinnen und Skorpionen umzugehen - als Vorbereitung auf größeres Getier.
Ein Tiger in freier Wildbahn
Von Anshu Jains Cousin Amit Jain, Spitzenmanager beim Chemiekonzern Akzo Nobel in Indien, vorher bei Coca-Cola und MTV angestellt, stammt die zwei Jahrzehnte alte Anekdote über die Tiger-Jagd des heutigen Deutsche-Bank-Chefs: Anshu Jain war damals von New York aus in einen indischen Nationalpark angereist: Tiger schauen - nur schauen, nicht schießen oder jagen. Die beiden haben jedoch Pech. Weit und breit ist keine Raubkatze zu sehen. Erst als sie sich mit ihren Frauen auf den Rückweg machen, kreuzt plötzlich ein Tiger den Weg:
Welch ein Moment! Anshu und Amit Jain klettern mit der Videokamera auf den Wagen und zerbeulen dabei dessen Dach. Anshu Jain ist so fasziniert von dem Tiger, dass er herunterspringt und sich mit der Videokamera dem Raubtier zu Fuß nähert. Gattin Geetika ist entsetzt. Der Tiger verschwindet erst mit großen Sprüngen, als die Delle im Autoblech mit lautem Karacho zurückspringt. Der Anblick eines Tigers in freier Wildbahn sei unvergleichlich und „verändert das Leben“, sagt Anshu Jain später.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: dapd, dpa, REUTERS, Röth, Frank
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