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Besuch der Kanzlerin
China deutet Hilfe für Europa an
Von Christian GeinitzNeues Selbstbewusstsein
Mit wachsendem Wohlstand, besserer Ernährung und medizinischer Versorgung ist die Körpergröße der Chinesen deutlich gestiegen. Viele Besucher aus dem Westen sind erstaunt darüber, dass ihr Bild von den kleingewachsenen Asiaten unter den jungen Leuten in den Großstädten nicht mehr gilt. Natürlich ist das handverlesene Wachbataillon nicht repräsentativ, aber es symbolisiert anschaulich Chinas gewachsene Bedeutung und sein Selbstbewusstsein in der neuen Welt- und Wirtschaftsordnung.Durch die Wachstums- und Schuldenkrise der EU, in der sich Deutschland am besten schlägt, hat auch das Gewicht der Bundesrepublik zugenommen. So gesehen begegnen sich am Platz des Himmlischen Friedens zwei international einflussreiche Partner „auf Augenhöhe“, was im Falle Merkels und Wens ganz wörtlich gilt.
International Platz zwei und vier
Während Merkels letztem Besuch vor zwei Jahren wehrten sich beide Länder gegen Vorwürfe aus Amerika, ihre Handelsüberschüsse trügen zum globalen Ungleichgewicht bei. Diesmal sehen sie sich gemeinsam in der Verantwortung, den Schulden- und Wachstumskrisen zu begegnen, vor allem in Europa. Sie tun das aus einer Position der Stärke heraus: Deutschland und China sind die größten Exportnationen der Welt, die mächtigsten Volkswirtschaften in ihren Erdteilen und die Wachstumsmotoren; international rangieren sie auf den Plätzen zwei und vier.Deutschalnd als dominante Kraft in Europa?
Chinas wirtschafts- und machtpolitische Weltkarte ist ebenso einfach wie bestechend. Aus Pekings Sicht ist die Zeit der einzigen Supermacht Amerika - und ihrer Währung - abgelaufen. An ihre Stelle trete ein „multipolares System“. Darin begreift China die Vereinigten Staaten als natürliche Vormacht in Amerika, sich selbst als Führer in Asien und Deutschland als dominante Kraft in Europa. Langfristig werde es drei große Reservewährungen geben, den Dollar, den Renminbi und - wer hätte das gedacht? - den Euro.Wechselseitige Abhängigkeit
Dabei ist Chinas Interesse an dem alten Kontinent und seiner Führungsmacht alles andere als selbstlos. Europa ist für China schlichtweg „too big to fail“, wie es in der Sprache der Systemrelevanz heute heißt. Wen spricht angesichts der Eurokrise offen von einer „kritischen Weltwirtschaftslage“. Die EU sei die größte Volkswirtschaft auf der Erde und Chinas wichtigster Handelspartner. „Ob sie finanziell stabil bleiben, wirtschaftlich wachsen und die Integration vorantreiben kann, betrifft nicht nur Zukunft und Schicksal Europas, sondern ist von erheblicher Bedeutung für China und den Rest der Welt.“Wen mahnt „schmerzhafte Entscheidungen an“
Ganze Branchen hängen von den riesigen und wachsenden Absatzmärkten in Fernost ab, ohne China hätten sie in der Krise gefährlich Federn gelassen. Etwa der deutsche Automobil- und Maschinenbau oder die Chemieindustrie. Europas größter Autokonzern, die Volkswagen-Gruppe - deren Chef Martin Winterkorn Merkel in China begleitet - verkauft jedes dritte Fahrzeug im Reich der Mitte. Nirgendwo stehen mehr Fabriken, nirgendwo investiert VW mehr als hier.Ein neuer Zungenschlag
Zugleich aber zeigt sich der Regierungschef ungewohnt offen für eigene Hilfsanstrengung bei der Überwindung der europäischen Schuldenkrise. Er wird nicht konkret, was die Höhe möglicher Investitionen anlangt, nennt jedoch erstmals den provisorischen Euro-Krisenfonds und seinen Nachfolger beim Namen: „China denkt darüber nach, über die EFSF oder den ESM mehr an der Überwindung der Schuldenkrise mitzuwirken“, verspricht Wen der Kanzlerin. Zu Merkels Freude ist das ein neuer Zungenschlag, denn zuvor hatte sich das Land nur über den IWF engagieren wollen oder mit Investitionen in europäische Unternehmen oder in die Infrastruktur.China sitzt mit im Boot
Ähnlich wie in Europa und Amerika haben die Konjunktur- und Kreditprogramme zur Stützung der Wirtschaft und Arbeitsmärkte gefährliche Risiken heraufbeschworen: Chinas Kommunen sind heillos überschuldet, die Banken unterkapitalisiert. Es drohen Kreditausfälle und ein Platzen der auf Pump finanzierten Immobilienblase. Durch die laxe Geldpolitik ist die Inflation zwischenzeitlich auf den höchsten Wert seit drei Jahren geklettert, der graue Kapitalmarkt feiert Urstände.„Ich durfte nicht gehen“
Die offiziell gute Stimmung ist auch nicht durch abweichende Meinungen getrübt worden. Konnte sie auch nicht: Der chinesische Menschenrechtsanwalt Mo Shaoping ist nach eigenen Angaben von der Polizei an einem Treffen mit Merkel gehindert worden. Er sei zu einem Empfang in der deutschen Botschaft eingeladen worden, an dem am Donnerstag auch Merkel teilnehmen sollte, sagt Mo an diesem Freitag. „Ich durfte nicht gehen.“ Die Beamten hätten gesagt: „Es dient nur der Stabilität. Wir wollen keine abweichenden Stimmen.“
Irritationen gibt es auch, als ein Termin bei einer kritischen Zeitung offenbar auf politischen Druck hin platzt. Bis zuletzt hatte es ein Tauziehen um die Visite bei der Zeitungsgruppe Nanfang gegeben. „Die Zeitung hat den Besuch abgesagt“, berichten Delegationskreise nun. „Jetzt kann sich jeder seinen Reim darauf machen.“
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa
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