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Schuldenkrise
Austritt aus dem Euro ist für Linde-Chef kein Tabu
Von Carsten Knop
15. Januar 2012 Wolfgang Reitzle, der Vorstandsvorsitzende des Münchner Gase- und Energieunternehmens Linde, ist nicht der Meinung, dass die Gemeinschaftswährung um jeden Preis gerettet werden muss. Der Linde-Chef und Aufsichtsratsvorsitzende des Automobilzulieferers Continental glaubt zwar, dass der Euro nicht auseinanderbrechen wird. Er fürchtet aber, dass der Reformwille in den Krisenländern nachlässt, wenn am Ende doch immer die Europäische Zentralbank (EZB) eingreift. Falls es jedoch nicht gelinge, die Krisenländer zu disziplinieren, müsse Deutschland aus dem Euroraum austreten, sagte Reitzle dem „Spiegel“.
Dies würde dann zwar zu einer Aufwertung „der D-Mark, des Euro-Nord, oder welche Währung wir dann auch hätten“, führen. Deshalb würde in den ersten Jahren die Arbeitslosigkeit steigen, weil der Export durch die Aufwertung und damit die Verteuerung der deutschen Produkte stark sinke. Dann würde der Druck zunehmen, noch wettbewerbsfähiger zu werden. Die deutsche Wirtschaft könnte diesen Schock aber nach einigen Jahren überwunden haben, glaubt Reitzle: „Schon fünf Jahre später könnte Deutschland im Vergleich zu den asiatischen Wettbewerbern noch stärker dastehen.“ Das gesamte Szenario sei für ihn nicht wünschenswert, dürfe aber auch kein Tabu sein.
Euro-Rettung wünschenswert, aber nicht um jeden Preis
Die derzeitigen Ankäufe von Staatsanleihen durch die EZB hält Reitzle jedenfalls für falsch, doch gebe es keine andere Möglichkeit, wenn man verhindern wolle, dass die Währungsunion auseinanderbreche. Zudem sei das Problem tatsächlich noch viel größer, da auch die Ungleichgewichte im Zahlungsverkehr der Notenbanken des EZB-Systems (Target 2-Salden) wüchsen. Das bedeute, dass die Handelsbilanzdefizite der Krisenländer von der Bundesbank garantiert würden – auf die Deutschen entfalle derzeit ein Volumen von 550 Milliarden Euro: „Damit finanzieren wir deutsche Automobile und Werkzeugmaschinen, die nach Spanien oder Italien geliefert werden, im Prinzip selbst.“ Zudem gingen in diese Salden rund 100 Milliarden Euro ein, die die Italiener in den vergangenen Monaten aus ihrem Land abgezogen und zum Beispiel in Immobilien in Berlin angelegt haben.
Für Griechenland sieht Reitzle ohnehin keine Chancen mehr, in der Währungsunion zu bleiben. Griechenland müsse mittelfristig austreten. Die Kapitalmärkte hätten das Thema längst abgehakt. Die Schulden Athens werden nach der Überzeugung des Linde-Chefs nicht zu 50 oder 70 Prozent, sondern zu 100 Prozent abgeschrieben werden müssen.
Mit seinen Aussagen hebt sich Reitzle erheblich von anderen Spitzenmanagern ab. Noch im vergangenen Sommer hatten 50 von ihnen Anzeigen in Tageszeitungen geschaltet unter dem Titel „Der Euro ist notwendig“. Darin machten sie auf die Vorteile des Euro aufmerksam und forderten finanzielle Hilfen für die angeschlagenen Länder.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2012.
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