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Reportage
Auf der Kirmes der Nerds
Von Christian Müßgens, Hamburg
28. Dezember 2012 Im Hamburger Kongresszentrum herrscht Kabelsalat. An runden Konferenztischen hocken russische Informatiker, schwedische Hacker und deutsche Netzaktivisten zwischen provisorisch zusammengestöpselten Laptops, verknoteten Datenkabeln, blinkenden Messgeräten und Netzwerkrechnern, aus denen dutzende Leitungen herausbaumeln. Junge Männer mit Pferdeschwänzen, Heavy Metal T-Shirts und ausgetretenen Turnschuhen drücken sich an älteren Programmierern mit schütterem Haar und ausgewaschenen Hemden vorbei. Die Luft ist stickig, der Teppich dämpft das tausendstimmige Gemurmel. Ein Mann im Star-Wars-Kostüm mit weißem Helm, Brustpanzer und Beinschienen schleicht durch die Menge und fuchtelt mit seiner Strahlenkanone aus Plastik.
Draußen vor dem Betongebäude aus den siebziger Jahren wird derweil die Warteschlange immer länger. Rund 5000 Besucher strömen zur Jahreskonferenz von Europas größtem Hackerverein, dem Chaos Computer Club. Seiner Einladung folgen Besucher aus der ganzen Welt. Am Donnerstag hat das Treffen begonnen, es endet am Sonntag. In den vergangen vierzehn Jahren war die Konferenz in Berlin, doch in den Räumen am Alexanderplatz wurde es zu eng. Deshalb haben sich die Veranstalter in diesem Jahr wieder für Hamburg entschieden, wo der Kongress schon vor 1998 mehrmals tagte. In knapp 100 Vorträgen berichten Computerexperten und Bürgerrechtler über europäischen Datenschutz, Sicherheitslücken in Festplattenverschlüsselungen, Mobilfunknetze, Hackerethik und in Kleidung integrierte Funkchips.
Das Treffen gleicht einer Mischung aus politischer Kundgebung, Fachkonferenz und Kirmes für Nerds. „Widersetzt euch dem Überwachungsstaat“, ruft der amerikanische Hacker und Wikileaks-Unterstützer Jacob Appelbaum den Besuchern zu Beginn der Konferenz zu. Derweil stecken im sogenannten Hackerzentrum - einem Raum mit gedämpftem Licht im Erdgeschoss - kleine Gruppen von Computerkennern ihre Köpfe zusammen, löten Platinen und diskutieren über nicht enden wollende Datenreihen auf ihren Bildschirmen. Auf der Konferenz gilt es als offenes Geheimnis, dass manche mit ihrem Computer in der anonymen Besuchermasse abtauchen und die schnelle Internetverbindung nutzen, um Dinge auszuprobieren, die sie an ihrem heimischen Rechner lieber nicht tun würden.
In geschlossene Computernetze einzudringen und Schwachstellen in Sicherheitssystemen aufzuspüren ist aber längst nicht mehr das wichtigste Thema der Fachleute, die sich auf diesem Treffen zusammengefunden haben. „Das Themenspektrum ist sehr viel breiter geworden“, sagt Dirk Engling vom Chaos Computer Club. Er gehört zur achtköpfigen Organisationsgruppe, die das Treffen auf die Beine gestellt hat. Während sich die Diskussionen in den vergangenen Jahren oft um Sicherheitslücken von Internetseiten und Datenbanken drehten, stünden heute grundsätzliche Themen wie die Freiheit im Netz im Mittelpunkt. Zudem diskutiert der Chaos Computer Club in diesem Jahr mit seinen Fachbesuchern besonders intensiv darüber, welche negativen Folgen der von Programmierern vorangetriebene technische Fortschritt haben kann - wenn er zum Beispiel der Entwicklung von neuen Waffen oder Überwachungssystemen dient.

10.000 Liter „Hackerbrause“
Damit die Kehlen während diesen ernsten Diskussionen nicht zu trocken werden, haben die Veranstalter rund 10.000 Liter der koffeinhaltigen Mate-Limonade - in der Szene als „Hackerbrause“ bekannt - herangeschafft. Das sei eigentlich nicht viel, sagt Engling, aber in Hamburg habe man nicht mehr auftreiben können.
Wachsende Aufmerksamkeit richtet sich auf die Sicherheit von Mobilfunknetzen und Smartphones. Im Hackerzentrum hockt eine kleine Gruppe über einem Gerät von Samsung und versucht herauszufinden, ob einige vorinstallierten Programme dazu dienen, Daten über die Nutzer zu sammeln. Ein niederländischer Hacker hat eine kleine Telefongesellschaft für Gleichgesinnte ins Leben gerufen und berichtetdarüber in einem Vortrag. Die Pläne der Automobilwirtschaft für vernetzte Autos, welche untereinander Daten austauschen, sorgen für Unmut. In einem großangelegten Forschungsprojekt im amerikanischen Ann Arbor prüfen einige Hersteller zurzeit, ob mit dieser Technik Unfälle reduziert werden können. Die dafür entwickelten Geräte hätten Sicherheitslücken, sagt die Hackerin Christie Dudley: „Sie können diese Geräte hacken“, rief sie den Besuchern zu. Das sei eine gute Möglichkeit, um auf Risiken der Technik aufmerksam zu machen.
Am Ende des Tages, wenn die Luft in den zahllosen Konferenzräumen allzu dick wird, geht das Treffen im Partyzelt vor der Tür und in der Lounge unterm Dach weiter. Für wenige Stunden spielen dann Programmiersprachen, Überwachungsstaat und Antiterrordatei keine Rolle mehr. Dumpfe Technomusik dröhnt aus den Boxen, das Bier fließt in Strömen. Funkamateure tanzen mit Softwareentwicklern und Bürgerrechtlern. Nicht ohne Grund beginnen die frühesten Vorträge erst um 11 Uhr am nächsten Vormittag.
Text: FAZ.net
Bildmaterial: dapd, dpa, REUTERS
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