23. Mai 2012

Eiskalter Winter

Was nützt die Wärme in Gedanken

Von Anne Hähnig, Marienberg
03. Februar 2012 Der heißeste Kandidat für den Kälterekord ist Marienberg im Erzgebirge: 610 Meter hoch, 30 Kilometer südöstlich von Chemnitz. Die Meteorologen vom Deutschen Wetterdienst haben vorhergesagt, dass es in Marienberg am kältesten werden könnte in der Nacht von Donnerstag auf Freitag - am kältesten in ganz Deutschland, vielleicht sogar in diesem Jahr. Minus 20 Grad, mindestens. Also auf nach Marienberg! Die Fahrt von Frankfurt aus soll sechs Stunden und 25 Minuten dauern. Wenn nichts dazwischen kommt, ein Bagger zum Beispiel.
Vorher ein kurzer Abstecher zum Frankfurter Willy-Brandt-Platz. Hier zeigt das Thermometer um halb acht am Donnerstagmorgen minus acht Grad Celsius - lächerlich, im Vergleich zu den mit minus 20,6 Grad in Marienberg. Auf dem Stückchen Wiese vor dem Gebäude der Europäischen Zentralbank aber schlafen immer noch etwa 30 Menschen draußen. Sie übernachten seit Oktober im „Occupy“-Camp in ihren Zelten, demonstrieren für und gegen vieles, fordern soziale Gerechtigkeit, weniger Macht den Banken.
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Um den Winter zu überstehen, haben sich die Demonstranten Paletten besorgt. Darunter liegt Styropor, darüber die einzelnen Zelte, dann die Isomatte, ein paar Sitzpolster, darauf der Schlafsack. In der Mitte einiger Zelte stehen Teelichter. „So geht’s schon“, sagt Claudia. Sie hat heute sieben Oberteile an: ein Top, ein T-Shirt, ein Longsleeve, zwei Kapuzen- und eine Fleece-Jacke und dann noch die Skijacke. „Eine Spende.“ Claudia hält sich an ihrer Wärmflasche fest, sie muss gerade Wache halten im IT-Zelt. Neben ihr knarrt der Gasofen. „Ich hatte nicht vor, bei Minusgraden draußen zu schlafen.“ Und ja, sie wäre auch lieber in ihrer warmen Wohnung. „Aber irgendjemand muss hier sein, damit sich etwas zum Guten ändert.“ Nachts, sagt Claudia, brauche sie außerdem nur vier Pullis, das gehe schon.

Kalt, aber trocken: ein Segen für die Bahn

Auf der Anzeigetafel des Frankfurter Hauptbahnhof leuchten kurz nach halb neun acht Sonderhinweise auf. ICE nach Mannheim: 45 Minuten Verspätung. ICE nach Berlin: knapp eine halbe Stunde. Trotzdem: „Der Frost hat uns bislang nicht viel ausgemacht“, sagt ein Bahnsprecher. Im vergangenen Jahr klebten Eisklumpen an den Zügen, sie mussten in den Werkstätten abgetaut werden, die Wartungsarbeiten verzögerten sich. Inzwischen hat die Bahn investiert, nach eigenen Angaben allein 2011 über 70 Millionen Euro. Sie hat Enteisungsanlagen bauen lassen und Abtauzelte aufgestellt. Es gibt mehr Weichenheizungen und mehr Schneeräumkräfte. Nur: Bei Wetter wie diesem werden die neuen Investitionen nicht gebraucht. Es ist zwar kalt, aber trocken, die Züge vereisen daher nicht.
Einer Fahrt nach Marienberg steht nichts im Wege. Bis Erfurt jedenfalls. Der Zugbegleiter spricht um 11.35 Uhr ins Mikrofon, dass sich die Weiterfahrt verzögere. Er bitte um „viel Geduld“. Ein Bagger habe sich in der Oberleitung verhakt.
Bis 14.02 Uhr sind der Bagger und die Oberleitung großflächig umfahren, der ICE fährt im Leipziger Kopfbahnhof ein. Schräg unterhalb von Gleis eins, etwas versteckt und nur von außen zu erreichen, liegen die Räume der Bahnhofsmission. Außer einem sehbehinderten Rentner, der hier auf seine Enkeltochter wartet, ist um diese Uhrzeit aber keiner da, der sich aufwärmen will. „Es ist doch Anfang des Monats“, sagt Josef Smuda, ein Ehrenamtlicher. „Da haben die meisten Bedürftigen gerade Geld bekommen und halten sich lieber woanders auf.“ Wer nachts friert, der geht in eine Unterkunft für Obdachlose und bekommt dort Essen und Trinken. Hier, in der Bahnhofsmission, gebe es nur Tee und Obst. Da blieben die Leute nur kurz. Eine Frau sei vorhin gebracht wurden, völlig durchgefroren. Nach 45 Minuten war auch sie wieder weg. „Im Winter kämpft jeder Obdachlose für sich allein“, sagt Josef Smudo. Deshalb werde im Sommer auch mehr Alkohol getrunken, sagt Smuda. Da sitzen viele Obdachlose draußen zusammen, geben sich gegenseitig Bier aus. Im Winter ist es dafür zu kalt. Alkohol ist außerdem im Winter besonders gefährlich, er beschleunigt die Unterkühlung, macht allenfalls warme Gedanken. Und was nützt die Wärme in Gedanken!?

Schlechte Nachrichten für Mini

Aus dem Radio die Nachricht, dass schon drei Deutsche aufgrund der Kälte der vergangenen Tage gestorben sind. In Osteuropa sollen es schon Hunderte sein. Dort hatten die Hochdruckgebiete Dieter und Cooper besonders schlimme Folgen.
Das mit Cooper hat sich auch die Werbeagentur Sassenbach anders vorgestellt. Um den neuen Mini-Cooper Coupé zu bewerben, dachten sich die Mitarbeiter eine coole Kampagne aus. Sie kauften die Namensrechte an einem Hochdruckgebiet und nannten es Cooper. So sollte das Auto zumindest als Name auch im Wetterbericht auftauchen. Inzwischen ist Cooper fester Bestandteil der Nachrichten, doch gute Schlagzeilen hat das Hochdruckgebiet nicht gebracht. Noch am Mittwoch rühmte sich die Werbeagentur für ihre Aktion. Inzwischen ist der Text auf der Homepage nicht mehr zu sehen - und kein Sassenbach-Mitarbeiter ist für ein Statement zur Werbekampagne zu erreichen.
Wolfgang Funk, Wetterbeobachter in Chemnitz, hat sich Cooper gar nicht erst eingeprägt. Der Name des Hochdruckgebiets interessiert ihn nicht. Ihm geht es um die Fakten. Der Erdboden zum Beispiel ist feucht, nur mit Schneeflecken besetzt. Sorgfältig trägt er die Daten in eine Tabelle ein. Von Chemnitz aus ist es nicht mehr weit bis nach Marienberg. Dort aber gibt es nur eine vollautomatische Wetterstation. In Chemnitz notieren noch Beamte, wie stark es regnet, wie weit die Sicht ist und wie dicht die Wolken sind. So richtig aufregend sei der Job nicht mehr, sagt Wolfgang Funk. Inzwischen übernehme die Technik fast die gesamte Arbeit. Früher musste er noch Mittelwerte errechnen. „Macht heute alles der Computer.“ In ein paar Jahren werde wohl auch in Chemnitz kein Mensch mehr in der Wetterstation sitzen, vermutet Funk. Er aber fährt noch täglich in die Neukirchner Straße 93. Um mit der Straßenbahn dahin zu kommen, muss man Haltestellen wie „Heiterer Blick“ und „Morgenleite“ passieren. Dann sind es immer noch etwa 15 Minuten zu Laufen. Nicht einmal ein Gehweg führt zur Wetterwarte.

„Nicht außergewöhnlich“

Das Gefühl in den Fingern, die auf die Navigations-App auf dem Handydisplay drücken, ist inzwischen entweder stechend oder nicht mehr da. Minus 11,6 Grad sind es in Chemnitz. „Das ist nicht außergewöhnlich“, sagt Wolfgang Funk. Im Februar 1956 waren es minus 28,4.
Vielleicht wird dieser Wert heute Nacht auch in Marienberg erreicht. Es wird nun Zeit für die Stadt, die schon in der Nacht auf Donnerstag eine der kältesten in ganz Deutschland war. Freilich bezieht der Deutsche Wetterdienst in seinen Statistiken nur Werte aus den eigenen Wetterstationen ein. Es kann sein, dass anderswo private Thermometer noch niedrigere Minusgrade anzeigten. Die aber sind nicht geprüft vom Fachmann.
In Marienberg liegt eine geschlossene Schneedecke, schon mal eine gute Voraussetzung für eisige Kälte, denn Schnee nimmt weniger Sonnenwärme auf als Felder. Die Straßen: geräumt, aber schmal. An den Rändern türmen sich kleine Schneeberge. In den Zimmern des Hotels „Weißes Roß“ werden die Gäste von Hansi Hinterseers weicher Stimme begrüßt, er singt „Amore Mio“, MDR Sachsen ist im Fernseher voreingestellt. Der Sender ertönt, sobald der Gast das Licht anmacht.

„In Skandinavien fahren die Autos doch auch“

Freitagmorgen. Jan Gallert zieht bei minus 14 Grad Celsius seine Jacke aus: „Wird mir zu warm.“ Er klemmt nun schon zum vierten Mal an diesem Morgen Kabel an eine Autobatterie und hält den Heißluftbrenner an einen Motorblock. Jan Gallert arbeitet für den ADAC. Je kälter es wird, desto mehr hat er zu tun. „Heute Nacht habe ich mal schön geschlafen, geduscht und alles“, sagt er und guckt, als würde es sich dabei um den größten Luxus handeln, den er sich gerade leisten kann. Die Hände cremt er mit Melkfett ein. Selbst neue Autos, sagt er, springen bei der Kälte nicht mehr an. Am Freitag zittern die Besitzer eines BMW neben ihrem Auto, er ist erst ein halbes Jahr alt. „Der elektronische Einspritzer schaltet auf doof“, sagt Gallert und schimpft auf die Technik in den neuen Autos. In Skandinavien, da führen die Autos doch auch, und da sei es noch viel kälter.
Doch selbst im norwegischen Oslo ist es gerade wärmer als in Marienberg. Hier lag der Tiefstwert bei 22,1 Grad Celsius. Trotzdem war Marienberg in dieser Nacht nicht die kälteste deutsche Stadt. In Deutschneudorf, 30 Kilometer entfernt, noch tiefer im Osten, noch näher an der tschechischen Grenze, waren es minus 26,4 Grad Celsius.


Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dapd

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