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Denkfehler, die uns Geld kosten (37)
Wer weiß schon, was in 50 Jahren ist
Von Christian Siedenbiedel
27. Oktober 2012 Es ist paradox: Elf Jahre nach der Rentenreform, die vor allem die private Vorsorge fördern sollte, sparen die Deutschen immer weniger fürs Alter. Zu dieser nicht wirklich beruhigenden Erkenntnis kam unlängst eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Postbank.
Die Befragten gaben an, im Durchschnitt 185 Euro im Monat fürs Alter zurückzulegen, ein Negativrekord in den Aufzeichnungen des Instituts. Im Jahr 2005 waren es immerhin noch 204 Euro pro Monat gewesen. Die Befragten selbst gaben an, sie sparten vermutlich zu wenig.
Resignation
Zumindest einige junge Leute scheinen beim Thema Altersvorsorge schlichtweg resigniert zu haben. Von der regulären Rente erhoffen sich viele ohnehin wenig, die Riester-Rente wird auch immer mehr kritisiert. In der Finanzkrise mussten die Leute zudem erleben, wie übel Aktienkurse einbrechen können und wie unsicher Banken sind.
Die Frage drängte sich auf: Welche Finanzinstitutionen wird es überhaupt noch in 50 Jahren geben, wenn ich alt bin? Zudem sind seither die Zinsen oft so niedrig, dass die Inflation sie frisst. Ist es da verwunderlich, dass einige sich fragen, ob man überhaupt noch sinnvoll fürs Alter vorsorgen kann?
Ist heute wirklich wichtiger?
Verhaltensökonomen haben allerdings herausgefunden, dass es offenbar auch einen im Menschen selbst angelegten Grund dafür gibt, dass junge Leute tendenziell zu wenig fürs Alter sparen. „Zeitinkonsistenz“ ist der Fachbegriff dafür, oder auch „hyperbolisches Diskontieren“.
Was versteht man darunter? Lange Zeit waren die Ökonomen davon ausgegangen, dass Menschen zwar eine Vorliebe für Konsum heute statt für Konsum morgen haben. Dass also jemand lieber heute ein Auto kauft als morgen, und dass man ihn dafür entschädigen muss, wenn er diesen Konsum aufschiebt - mit einem Zins. Ökonomen waren stets davon ausgegangen, dass Menschen sich rational verhalten und dieser Zinssatz, den jemand dafür verlangt, dass er seinen Konsum in die Zukunft verschiebt, über die Zeit hinweg relativ konstant bleibt.
Ungeduldige Menschen
In neueren Untersuchungen haben hingegen Verhaltensökonomen wie Richard Thaler von der University of Chicago gezeigt, dass dies absolut nicht der Fall sein muss. Um die Abhängigkeit der Vorlieben der Menschen von der Zeit zu untersuchen, wurden Probanden in Experimenten gebeten, zu vergleichen, welche Beträge sie zu welchem Zeitpunkt als Geschenk vorziehen würden.
Ob sie beispielsweise lieber in zwölf Monaten 1000 Euro bekämen - oder in 13 Monaten 1010 Euro. Das wäre ein Zins von einem Prozent für einen Monat. Wer sich für die zweite Möglichkeit entschieden hat, so sollte man meinen, müsste sich nach zwölf Monaten, wenn er dann abermals befragt wird, ob er lieber 1000 Euro sofort oder 1010 Euro in einem Monat will, wiederum für die zweite Lösung entscheiden.
Das ist aber oft nicht der Fall, wie die Experimente zeigten: Je dichter der Zeitpunkt heranrückte, desto höher musste der Zinssatz ausfallen, für den die Menschen sich noch etwas gedulden wollten. Wenn die Menschen das Geld sofort haben können, ist ihnen das offenbar dann doch viel lieber, als noch einen Monat zu warten.
Vielleicht, weil sie Angst haben, dass noch etwas dazwischen kommen könnte - oder sich das ganze Angebot als Scherz herausstellt. Wie auch immer: Auf jeden Fall gibt es anscheinend eine sehr starke Präferenz der Menschen für den Augenblick. Eine gefühlsmäßige Ungeduld - nach dem Motto: Was man hat, das hat man. Und zwar - das ist dabei wichtig - in einem nach streng rationalen Kriterien übertriebenen, unangemessenen Maße.
Streit zwischen Ich und Alter Ego
Auf die Altersvorsorge übertragen bedeutet das: Wenn Menschen sich auf diese Weise „zeitinkonsistent“ verhalten, ziehen sie unter Umständen heute den unmittelbaren Konsum der Altersvorsorge vor - und bereuen das später. Weil sie dann zu wenig Geld für das Leben im Alter haben. Sie hätten besser im Berufsleben weniger ausgegeben und mehr gespart. Es gibt also gleichsam einen ökonomischen Verteilungskonflikt zwischen dem heutigen Ich und dem künftigen Ich - und dieser Konflikt wird nicht vernünftig gelöst.
Das kennt man aus eigener Erfahrung oder dem Freundeskreis: Fast wie bei guten Vorsätzen an Silvester nehmen sich Menschen vor, mehr Geld fürs Alter zu sparen - und tun das dann doch nicht.
Oder sie sparen ein wenig. Werden aber gleich wieder weich, wenn sie vor der Entscheidung stehen, das zurückgelegte Geld doch abzuheben und lieber sofort für einen schönen Urlaub auszugeben.
Oder sie legen etwas mehr zurück. Merken dann aber nach einiger Zeit, dass ihr Konto ständig überzogen ist - und dass sie Dispozinsen sparen, wenn sie zumindest einen Teil der Ersparnisse zugunsten des Girokontos auflösen.
Zwing Dich!
Ein Trick, um dieses Problem zu lösen, ist: Abstand. Die sogenannte Zeitinkonsistenz tritt nämlich vor allem dann auf, wenn Entscheidungen gefühlsmäßig getroffen werden. Die Verhaltensökonomen Richard Thaler und Shlomo Benartzi haben in ihrem Buch „Save more tomorrow“ (“Morgen für morgen sparen“) folgenden Vorschlag gemacht: Die Menschen sollen festlegen, welchen Betrag sie jeden Monat fürs Alter zurücklegen wollen. Und zugleich, um wie viel dieser Betrag mit jeder Gehaltserhöhung steigen soll.
Mit diesem „Nudge“, diesem kleinen Stups, soll die Zeitinkonsistenz überlistet werden. Die Menschen sollen die Entscheidung möglichst ruhig vorab treffen und sich dann binden - und nicht von Situation zu Situation entscheiden. Das Sparen wird gleichsam automatisiert. Und es soll ein zeitlicher Abstand zwischen Entscheiden und Sparen liegen, so dass die übertriebene Vorliebe für den augenblicklichen Konsum etwas ausgetrickst wird.
Mancher pokert lieber
Allerdings bleiben viele Fragen offen. Was ist, wenn junge Menschen sich überhaupt nicht mit dem Alter beschäftigen wollen? Schließlich hat das Thema auch etwas mit dem Tod zu tun - dem großen Tabu. Außerdem weiß schließlich niemand, wie alt er tatsächlich wird und wie viel Geld er somit wirklich fürs Alter braucht. Kann man da nicht auch pokern?
Zumindest theoretisch kann es eine rationale Strategie sein, das Geld in jungen Jahren auf den Kopf zu hauen und darauf zu vertrauen, im Alter von der Allgemeinheit nicht fallengelassen zu werden. Ökonomen nennen das „Trittbrettfahrer“-Verhalten oder „Moral Hazard“. Dieses Verhalten ist nicht gerade vorbildlich - und hat den Preis, dass man am Schluss möglicherweise von einer ungewissen Grundsicherung leben muss. Ausdrücklich kalkuliert so in der Praxis wohl kaum jemand - aber ein bisschen mögen solche Gedanken bei Menschen, die zu wenig fürs Alter sparen, eine Rolle spielen.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Corbis
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