24. Mai 2013

Babelsberg

Vom Pflegefall zur gefragten Adresse

Von Jörg Niendorf
18. Februar 2013 Der Schuster arbeitet gerade nicht mit Schuhen, sondern mit Steinen und Balken. Seine kleine Kate ist entkernt. Das 250 Jahre alte Baudenkmal wird von Grund auf saniert. Die Maurer rotieren, und der Schuhmacher packt beim Um- und Ausbau seiner Werkstatt mit an. Wohnen wird er nebenan.
Er, ein quirliger Mann in den Vierzigern, ist von Geburt an in Babelsberg zu Hause. Offiziell ist Babelsberg ein Stadtteil der brandenburgischen Landeshauptstadt Potsdam, bekannt für seine Filmstudios, doch in Wahrheit ist es ein Fall für sich. „Der Stadtteil ist wie eine Insel“, sagt Stefan Pinkernell, ein Nachbar. „Ideal für Familien.“
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Dicht bebaut, doch überschaubar. Dörflich und doch mit guter Infrastruktur: In Babelsberg liegen Kindertagesstätten, Schulen und der Schlosspark vor der Haustür. Pinkernell und seine Frau haben das Anwesen neben dem Schuhmacher restauriert; auch ein geduckter Bau mit kleinen Fenstern. Zuvor war es völlig verrottet, erzählt Pinkernell. Seine Familie hat sich im Gartenhaus eingerichtet, im knallroten Vorderhaus liegt das Büro.
Pinkernell und der Schuster sind nicht die Einzigen, die ihre Häuser in Schuss bringen. Überall in den Gassen und Wohnstraßen sieht man Häuser, die mit viel Aufwand hergerichtet wurden. In bald jedem zweiten Haus wohnt mittlerweile eine Familie. Auf den Bürgersteigen herrschen oft Kinderwagenstau und ein dichtes Gewusel von kleinen Radfahrern.

Jede Baulücke wird genutzt

Potsdam zählt laut Statistik 160 000 Einwohner, Tendenz steigend. Die Stadt hat auch an ihren Rändern Bauland ausgewiesen. Doch im Moment übertrifft Babelsbergs Zentrum alles: Die Nachfrage nach Wohnraum im historischen Viertel aus der Zeit Friedrichs des Großen und in den benachbarten Gründerzeitquartieren entlang der S-Bahn-Strecke Berlin-Potsdam ist riesig. Der Stadtteil wächst im Innern, in den Höfen, hinter den Zäunen. Jede Baulücke wird genutzt. Schon um die 10 000 Menschen leben hier. Ende der 1990er Jahre waren es nur 5800, das Gebiet war ein Pflegefall. Jetzt dominieren die Jungen das Bild. Das Durchschnittsalter der Einwohner liegt bei 35 Jahren - damit sind sie sieben Jahre jünger als der Durchschnittspotsdamer.
Ausgelöst wurde der Boom vor acht Jahren durch eine neue Wohngasse. Die Häuschen sind gelb geklinkert und stehen sich dicht gegenüber, vom nahen S-Bahnhof hallen Zuggeräusche herüber. Es ist eine urbane, gleichzeitig gemütliche Atmosphäre. Damals zogen 17 Familien ein, erzählt Rainer Baatz von der Sanierungsgesellschaft Stadtkontor.
Baatz steuert im Auftrag der Stadt die Entwicklung Babelsbergs. Hier trommelte er eine Baugemeinschaft zusammen, nach dem Vorbild, wie in Universitätsstädten wie Tübingen oder Freiburg oft gebaut wird. Die Familien organisierten alles selbst, ohne Bauträger. Baatz und seine Kollegen assistierten. Das war wichtig, weil das Vorhaben im Denkmalbereich liegt. „Sie konnten hochwertig bauen, und die Kosten blieben tragbar“, sagt Baatz. Das Vorhaben war die Initialzündung für drei weitere Baugemeinschaften, die die Stadtkontor-Gesellschaft auf den Weg brachte. Mit einem Mal konnte es gar nicht schnell genug gehen. Mittlerweile haben sich an die 50 Bau-Ehepaare oder -Familien über solche Gemeinschaftsprojekte Wohneigentum geschaffen.

Hohe Nachfrage treibt die Preise

Seit klar ist, dass im Denkmalensemble auch Neubauten möglich sind, ist der Ort in Mode. Seither strecken auch Leute aus den Berliner Szenestadtteilen Kreuzberg und Friedrichshain ihre Fühler nach Babelsberg aus. Die strategische Ansiedlung trägt Früchte, als wäre sie die Neuauflage preußischer Pläne. Um 1750 herum hatte Friedrich II. böhmische Weber nach Babelsberg geholt. Jeder erhielt ein Heim und eine Werkstatt. 135 dieser Weberhäuser gibt es noch, darunter auch das des Schusters.
Die kleinen Katen tragen viel zum Charme des Stadtteils bei. Sie stehen eingesprengt in den Gassen, hier und da. Sonst gibt es zweistöckige klassizistische Bauten und prächtige Mehrfamilienhäuser der Gründerzeit. Moderne Häuser gesellen sich hier und da dazu. Immer mehr Baulücken werden geschlossen, Remisen und Ställe ausgebaut, ebenso Dachgeschosse. Manchmal stehen Neubauten in zweiter Reihe. Anklänge ans ökologische Bauen sind modern im Viertel.
Die hohe Nachfrage treibt die Preise. Ein Weberhaus, einigermaßen in Schuss, kostet an die 500 000 Euro. Und nach dem Kauf folgen weitere, hohe Investitionen in die denkmalgerechte Sanierung. Die Mitglieder der Baugruppen kamen dagegen weit günstiger davon, sie zahlten meist zwischen 300 000 Euro und 350 000 Euro für ihre Eigenheime. Dafür hätten wir in dieser Qualität nirgends sonst in Potsdam etwas Vergleichbares bekommen, sagen viele von ihnen.
Besonders gefragt sind im Moment auch Eigentumswohnungen in Altbauten, sagt Jürgen Sommer, ein Makler, ansässig in der Einkaufsstraße von Babelsberg. Üblich sind Preise um die 2000 Euro je Quadratmeter, aber in der Spitze werden auch Preise von 2600 Euro gezahlt. Allerdings sind meist eher kleine Wohnungen im Angebot, keine familiengerechten großen. Trotzdem fänden auch diese rasch Käufer, sagt Sommer. Denn längst haben auch die Kapitalanleger Babelsberg entdeckt.

Babelsberg muss man sich leisten können

Auch die Mieten sind in den vergangenen fünf Jahren deutlich gestiegen. Im Schnitt bewege sie sich um die 8 Euro je Quadratmeter. Doch für Wohnungen im sanierten Altbau liegt die Miete eher bei 10 Euro. In ausgebauten Dachgeschossen und Neubauten noch mehr. Potsdam hat die teuersten ostdeutschen Durchschnittsmieten. Drastisch beschreibt ein Vertreter des Mietervereins die Lage: „Familien reißen sich um die Wohnungen, egal welche.“
 
Babelsberg muss man sich leisten können. „Insofern stimmt es, dass dieser Stadtteil eine Insel ist“, sagt Stefan Beck, ein Ethnologie-Professor. Es ist eine Insel von Selbständigen, Freiberuflern und Familien mit guten Einkünften. Zu jeder Tageszeit, sagt Beck, treffe er Bekannte auf der Straße. Er selbst pendelt oft nach Berlin, aber genauso arbeitet er zu Haus in seiner loftartigen Wohnung. Sie liegt in der „Alten Brauerei“. Auch deisen Industriekomplex hat eine Baugruppe saniert. „Die Mischung macht das Viertel so attraktiv“, beschreibt Beck die Vorzüge. „Das ist keine tot sanierte Kulisse“.
Von seiner großen Terrasse aus hat er einen guten Blick über die umgebaute Brauerei hinweg auf die bunte Dachlandschaft des Stadtteils. Von da oben schaut Beck aber noch weiter, bis in den Teil Babelsbergs jenseits der S-Bahn-Linie. Dorthin zieht die Karawane der Zuzügler, dort entstehen weitere Neubauten. Pioniere sind wieder einmal Baugruppen.
 


Text: F.A.S.
Bildmaterial: F.A.Z., Gyarmaty, Jens

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