21. Mai 2013

Die Vermögensfrage

Vermögensverzehr ist für Senioren ein seelisches Problem

Von Volker Looman, Reutlingen
08. Dezember 2012 Die finanzielle Gestaltung des Ruhestandes ist für Privatleute mit vielen Fragen verbunden. Wie hoch ist die Rente? Wie sieht es mit den Abgaben aus? Wie teuer ist die Lebenshaltung? Welche Versicherungen sind notwendig? Auf jede Frage wird sich bei genauer Überlegung eine Antwort finden. Das größte Problem ist freilich das Gesamtbild. Wie sieht die „richtige“ Altersversorgung aus für ein Ehepaar, das Mitte 60 ist und sich zur Ruhe setzen will? Der finanzielle „Umbruch“ ist für viele Leute mit Ängsten und Sorgen verbunden. Sie sind in vielen Fällen aber überflüssig wie ein Kropf. Den meisten Menschen geht es viel besser, als ihnen bewusst ist. Das wissen natürlich auch Banken und Versicherer, und sie versuchen, das ist ihr gutes Recht, aus dieser Situation ihren Nutzen zu ziehen.
Der „Angriff“ der Institute auf Senioren ist für die Betroffenen die größte Gefahr, weil das Risiko besteht, zwischen Tür und Angel irgendwelche Verträge abzuschließen, die sich in naher Zukunft als falsch erweisen. Vor diesem Hintergrund lautet die erste Bürgerpflicht beim Umgang mit Geld im Alter: Ruhe bewahren, Kopf einschalten, Wünsche formulieren, Ziele setzen, Entscheidungen treffen - und das Leben nicht aus dem Auge verlieren.
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Ein Ehepaar bringt es in der Summe auf 130 Lebensjahre. Die Frau ist 63 Jahre jung, und der Mann ist 67 Jahre alt. Nun soll es in den wohlverdienten Ruhestand gehen. Daraus wird aber mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Unruhestand werden. Das Paar ist gesund und munter. Es hat drei Kinder und acht Enkel. Hinzu kommt ein großer Freundeskreis. Und das Ehepaar will sich den einen oder anderen Wunsch erfüllen.

Alles eine Frage des Standpunktes

Das Vermögen besteht aus zehn Posten. Es beginnt mit dem Festgeldkonto, auf dem 30.000 Euro liegen. Im Depot der Hausbank ruhen Bundesschätze im Wert von 70.000 Euro. Hinzu kommt ein Sparbrief der Hausbank, der in Kürze fällig werden und rund 50.000 Euro bringen wird. Die beiden Kapitalversicherungen werden in wenigen Tagen weitere 100.000 Euro auf das Konto spülen. Das Eigenheim könnte zur Zeit für 250.000 Euro verkauft werden. Das steht aber im Moment überhaupt nicht zur Diskussion.
Stattdessen stellt sich die Frage, was aus den Aktien werden soll. Da gibt es im Depot der Hausbank verschiedene Titel im Wert von 150.000 Euro. Bei der Konkurrenz liegen in Investmentfonds weitere Aktien mit einem Kurswert von 100.000 Euro. Abgerundet wird das Vermögen durch drei Renten. Die gesetzlichen Monatsrenten betragen 2500 Euro, und die betriebliche Monatsrente des Mannes wird bei 1000 Euro liegen.
Die Addition der Geldanlagen führt zu einem Vermögen von 750.000 Euro und zu Rentenzahlungen von 3500 Euro pro Monat. Das sieht auf den ersten Blick gut aus, doch bei genauem Hinsehen wird deutlich, dass alles eine Frage des Standpunktes ist. Zunächst sollte aus der Bilanz das Eigenheim gestrichen werden, weil es nicht zur Disposition steht. Folglich hat das Ehepaar ein „freies“ Vermögen von 500.000 Euro. Und die Renten unterliegen Steuern und Sozialabgaben, so dass sie nicht in voller Höhe zur Verfügung stehen.

Maßgebend sind allein die persönlichen Werte

In die Kasse werden 3500 Euro kommen. Die gesetzlichen Renten des Ehepaares, jährlich 30.000 Euro, sind zu jeweils 66 Prozent steuerpflichtig. Die jährliche Betriebsrente von 12.000 Euro unterliegt zu 100 Prozent der Besteuerung. Von den steuerpflichtigen 31.800 Euro können Freibeträge, Krankenkassenbeiträge und Werbungskosten abgezogen werden, so dass das steuerpflichtige Einkommen höchstens 20.000 Euro betragen und die Abgaben unter 1000 Euro liegen werden.
Dafür muss das Ehepaar aber Beiträge an die Krankenkasse und an die Pflegeversicherung abführen. Von der gesetzlichen Rente müssen 8,2 Prozent in die Krankenkasse eingezahlt werden. Bei der betrieblichen Rente sind es 15,5 Prozent. Der Beitrag zur Pflegeversicherung liegt bei 1,95 Prozent aller Renten. Das führt zu monatlichen Abgaben von 428 Euro. Folglich sinken die monatlichen Renten in der Summe von 3500 auf etwa 3000 Euro.
Über die Ausgaben für Ernährung, Freizeit, Haus, Kleidung, Privatversicherungen und Urlaub sind endlose Debatten möglich. Maßgebend sind allein die persönlichen Werte. Nur realistisch sollten sie sein. Wer ein Haus mit einer Wohnfläche von 150 Quadratmetern bewohnt, wird mit Betriebskosten von 300 Euro vermutlich nicht auskommen. Genauso sind für Urlaube insgesamt 3000 Euro knapp, wenn es jedes Jahr dreimal in die Welt hinaus geht. Und die beiden Autos des Ehepaars werden mit Sicherheit mehr als nur Benzin kosten.

Es gibt keine pauschalen Antworten

Im vorliegenden Fall summieren sich die monatlichen Ausgaben auf 5000 Euro. Das ergibt ein Loch von 2000 Euro pro Monat, wenn die Ausgaben den Einnahmen gegenüber gestellt werden. Die Lücke sollte freilich keine Depressionen auslösen, weil das Ehepaar genügend Mittel hat, um sich seine Ansprüche und Wünsche leisten zu können. Nur ist gewisser Mut notwendig, um die Lücke zu schließen. Die naheliegende Antwort wird der Hinweis auf das freie Vermögen sein. Es beträgt 500.000 Euro, und diese Summe wirft Erträge ab.
Die jährliche Lücke von 24.000 Euro erfordert, wenn das freie Vermögen (500.000 Euro) nicht angegriffen werden soll, einen jährlichen Anlagezins von 4,8 Prozent nach Steuern. Unter Berücksichtigung der bestehenden Abgeltungsteuer von 26,375 Prozent muss der jährliche Anlagezins auf 6,5 Prozent vor Steuern steigen, und da werden selbst unverbesserliche Optimisten die Segel streichen müssen. Bei sicheren Geldanlagen gibt es im Moment vielleicht 2,5 bis 3 Prozent pro Jahr, doch 6,5 Prozent sind - wenn überhaupt - nur mit hohen Risiken erzielbar.
Was soll das Ehepaar machen? Soll es sich diesen Gefahren aussetzen? Soll das Kapital zum Nachteil der Kinder und Enkel angegriffen werden? Oder sollen die beiden Senioren den Konsum einschränken? Müssen zwei Autos in der Garage stehen? Werden im Supermarkt allfällige Aktionen ausgeschöpft, wie der Schweizer sagt? Und müssen im Alter drei Reisen pro Jahr sein? Die einzelnen Fragen mögen Heiterkeit oder Kopfschütteln auslösen, doch im Alltag tauchen diese Fragen auf, und da gibt es keine pauschalen Antworten. Die einen Anleger bewältigen das Problem so, die anderen Investoren überwinden die Schwierigkeit so, und alle Lösungen sind richtig.

Angst und Gewissensbisse

Bei den Überlegungen, wie das Vermögen strukturiert werden kann, sind Barwerte zweckmäßig. In diesen Kennzahlen kommt zum Ausdruck, wie hoch der Anlagebetrag sein muss, um eine bestimmte Monatsrente mit „hoher“ Sicherheit zu kassieren. Voraussetzung für das Auffinden der richtigen Zahl sind drei Vorgaben. Erstens: Wie lange soll die Lücke geschlossen werden? Zweitens: Mit welchem Jahreszins wird vor Steuern gerechnet? Drittens: Wie hoch wird die jährliche Inflationsrate sein?
Der Ehemann ist 67 Jahre alt. Folglich ist damit zu rechnen, dass der Ruheständler noch 18 Jahre leben wird. Die jährliche Rendite festverzinslicher Anleihen liegt vor Steuern bei 2,5 Prozent. Die jährliche Inflation beträgt 3 Prozent. Dann ist unter Berücksichtigung der Abgeltungsteuer ein Kapitalstock von 472.000 Euro notwendig. Er liefert 18 Jahre lang die gewünschten 2000 Euro pro Monat, die jedes Jahr um 3 Prozent steigen. Konsequenz: Das freie Vermögen wird nicht zu halten sein!
Das löst bei vielen Menschen wahlweise Angst oder Gewissensbisse aus. Was geschieht, wenn der Mann doch 90 Jahre wird? Ist es in Ordnung, den Kindern „nur“ ein Eigenheim zu vererben? Werden die Reisen noch Freude machen, wenn ein Großteil des Vermögens für die Urlaube geopfert werden muss? Was geschieht bei Krankheit oder im Pflegefall?

Aufteilung auf drei Töpfe

Es liegt in der Natur des Menschen, über diese Dinge nachzudenken. Und die Deutschen lieben es über alle Maßen, diesen Dingen besonders tief auf den Grund zu gehen. Nur vergessen sie dabei das Leben. Die rheinische Art, dass es kommt, wie es kommt, ist vielen Menschen fremd. Lieber nimmt der deutsche Rentner täglich Herztropfen und geht zur Arbeit. Selbst bei diesem Ansatz sind Nägel mit Köpfen nötig. Wie sollen 500.000 Euro angelegt werden, falls der Hang zum Risiko begrenzt ist, das Vermögen „eigentlich“ erhalten bleiben soll, der gelegentliche Verbrauch aber doch möglich sein soll?
Der Versuch einer Antwort besteht aus der Aufteilung auf drei Töpfe: Festgeld, Anleihen und Aktien. Festgeld in Höhe von 50.000 Euro ist ein Notgroschen für die Widrigkeiten des Lebens und wird in ein Sparbuch gesteckt. 450.000 Euro werden zu zwei Dritteln in Anleihen und zu einem Drittel in Aktien investiert. Die 300.000 Euro der Anleihen werden auf eine Leibrente (100.000 Euro), zehn Staatsanleihen à 10.000 Euro und zehn Unternehmensanleihen à 10.000 Euro verteilt. Die restlichen 150.000 Euro werden zu gleichen Teilen - also jeweils 50.000 Euro - in amerikanische, asiatische und europäische Aktien gesteckt.
Die private Versicherung wirft, abgeschlossen auf das Leben der Ehefrau, eine lebenslange Monatsrente von 300 Euro ab, die jedes Jahr um 3 Prozent steigt. Hinter den Anleihen und Aktien können sich Einzeltitel verbergen, doch es gibt börsengehandelte Indexfonds, mit denen das Ziel einfacher erreichbar ist. Sie bieten dem Anleger drei Vorteile. Erstens ist die Streuung hoch, zweitens sind Entnahmen in beliebiger Höhe möglich, und drittens sind die Geldanlagen preisgünstig.

Das Leben wird trotzdem weitergehen

Gerade der letzte Punkt ist von größter Wichtigkeit. Die Anleger wollen aus Töpfen, die mit 450.000 Euro gefüllt worden sind, monatlich 1700 Euro entnehmen, die jedes Jahr um 3 Prozent steigen. Das setzt einen Anlagezins von 4,6 Prozent voraus. Mit viel Glück ist diese Vorgabe zu erfüllen. Der entscheidende Knackpunkt ist aber die Einsicht, dass bei diesem Zielwert kaum Gebühren und Kosten anfallen dürfen. Das heißt im Klartext, so brutal es auch klingen mag: Finger weg von Banken, Hände weg von Investmentfonds, Verzicht auf Verwalter! Sonst schrumpft die Rente, weil diese Dienste im schlimmsten Fall zwischen 2 und 3 Prozent pro Jahr kosten.
Die selbständige Anlage ist kein Hexenwerk, sondern erfordert nur Mut. Die Rücklage von 50.000 Euro sorgt für Hilfe in Notfällen. Falls zum Beispiel ein neues Auto benötigt wird oder wenn im Haus größere Reparaturen notwendig sind, können die Aufwendungen aus dieser Kasse bezahlt werden. Die Leibrente ist eine feste Anlage und bietet der Frau zusätzliche Versorgung bis zum Lebensende. Die übrigen 350.000 Euro stecken in fünf flüssigen Töpfen. Die Investoren können das Geld liegen lassen. Genauso können sie zu jeder Zeit die notwendigen Beträge entnehmen.
Was geschieht aber, wenn die Anleger länger als 18 Jahre leben? Und was passiert, wenn die Senioren eines Tages ins Pflegeheim müssen? Darauf gibt es nur eine Antwort. Dann ist es halt so, das Leben wird trotzdem weitergehen. Nur werden sich die Rahmenbedingungen ändern. Die gesetzlichen und betrieblichen Renten werden weiter fließen, und wenn die Zusatzrenten versiegen, muss eben das Eigenheim verkauft werden. Das ist kein Unglück, wie viele Menschen meinen, sondern der Lauf der Welt!

Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.





Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Kai

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