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Besuch vom Finanzminister
Schäuble jagt deutsche Steuersünder in Singapur
Von Christoph Hein
07. Oktober 2012 Wenn Finanzminister Schäuble am nächsten Wochenende auf dem Rückflug aus Tokio in Singapur Rast macht, dann wird keine Orchidee nach ihm benannt werden, und er wird niemand auf die Suche nach billigen Kameras schicken wie manche seiner Kollegen. Für Schäuble bedeutet Singapur Arbeit. Denn er sieht die Chance, ein Steuerschlupfloch zu stopfen.
Ganz nebenbei kann er damit Punkte sammeln in der deutschen Neidgesellschaft - nicht grundlos trommeln schon an diesem Wochenende die Medien, der deutsche Finanzminister habe es auf die Schwarzgeldkonten von reichen Deutschen auf ihrem Fluchtweg nach Singapur abgesehen.
Reiche und Superreiche zieht der südostasiatische Stadtstaat an wie die Kerze die Motten. Denn auf der Tropeninsel gibt es, was selten geworden ist auf der Welt: ein bombensicheres Bankgeheimnis, einen Spitzensteuersatz von 20 Prozent, aber keine Kapitalertragssteuer, einen stetig aufwertenden Singapur-Dollar und eine Spitzenbewertung mit „Triple A“ durch die Ratingagenturen, die außerhalb Europas sonst nur Kanada und Australien besitzen. Kurz gesagt: Die Tropeninsel bietet ein Rund-um-Sorglos-Paket für diejenigen, die Geld mitbringen.
Luxus pur
Und wer gleich dorthin zieht, kann seine Kinder an Spitzenhochschulen schicken, und Papa verdient noch daran, dass der Wert des für sie gekauften Appartements im Jahresrhythmus steigt. Plagt ihn das Herz, findet er hier die besten Kliniken der Welt, und die Frau Mama kann einkaufen wie auf den Champs-Elysées. Zwei neue Luxuscasinos bieten die Chance, auch sechsstellige Summen in bar zu setzen - was auch immer an „sauberem Geld“ am Ende dabei herauskommt. Ein Flughafen für Privatjets macht es möglich, schnell durch den Zoll zu kommen und sein Geld in Sicherheit zu bringen.
Keine Frage, dass auch deutsche Luxusautomobile hier gerne in bar gezahlt werden. Gleiches gilt nun für den Einkauf von Diamanten auf der ersten Diamantenbörse für Privatkäufer, die nun regelmäßig in der Nähe des Flughafens abgehalten werden wird. Dort steht auch ein überdimensionaler Safe, der von außen wie eine Industriehalle wirkt: Hier können zollfrei Preziosen wie Bilder oder Edelsteine eingelagert werden, um dann ohne Umstände auch ins Ausland verkauft zu werden.
Goldkauf ohne Mehrwertsteuer
Eine weitere Hürde auf dem Weg zum Finanzparadies nahm Singapur vergangene Woche: Käufe von Edelmetallen wie Gold oder Silber zu Investitionszwecken sind seit Monatsbeginn von der Mehrwertsteuer von 7 Prozent befreit - auch das freut gutbetuchte Anleger. Dass die Inflationsrate Singapurs aufgrund der Menge des zuströmenden Geldes bei gut 5 Prozent liegt, dass die Immobilienpreise durch die Decke schießen, nahm die Regierung bislang billigend in Kauf. Die reiche und in Asien einflussreiche Tropeninsel zählt gemessen an der Bevölkerung mit 188000 die meisten Millionärshaushalte der Welt.
Auch ausländische Banker räumen nach dem zweiten Glas Sherry ein, dass Singapur seinen Wohlstand vor allem den Geldströmen aus China oder Indonesien zu verdanken habe. Die Zahl der Millionäre und Milliardäre dort steigt sprunghaft. Die Volkswirtschaften freilich zählen zu den korrupteren der Welt. Wer aber - auf welche Weise auch immer - Geld in Asien verdient, der will es aufgrund der Willkür der meisten Länder an einen sicheren Ort transferieren. Da bietet sich der Stadtstaat an.
Werben für das Land
Doch sind es keineswegs nur Hallodries und Halunken, die es auf die Äquatorinsel zieht. Gerade erst kaufte die reichste Australierin, Gina Rinehart, zwei Luxuswohnungen in Singapur für gut 43 Millionen Australische Dollar (37,4 Millionen Euro). Vor ihr zog Nathan Tinkler, der reichste Australier unter 40 Jahren, nach Singapur um. Neuseelands Milliardär Richard Chandler kam 2008, im Jahr zuvor siedelte sich Anlegerguru Jim Rogers an, und rührt seitdem die Werbetrommel.
„Wir werben mit dem Gesamtpaket“, sagt ein Schweizer Bankier in Singapur. Dieses geschehe auch in Deutschland auf Anlegerseminaren, bei „exklusiven Events“, auf Nachfrage der Klienten. „Natürlich fliegen wir die dann auch mal hier herüber, immer mit Ehefrau. Sie sollen spüren, dass sie sich wohl fühlen.“ Lange galt das Formel-1-Rennen, gefördert von der Schweizer UBS, als beste Möglichkeit, Anlegern Singapur schmackhaft zu machen. Gerade haben die Singapurer die Austragungsrechte für weitere fünf Jahre erworben.
Auf Überholkurs zur Schweiz
Mit ihren Anstrengungen stoßen die Bankiers auf offene Ohren. „Setzen sich die Wachstumsraten der Vergangenheit fort, werden Hongkong und Singapur, am Volumen gemessen, gemeinsam die Schweiz als Offshore-Bankenzentrum in 15 bis 20 Jahren überholen“, schätzen die Berater von Boston Consulting. Im vergangenen Jahr hätten auf Schweizer Konten rund 2,1 Billionen Dollar ausländischer Anleger gelegen, in Hongkong und Singapur seien es summiert rund eine Billion gewesen. Die Bank Julius Bär erklärte jüngst, 15 Prozent der von ihr verwalteten Vermögen, rund 33 Milliarden Euro, lägen in Asien. Die Spitze in Asien nehme UBS mit gut 180 Milliarden Dollar verwaltetem Vermögen ein, heißt es. Schätzungen zufolge werden in Singapur deutlich mehr als eine halbe Billion Dollar privater Anlegergelder verwaltet, der jährliche Zuwachs wird auf gut 20 Prozent geschätzt. Aber: „Nur rund ein Zehntel der Vermögen in der Stadt stammt aus Europa und Nordamerika“, schätzt Boston Consulting.
Die Schweizer Banken - von UBS über Julius Bär bis zu Credit Suisse - sind in Singapur extrem gut vernetzt. Die Staatsfonds Temasek Holdings und Government of Singapore Investment Corp haben sich an UBS und Credit Suisse beteiligt, Spitzenbanker wechseln von den Schweizern zu den Staatsfonds, man kennt sich, man arbeitet zusammen. Allerdings stöhnen die Banken unter einem Luxusproblem: Sie bekommen nicht genug Berater für ihre Privatkunden. Nicht nur die Universitäten helfen deshalb mit eigenen Studiengängen, sondern die UBS hat eine eigene Akademie, den edlen Wealth Management Campus, im Stadtstaat errichtet.
Kontrollabkommen ist verschmerzbar
So köchelt die Debatte um Singapur als Fluchtort für Kapital seit Jahren. Dabei wehrt sich der Stadtstaat immer lauter gegen den Ruf als Geldwäschezentrum. „Illegale Gelder, die Schutz vor forschenden Blicken suchen, wollen wir hier nicht“, sagt Ravi Menon, Geschäftsführer der Singapurer Zentralbank. „Nur ein kompetenter, vertrauenswürdiger und sauberer Finanzplatz kann ein erfolgreicher Finanzplatz sein.“ Ins selbe Horn stößt Singapurs Ministerpräsident Lee Hsien Loong: „Wir haben keinerlei Interesse, ein Geldwäschezentrum zu sein.“ Auch auf der „grauen Liste“, auf der die OECD-Staaten jene Länder sammeln, die sich weigern, Daten über Kontoinhaber auszutauschen, steht Singapur seit 2009 nicht mehr. Das Finanzministerium arbeitet zudem an einem Gesetz, dass das Waschen von Geldern aus unversteuerten Einkommen zur Straftat macht.
Da passt der Vorstoß Schäubles den Singapurern gut ins Konzept. Auch sie gewinnen an Ansehen, wenn sie unterschreiben. Und das Geld aus Deutschland macht - im Vergleich zu den Beträgen aus den asiatischen Nachbarländern - wohl nur so wenig aus, dass sich ein Kontrollabkommen problemlos verschmerzen lässt. Zudem dürften die Singapurer, als asiatisch-geschickte Händler, ein gutes Geschäft mit Deutschland planen:
Lieber Auskunft geben
Denn, so heißt es, unterzeichneten sie nun das Geldwäscheabkommen, bliebe ihnen die seit Jahren geplante Umstellung des Doppelbesteuerungsabkommens vom Freistellungsprinzip auf das Anrechnungsverfahren erspart. Diese Änderung aber fürchtet Singapur wie der Teufel das Weihwasser: Zum einen hat der Konkurrenzstandort Hongkong überhaupt kein Doppelbesteuerungsverfahren mit Deutschland.
Zum anderen käme ein Anrechnungsverfahren gerade den deutschen Mittelstand in Singapur teuer zu stehen, da er dann deutsche Steuersätze in Asien zahlte. „Die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen in Singapur wäre negativ betroffen“, warnt die Deutsche Außenhandelskammer in einem Brandbrief. Auf Deutsch: Die Abwanderung aus Singapur droht. Dann, so denken sich die Lenker des reichen wie geschickten Stadtstaates, doch lieber den Ruf polieren, Schäuble helfen und Auskunft über ein paar Anlagemillionen geben. Ob die dann abgezogen werden, ist ja noch eine ganz andere Frage.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: dpa
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