20. Mai 2013

Denkfehler, die uns Geld kosten (41)

Plötzlich kann sogar ein Pferd rechnen

Von Hanno Beck
24. November 2012 Hans war ein Superstar: Er konnte rechnen, den richtigen Wochentag nennen, die Uhr lesen und die Bilder auf Spielkarten erkennen. Sensationell? Ja, denn Hans war ein Pferd, ein Orlow-Traber, und sein Besitzer, der pensionierte Mathematiklehrer Wilhelm von Osten, schien es tatsächlich geschafft zu haben, einem Pferd Mathematik, Wochentage, die Uhr und Spielkarten zu lehren, weswegen man Hans „den klugen Hans“ nannte. Um herauszufinden, wie klug Hans wirklich ist, mühte sich im Jahr 1904 eine 13-köpfige wissenschaftliche Kommission, das Rätsel zu lösen - kann ein Pferd rechnen oder buchstabieren?
Nicht die Kommission, sondern ein Student löste das Rätsel. Hans beantwortete die Fragen, indem er mit dem Huf aufstampfte - sollte er beispielsweise drei plus zwei ausrechnen, so stampfte er fünfmal mit dem Huf auf. Und hier lag der Schlüssel zu den Rechenkünsten des klugen Hans: Hans rechnete nicht, aber er konnte aus der Mimik des Fragestellers erkennen, wann die vom Fragesteller erwartete Anzahl an Hufstampfern erreicht war. Bei den ersten vier Hufstampfern lehnt sich der Fragesteller gespannt nach vorne, dann kommt der fünfte Stampfer, und der Fragesteller lehnt sich entspannt zurück - für Hans das Zeichen, mit dem Stampfen aufzuhören, und damit lieferte er das richtige Ergebnis. Die Fragesteller hatten Hans unbewusst selbst die richtige Antwort vorgegeben und sich dann gewundert, dass Hans die richtige Antwort gab.
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Der Kluge-Hans-Effekt

Der kluge Hans verrät einiges über das Informationsverhalten von Menschen - wir interpretieren in eine Information das hinein, was wir aus ihr lesen wollen. Man erwartet von Hans ein bestimmtes Ergebnis, und diese Erwartung führt dazu, dass Hans dieses Ergebnis stampft - und uns verblüfft, weil wir nun glauben, dass ein Pferd rechnen kann, obwohl wir Hans die Antwort selbst auf die Hufe gelegt haben. Man könnte das den Klugen-Hans-Effekt nennen: Wir nehmen Informationen nicht neutral und objektiv auf, sondern werten und interpretieren sie im Kontext unserer Meinung und Erfahrungen und lesen das in sie hinein, was wir lesen wollen.
Psychologen sprechen hier vom Bestätigungsirrtum: Wir neigen dazu, Fakten und Informationen im Sinne bereits vorgefasster Meinungen zu interpretieren oder zu suchen. Ein Experiment macht diesen Mechanismus deutlich: Man bildet zwei Gruppen von Versuchspersonen - Gegner und Befürworter der Todesstrafe. Beide Gruppen lesen die gleiche Literatur zur Wirkung der Todesstrafe, und obwohl alle Versuchspersonen die gleichen Quellen gelesen haben, sehen sich sowohl Befürworter der Todesstrafe als auch Gegner durch die Literatur in ihrer Meinung bestätigt. Egal, welche Meinung sie von der Todesstrafe hatten - die Lektüre der identischen Quellen hat jeden in seiner Meinung bestärkt; man hat das in die Literatur hineingelesen, was man lesen wollte - wie beim klugen Hans.

Gegenargumente ignorieren wir

Die Folgen dieses Verhaltens sind weitreichend: Wir konzentrieren uns zu einseitig auf die von uns favorisierte Hypothese, anstatt sorgfältig Gegenargumente zu beachten; wir suchen eher Fakten, die unsere Meinung bestätigen; Argumenten, welche unsere Meinung stützen, geben wir ein höheres Gewicht; und nicht eindeutige Fakten interpretieren wir im Sinne unserer eigenen Meinung um. Kurzum: Wir immunisieren uns gegen andere Meinungen, indem unser Informationsverhalten darauf ausgelegt ist, unsere Meinung zu bestätigen, statt sie herauszufordern.
Mit dem Klugen-Hans-Effekt arbeiten beispielsweise faule Börsen-Gurus: Sie machen hinreichend unpräzise Aussagen, welche die Anhänger der Gurus wie beim klugen Hans im Lichte ihrer eigenen Meinung mit inhaltlichem Leben füllen - ein Trick, mit dem auch Hellseher arbeiten. Und egal, wie gut die Prognosen des Gurus sind: Wer an ihn glaubt, wird im Sinne des Bestätigungsirrtums die Resultate der Prognosen zu einem Erfolg umdeuten, auch wenn der Guru danebenliegt.
Eine weitere Folge des Bestätigungsirrtums ist die sogenannte illusorische Korrelation: Hat man einmal eine Hypothese aufgestellt, führt das dazu, dass man statistische Zusammenhänge sieht, wo keine sind. Hat man einmal die Hypothese aufgestellt, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Kursbewegungen und bestimmten Ereignissen, beispielsweise dem Ausgang eines Football-Endspiels, so findet man aufgrund des Bestätigungsirrtums überall Bestätigung für diese Hypothese, und am Ende glaubt man an einen statistischen Zusammenhang zwischen der Börse und dem Ausgang eines Football-Spiels.

Grenzen zum Aberglauben fließend

Was hier konstruiert klingt, wird an der Börse als der Super-Bowl-Indikator gefeiert, der besagt, dass der Dow-Jones-Index immer dann steigt, wenn ein Team der National Football Conference den Super-Bowl gewinnt. Eine weitgehend sinnfreie Investment-Strategie, die dem Bestätigungsirrtum entspringt. Die Grenzen zum Aberglauben sind fließend. In die gleiche Kategorie fallen auch bestimmte technische Börsen-Indikatoren. In der ganz schlimmen Version dieses Verhaltens legt man sich dann eine Hasenpfote neben den Handelsbildschirm oder geht zum Börsenastrologen. Eine weitere Folge des Bestätigungsirrtums besteht darin, dass wir unsere Meinungen und Vorurteile nicht revidieren können, im Gegenteil, wir suchen nur nach Informationen, die unsere Haltung stützen. Haben wir einmal die Meinung gefasst, dass die Kurse steigen müssen, werden wir an dieser Hypothese festhalten, sie verteidigen - und möglicherweise mit vollem Tempo in die falsche Richtung investieren.
Im schlimmsten Fall werden wir beratungsresistent: Wir halten an einer Idee, einer Strategie fest, obwohl die Realität diese schon längst widerlegt hat. Aus der eigenen Meinung wird ein Dogma, eine Religion - und wer nicht dieser Meinung ist, ist inkompetent, vorurteilsbeladen oder im schlimmsten Fall Teil einer Verschwörung. Und schon werden die Kurse manipuliert, haben sich die Notenbanken der Welt zu einem Goldkartell zusammengetan, haben sich die Banken gegen die Kunden verschworen. Und auf der Basis dieses Verschwörungsglaubens drehen windige Geschäftemacher ihren Opfern zweifelhafte Investmentstrategien oder -produkte an, die solchen Verschwörungen trotzen wollen.
Was kann man gegen dieses fatale Informationsverhalten unternehmen? Experimente zeigen, dass sich unser Informationsverhalten verbessert, wenn man uns Alternativen explizit vorstellt oder Entweder-oder-Fragen stellt. Sobald wir also erkennen, dass es Gegenentwürfe zu unserer Meinung gibt, haben wir Chancen, dem Bestätigungsirrtum zu entgehen. Also: Immer gezielt nach Argumenten gegen die eigene Meinung fragen - was könnte dagegen sprechen, dass die Kurse steigen, was könnte gegen den Super-Bowl-Indikator sprechen? Je mehr man dieses Informationsverhalten kultiviert und sich zur Gewohnheit macht, umso eher hat man Chancen, zu einer ausgewogeneren Informationsverarbeitung zu kommen. Klappt das, so gehen wir auch nicht mehr rechnenden Pferden auf den Leim.
Der Autor lehrt Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Pforzheim.


Text: F.A.S.
Bildmaterial: Getty Images

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