18. Mai 2013

Fertighäuser

Mehr Holz, mehr Technik und vor allem mehr Energie

Von Birgit Ochs und Steffen Uttich
15. Januar 2012 Licht aus, Heiztemperatur runter, Kaffeemaschine an: In der Welt von morgen müssen die Bewohner eines Hauses nicht mehr vor Ort sein, um die Gebäudetechnik im Griff zu haben. Vom Keller aus lässt sich die Musikauswahl steuern, die aus den Lautsprechern im Dachgeschoss tönt. Vom Büro aus können Haushaltsgeräte in Gang gesetzt werden. Die Temperatur seines Hauses kann auch regeln, wer gerade auf dem Tennisplatz steht, beim Schulbasar Kuchen verkauft oder mit der Metro in Paris unterwegs ist.
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Dass Rollläden nicht mehr per Zeitschaltuhr automatisch hoch- oder runterfahren, sondern spontan per Smartphone oder Tabletcomputer aus der Ferne gesteuert werden können, versteht sich in diesem Zusammenhang fast von selbst. Und wer dann noch wissen will, wie hoch der aktuelle Strombedarf seines Eigenheims ist und wie viel Energie aus der Steckdose nach der Heimkehr zum Aufladen der Elekrofahrzeuge verbleibt, kann das nebenbei auf einem Touchscreen ablesen.

Nicht sonderlich ambitioniert

Für viele Zeitgenossen liegt es noch in weiter Zukunft, mittels smarter Telefone und Computer die komplette Haustechnik zu steuern - und zudem mit ihrem Eigenheim noch einen Energieüberschuss zu erzielen, der teils selbst verbraucht, teils ins öffentliche Netz eingespeist wird. Die Fertighausbranche ist jedoch auf einem guten Weg, ein solches Angebot in ihren neuen Haustypen zu etablieren. Plus-Energiehaus heißen diese Eigenheime, die nicht mehr nur energieeffizient sind, sondern sogar Energie liefern sollen.
Ganz vorn dabei ist in dieser Riege das jüngste Musterhaus von Fertighaus Weiss am Standort Mannheim. Das Gebäude erreicht nach Angaben des Herstellers einen Primärenergiebedarf von 30,7 Kilowattstunden je Quadratmeter im Jahr und ist als Effizienzhaus 40 konzipiert. Mit seinem Satteldach nebst Dachüberstand, einer relativ schlichten Fassade und angeschlossenem Carport wirkt der zweigeschossige Bau auf den ersten Blick nicht sonderlich ambitioniert, schon gar nicht avantgardistisch.

Bisher ist die Nachfrage überschaubar

Doch das Eigenheim des Herstellers aus dem schwäbischen Ort Oberrot hat es in sich beziehungsweise auf dem 145 Quadratmeter großen Dach. Diese Fläche wird komplett für eine Photovoltaikanlage genutzt, die jährlich 12.336 Kilowattstunden Strom erzeugen soll. Potentiellen Käufern rechnet der Anbieter stolz vor, dass auf einer Wohnfläche von 194 Quadratmetern eine vierköpfige Familie in diesem Zeitraum jedoch nur 9282 Kilowattstunden Strom verbraucht. Bleibt ein Überschuss von gut 3000 Kilowattstunden, der ins Netz eingespeist werden kann. Das ist das „Plus“, das das neue Fertighaus von Weiss bietet - und das dank eines interaktiven Touchscreens auch unkompliziert nachgeprüft werden kann.
„Future“ heißt das Modell - denn was heute schon möglich ist, wird erst morgen im Neubau zum Standard. Darauf arbeiten auch die Wettbewerber hin: Weberhaus, Fingerhaus, Bien-Zenker, Luxhaus, Schwörer und Huf sind in der Fertighauswelt Frechen bei Köln mit entsprechenden Häusern vertreten. Andere wie Okal haben angekündigt, ebenfalls bald mit Angeboten auf den Markt zu kommen.
Bisher ist die Nachfrage überschaubar, das Interesse aber offenkundig sehr groß. Wer sich deshalb in Zukunft am Markt behaupten will, muss sich schon heute mit entsprechenden Angeboten positionieren, lautet die Strategie der Hersteller. Man sei an dem Punkt, an dem man den Hauskäufern mit den Plus-Energiehäusern ein wirtschaftlich sinnvolles und reproduzierbares Angebot machen könne, heißt es. Ob die Musterrechnungen wirklich aufgehen, lassen die Anbieter der in der Fertighauswelt Frechen ausgestellten sechs Plus-Energiehäuser übrigens vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP überprüfen.

Optisch Richtung Skandinavien

Mit steigenden Produktionszahlen wird wohl auch der Preis für die neue Technik sinken. Es ist kein Zufall, dass die Plus-Energiehäuser bislang eher im gehobenen Preissegment angeboten werden. Um die 700.000 Euro würde das Musterhaus Future von Weiss kosten, ohne Inneneinrichtung. Etwa eine Million Euro kalkuliert Huf Haus für sein neues Musterhaus in der Fertighauswelt Köln - etwa 80.000 Euro sollen auf die Solaranlage entfallen. Der Fachwerkglaspalast erreicht die Effizienzhaus-Klasse 55.
Für den ausschließlich in der Luxusklasse positionierten Hersteller aus dem Westerwald steht zwingend der Wohnkomfort im Vordergrund. Die Technik muss in einem Huf Haus weitgehend unsichtbar sein. Das Unternehmen setzt auf einen hohen Wiedererkennungswert seiner Marke und bleibt seinem Stil immer treu. Huf Häuser sehen immer aus wie Huf Häuser. Gefällt einem eines, gefallen auch alle anderen. Für Zwischentöne und Überraschungen ist kein Platz.
Ganz anders ist es mit Schwörer Haus. Das Unternehmen ist in der Holzfertighausbranche führend und bedient einen vergleichsweise breiten Markt. Zum Markenzeichen gehören nicht zuletzt die Experimentierfreude und Aufgeschlossenheit neuen Trends gegenüber. So wagt sich der auf der Schwäbischen Alb beheimatete Anbieter mit seinem neuen Plus-Energiehaus Plan 550 (Effizienzhaus 40) optisch Richtung Skandinavien vor - und fällt damit ziemlich aus dem Rahmen. Er hat sich diesmal getraut, auf den bei Satteldächern meist üblichen Überstand zu verzichten - das ist im konventionellen Bau unüblich und hat in den Augen vieler etwas fast schon Provozierendes an sich.

Der Preisunterschied ist erheblich

Für die Fassade des 160 Quadratmeter Wohnfläche bietenden Baus wurde eine Holzverschalung im hochaktuellen Schlammton gewählt. Deren Reiz besteht darin, dass die Holzlatten versetzt angeordnet sind. Das wirkt alles andere als fad.
Auch die Innenraumgestaltung ist bei Schwörer skandinavisch inspiriert: Das neue Haus wartet gleich hinter der Diele mit einer großen Wohn-Ess-Küche auf, deren Clou eine großzügige Eckbank darstellt, die, mit Filz bezogen, nicht nur gemütlich ist, sondern auch zum Schlafplatz für Gäste umfunktioniert werden kann. Die Zielgruppe für Plan 550 ist klar: Familien mit regen sozialen Kontakten. Im Vergleich zu diesem Glanzpunkt, der sich deutlich von den üblichen Angeboten abhebt, fällt in der oberen Etage des Musterhauses das Ausstattungsniveau insgesamt ab. Auch ist die Klimatechnik nicht so unsichtbar wie etwa bei Huf. Der Preisunterschied ist allerdings auch erheblich. Für Musterhaus Plan 550 muss man um die 412.000 Euro rechnen.
Schwörer will sich in Frechen indes nicht nur auf dem Feld der Plus-Energiehäuser profilieren, sondern zeigt erstmals außerhalb seines Standorts Oberstetten das Wohnmodul „Flying Space“. Die Wohnbox ist an das Einfamilienhaus gekoppelt. Mit einer Breite von 3 bis 4 Metern und einer Länge von 10 bis 12,50 Metern kann das Modul auf einem Lastwagen zum Standort transportiert werden – und dort als Gästetrakt, Büro oder was auch immer das Hauptgebäude erweitern.

Hölzer sollen aus heimischen Wäldern kommen

Das neue Schwörer-Haus vor Augen, lässt sich feststellen, dass sich der Baustoff Holz derzeit zunehmend optisch durchsetzt. Auch Bien-Zenker hat eine Variante seines Plus-Energiehauses mit Holzfassade im Programm, und Fertighaus Weiss setzt immerhin auf Holzelemente als Kontrast zu Putz.
Ohnehin für Holzoptik steht Baufritz, wenn auch keineswegs ausschließlich. An der Beobachtung des Herstellers, dass die „Bauhaus-Mode“ ihren Zenit überschritten habe, könnte mit Blick auf die neuen Hausprogramme etwas dran sein. Baufritz selbst hat keine Standard-Hausmodelle im Programm und deshalb auch keine Musterhäuser vorzuweisen. Zwar hat auch dieser Anbieter schon ein Plus-Energiehaus realisiert, doch hängt man das in der „Hausschneiderei“ nicht so hoch.
Das liegt auch daran, dass das Unternehmen innerhalb der Branche ein Nischenanbieter ist. Anders als seine Wettbewerber setzt der Hersteller konsequent auf ökologisches Bauen. Die Technik steht weniger im Vordergrund. Hölzer sollen aus heimischen Wäldern kommen, Dämmmaterialien nicht unter hohem Verbrauch fossiler Brennstoffe hergestellt werden, Materialien verträglich sein. Damit will man sich angesichts der zunehmenden Konkurrenz auf dem Gebiet der „grünen Häuser“ noch stärker profilieren.


Text: F.A.S.
Bildmaterial: Unternehmen

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