22. Mai 2013

Die Vermögensfrage

Konsum auf Pump gefährdet das Vermögen

Von Volker Looman
20. Oktober 2012 Der Aufbau des Vermögens ähnelt der Eröffnung beim Schachspiel. Wenn die ersten Züge stimmen, ist die Partie halb gewonnen, doch wenn der Auftakt in den Sand gesetzt ist, wird der Erfolg mit hoher Wahrscheinlichkeit ausbleiben. Das ist beim Umgang mit Geld nicht anders. Hier zählen weniger Subventionen oder Abgaben, sondern es kommt in erster Linie darauf an, was die Menschen mit dem Geld vorhaben und wie hoch die Chancen und Risiken sind, die Wünsche und Ziele zu erreichen.
Die schlichte Weisheit ist vielen Anlegern kaum zu vermitteln. Sie jagen Riesterrenten hinterher, weil der Staat ein paar Cent verschenkt, sie schließen Basisrenten ab, weil Steuervorteile winken, oder sie kaufen - wie im Moment zu beobachten - Immobilien, weil sie in dem Glauben leben, dass Sachwerte die beste Antwort auf Inflation und Unsicherheit seien. Das sind fragwürdige Verlockungen, weil beim Aufbau des Vermögens weder Abgaben und Zulagen zählen, sondern nur die Ziele und die Wege dorthin.
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Ein junger Akademiker zum Beispiel ist 30 Jahre alt. Er verdient brutto 4.500 Euro pro Monat. Das sind netto etwa 2.500 Euro. Von diesem Betrag will er 500 Euro sparen. Die Palette der Angebote ist groß. Noch größer ist freilich die Gefahr, vor lauter Bäumen den Wald nicht zu sehen. Angebote wie Basisrenten, Bausparverträge, Investmentfonds, Kapitalpolicen, Rentenversicherungen oder Riesterrente sind gut und solide, doch solange der Anleger nur weiß, dass er monatlich 500 Euro sparen will, ist das Risiko hoch, auf das falsche Pferd zu setzen.

Dreh- und Angelpunkt ist das Ziel

Dann müssen im Laufe der Zeit die Pferde gewechselt werden, und dieser Tausch ist, wie jeder Reiter weiß, mit erheblichen Kosten verbunden. Günstiger ist, um im Bild zu bleiben, die Wahl des richtigen Pferdes. Dreh- und Angelpunkt des richtigen Vertrages ist das Ziel. Geht es um den Aufbau von Rücklagen? Soll Geld fürs Auto angespart werden? Ist Kapital für die Wohnungseinrichtung gefragt? Steht ein Eigenheim auf dem Wunschzettel? Oder soll für den Ruhestand vorgesorgt werden? Die einzelnen Ziele helfen bei der Überlegung, wie lange der Sparprozess dauern wird. Rücklage, Auto und Möbel führen zu kurzen Laufzeiten, das Eigenheim ist ein mittelfristiges Vorhaben, und der Aufbau der Altersvorsorge ist ein langfristiger Sparvorgang.
Der nächste Punkt ist das Risiko beziehungsweise die Wahrscheinlichkeit, das gesteckte Ziel bei gegebener Laufzeit zu erreichen. Hier kommt es in der Praxis zu großen Verwerfungen, weil unter „Risiko“ eher die Bereitschaft des Anlegers verstanden wird. Das ist aber nicht ganz richtig. Es gibt viele Leute, die zu hohen Risiken bereit sind, doch die Wahrscheinlichkeit, mit Aktien oder Hedgefonds innerhalb von zwei Jahren ein Vermögen aufzubauen, ist in der Regel gering. Umgedreht verschenken ängstliche Naturen viel Geld, wenn sie bei einem Sparprozess, der 25 oder 30 Jahre dauert, auf Aktien verzichten, weil die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, mit Hilfe der Börse auf lange Sicht ordentlich Geld zu verdienen.
Folglich ist Risiko eine Geschichte mit zwei Gesichtern. Das sind auf der einen Seite die Chancen und Risiken, die in einem Finanzprodukt stecken, und das sind auf der anderen Seite die Ansichten und Bewertungen, die der Mensch mit diesen Möglichkeiten verbindet. Vermögensaufbau beginnt, es kann nicht oft genug wiederholt werden, mit der Absicherung großer Gefahren. Das sind Haftpflicht, Krankheit und Berufsunfähigkeit. Dafür sind drei Verträge notwendig. Der Abschluss einer Privathaftpflichtversicherung ist das kleinste Problem. Heikel wird es bei der Krankenkasse und der Berufsunfähigkeitsversicherung. Der Einstieg in die private Krankenkasse ist verlockend, weil die Prämien niedrig sind, aber die Rückkehr in die gesetzliche Krankenkasse ist in der Regel nicht mehr möglich. Folglich müssen zu gegebener Zeit auch die Ehefrau und die Kinder in der privaten Krankenkasse versichert werden, und das wird mächtig ins Geld gehen.

Vermögensaufbau beginnt mit der Absicherung von Gefahren

Vorsicht vor „heiklen“ Policen ist auch bei der Vorsorge gegen Berufsunfähigkeit geboten. Der Abschluss von Basisrenten ist verlockend, weil hohe Steuervorteile winken. Das ist gefährlich. Wird der Akademiker eines Tages tatsächlich berufsunfähig, unterliegt die Rente in voller Höhe der Einkommensteuer. Das hat gewaltige Abzüge zur Folge. Heikel sind auch Policen in Form von Anhängseln an Kapitalversicherungen. Gegen die Idee, bei Berufsunfähigkeit nicht nur heute, sondern auch im Alter eine Rente zu beziehen, ist richtig. Nur wird bei dieser Lösung kaum bedacht, dass die Prämien für den „totalen“ Schutz so hoch sind, dass für den kurzfristigen Aufbau des Vermögens kaum Geld übrig bleibt.
Im vorliegenden Fall müssten die 500 Euro zum größten Teil diesem „langfristigen“ Vertrag geopfert werden, so dass für die Realisierung kurzfristiger Vorhaben kein Geld mehr zur Verfügung stünde. Der Konflikt ist nicht lösbar, so dass der Abschluss einer Risiko-Police mit hoher Wahrscheinlichkeit der beste Kompromiss sein dürfte. Wenn die Risiken durch den Abschluss preiswerter Versicherungen „gebannt“ worden sind, geht es um die Bildung finanzieller Reserven. Man kann lange darüber streiten, wie hoch der monatliche Betrag sein soll. Das mögen im einen Fall vielleicht 250 Euro sein, im anderen Fall aber 500 Euro. Wichtig ist nur die „banale“ Erkenntnis, dass für eine Rücklage von zwei Nettolöhnen, im vorliegenden Fall also 5.000 Euro, weder Bausparverträge noch Riesterrenten in Frage kommen.
Statt langer Diskussionen sollten schon mal die ersten 500 Euro auf ein Sparbuch eingezahlt werden, damit der Topf nach weiteren neun Raten voll ist. Wird ein Jahr lang gespart, kommen 6.000 Euro zusammen. Außerdem darf sich der Sparer bei einem Zinssatz von 1 Prozent über Erträge von 27,50 Euro freuen. Bei einem Satz von 2 Prozent fallen Zinsen von 55 Euro an, und bei einem Wert von 4 Prozent sind es 110 Euro. Nun stellt sich die Frage, wofür sich der Sparer entscheiden wird. Erträge von 4 Prozent sind höher als Zinsen von 1 Prozent, doch lohnt es sich, wegen 72,50 Euro die 6.000 Euro aus dem Auge zu verlieren und nach einem Jahr vielleicht nur 5.000 Euro auf der hohen Kante zu haben.

Die Strategie ist wichtiger als der Ertrag

Das kleine Beispiel zeigt, um es in aller Deutlichkeit zu wiederholen, dass die Strategie wichtiger als der Ertrag ist. Es ist nicht günstig, die Rücklage mit monatlichen „Teilraten“ von 100 Euro aufzubauen und die restlichen 400 in langfristige Sparverträge zu stecken, weil dort höhere Zinsen winken. Vorteilhafter ist die Lösung, die Rücklage schnell und sicher aufzubauen, und dafür ist das „langweilige“ Sparbuch die beste Lösung. Investmentfonds wären in diesem Fall die schlechtere Lösung. Der nächste Punkt ist das Auto, die heilige Kuh des Deutschen. Wie sollen junge Leute ein Auto finanzieren, das 15.000 Euro kostet?
Muss zuerst gespart werden, um das Auto anschließend bar zu bezahlen, oder soll zuerst ein Kredit aufgenommen werden, um hinterher die Raten abzustottern? Die Frage kann zu Glaubenskriegen führen. Wer auf Nummer sicher geht, geht 30 Monate lang zu Fuß, fährt Rad oder nimmt die Bahn. In allen Varianten sind nach zweieinhalb Jahren und Zinssatz von 2 Prozent die notwendigen 15.000 Euro nebst einem Schnaps von 273 Euro und 79 Cent in der Kasse. Dahinter verbergen sich freilich weder Aktienfonds noch Immobilienfonds oder Rentenversicherungen. Auch hier wird das Geld in einem Geldmarktfonds oder auf einem Sparbuch angesammelt, weil es zu diesen Anlagen einfach keine Alternativen gibt. Das ist aber auch nicht weiter tragisch, weil es nicht um Zinsen, sondern um 15.000 Euro für das Auto geht.
Wird das „Problem“ mit einem Kredit von 15.000 Euro gelöst, der jährlich „nur“ 6 Prozent kostet, sind 30 Raten à 539 Euro und 68 Cent nötig, um die Schulden zu begleichen. Die Summe der Rückzahlungen beträgt 16190,40 Euro, so dass die 1.190 Euro der Preis für den Wunsch sind, das Auto gleich haben zu wollen. Wichtiger als die ökonomischen Überlegungen sind die psychologischen Folgen dieses Verhaltens. Wer in jungen Jahren mit einem Überziehungskredit unterwegs ist, gerät beim Autokauf auf Abwege und ist nach zehn Jahren mit gewisser Wahrscheinlichkeit ein Fall für die Schuldnerberatung.

Der Lohn des „Wartens“ sind Freiheit und Unabhängigkeit

Das wird zum Beispiel auch bei Ratenkrediten deutlich. Der Kauf neuer Möbel, die 10.000 Euro kosten, dauert bei einer Monatsrate von 500 Euro „normalerweise“ 20 Monate, wie unschwer zu berechnen ist. Natürlich geht es auch sofort, aber der Kredit geht eben ins Geld. Üblich sind zurzeit zwischen 10 und 15 Prozent pro Jahr, so dass der verhinderte Sparer bei einem Satz von 12,5 Prozent insgesamt 20 Raten à 549 Euro auf den Tisch blättern muss. Heikel sind weniger die Zinsen von „nur“ 980 Euro, sondern ist die Einstellung, die sich dahinter verbirgt.
Das Verlangen nach sofortigem Genuss und späterer Bezahlung ist menschlich. Verheerend sind freilich die Folgen der Ungeduld, weil sie eben die Abhängigkeit verstärken. Der Mensch ist auf Gesundheit angewiesen. Er braucht Arbeit und Geld. Muss da auch noch die Abhängigkeit von Gläubigern sein? Der Konsum ist in vielen Fällen auf Pump aufgebaut, und die großen Krisen haben stets mit kleinen Beträgen begonnen. Das ist wie beim Alkohol oder Nikotin. Die wenigsten Menschen kommen als Trinker oder Raucher auf die Welt, aber steter Tropfen höhlt den Stein.
Der Lohn des „Wartens“ sind Freiheit und Unabhängigkeit. Folglich geht es in jungen Jahren nicht um die Altersvorsorge in ferner Zukunft, sondern um die Finanzierung alltäglicher Dinge, und zwar nach Möglichkeit ohne Kredit. Auch das ist Vorsorge, nur eben in anderer Form. Was nützt die „ferne“ Riesterrente, wenn hier und heute ein Ratenkredit abgestottert wird? Wofür soll ein Aktiensparplan oder eine Rentenpolice abgeschlossen werden, wenn in absehbarer Zukunft, immerhin hat der Akademiker schon 30 Jahre auf dem Buckel, die gesamten Ersparnisse für den Bau oder Kauf eines Eigenheims benötigt werden?
Die Ansammlung von Kapital fürs Eigenheim ist ein Sparvorgang, der fünf bis zehn Jahre dauert. Folglich liegt es auf der Hand, die Mittel zu bündeln und in Bausparverträge und Banksparpläne zu stecken. Warum aber einfach, wenn es auch schwer geht? Hier ein Bausparvertrag, da ein Investmentfonds, dort eine Kapitalversicherung scheinen für viele Leute attraktiver zu sein. Das ist ohne Zweifel besser als nichts, trotzdem böte es sich an, das Eigenkapital fürs Eigenheim zu maximieren, die Geldaufnahme zu minimieren und die Schulden so schnell wie möglich zu tilgen.
Die klassische Altersvorsorge, der Aufbau von „freiem“ Vermögen für den Ruhestand, sollte für junge Leute nur dann ein Thema sein, wenn der Wunsch nach dem Eigenheim kategorisch ausgeschlossen werden kann. Dann geht es in der Tat um langfristige Sparverträge, und da sind Aktiensparpläne erste Wahl. Wer kann aber im Alter von 30 Jahren sagen, dass er kein Eigenheim will, wer kann in diesem Abschnitt ausschließen, dass eines Tages der richtige Partner vor der Tür steht, so dass auch der Wunsch nach Familie und Eigenheim aufkommt? Vor diesem Hintergrund ist und bleibt die Flexibilität oberstes Gebot, so dass Geldanlagen wie die Basisrenten oder Immobilien, die auf Jahrzehnte zum Sparen zwingen, mit gewisser Vorsicht zu genießen sind.
Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen.


Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Kai

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