22. Mai 2013

Ein-Personen-Haushalte

Immer mehr sind allein zu Haus

Von Marcus Stölb
18. November 2012 Wenn Barbara Perfahl auf ihre Klienten trifft, ist eine Frage schon programmiert: „Welches war Ihre schönste Wohnung?“, will sie dann wissen. Viele antworteten spontan, manche eher zögerlich; „aber ich erhalte fast immer zur Antwort, dass die schönste Wohnung die war, in der die Befragten alleine wohnten“, berichtet die Wohnpsychologin. Perfahl hat auch gleich eine Erklärung für dieses Phänomen parat: „Zusammenleben ist immer auch ein Kompromiss bei der Gestaltung des eigenen Nests.“
Viele Menschen würden gerne solcherart Kompromisse eingehen, doch scheitern sie schon bei der Suche nach jemanden, mit dem sie Tisch und Bett teilen wollen. Die Folge: Immer mehr Menschen leben alleine, führen ein unfreiwilliges Single-Dasein. In den vergangenen beiden Jahrzehnten stieg die Zahl der Alleinlebenden in Deutschland drastisch an, ermittelte das Statistische Bundesamt, von einst 11,4 im Jahr 1991 auf inzwischen rund 16 Millionen. In Großstädten mit mehr als einer halben Million Einwohner liegt der Anteil schon bei annähernd 30 Prozent (siehe Grafik).
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Allein zu Haus - das betrifft nicht nur den klassischen Single, sondern auch ältere Menschen, die verwitwet oder geschieden sind. Oder Pendler, die multilokal wohnen und unter der Woche von ihrer Familie getrennt sind. Allein zu leben ist keineswegs immer trauriges Schicksal. Viele wählen diese Lebensform aus freien Stücken.
Wo die Liebe hinfällt: Tanja Duensing lebt in einer schicken Altbauwohnung in der Trierer Altstadt. Hohe Wände, Stuck an der Decke. Fragt man die Grundschullehrerin, in welcher Wohnung sie sich bisher am wohlsten fühlte, muss sie nicht lange überlegen: „In dieser hier.“ Dabei wohnt Duensing seit neun Jahren allein, und ihre Wohnung wird sie im nächsten Jahr freiwillig aufgeben. Dann, wenn sie mit ihrem Freund in ein gemeinsames Haus ziehen wird. Seit vier Jahren sind die beiden ein Paar, führen sie eine Fernbeziehung zwischen Trier und Lübeck.
Spricht man mit Duensing über die vergangenen vier Jahre, unterteilt sie diese in drei Phasen: Anfangs sei es einfach nur aufregend gewesen, zwischen ihrer Wohnung und der des Freundes zu pendeln. Ein wenig Jetset habe das gehabt, von einem „Besonderheitskick“ berichtet die 40-Jährige. Dann jedoch habe sie an sich ein gewisses „Reviergehabe“ festgestellt, hätten sie schon kleine Dinge gestört, wenn der Partner an Wochenenden bei ihr einzog. „Ich musste ja nie fragen, ob ich das Buch jetzt hierhin oder dorthin stelle oder warum das Handtuch hier hängt und nicht da, wo es immer...“. Duensing muss jetzt lachen. Inzwischen überwiegt bei ihr die Vorfreude auf das gemeinsame Haus - auch weil beide das ewige Pendeln satthaben.
Doch auch in ihrem gemeinsamen Zuhause werden sie und ihr Freund ein eigenes Zimmer haben. Wohnpsychologin Perfahl spricht in diesem Zusammenhang von einem Grundbedürfnis des Menschen, sich Räume anzueignen und einen eigenen Rückzugsbereich zu schaffen. Das Problem: Vielen Paaren und Familien fehlt schlicht der Platz hierfür. Männer flüchten deshalb schon mal in den Keller oder in die Garage - auch das nicht selten eine Reaktion auf das Verlangen, sich zurückzuziehen. Mangelt es in der Wohnung an Raum und Räumen, empfiehlt die Expertin, sich kleine Inseln im gemeinsamen Heim zu schaffen: „Das kann schon ein Sekretär im Flur sein“, Hauptsache etwas, womit sich der Besitzer identifiziert und was er nach Belieben gestalten kann.

Die eigenen Bedürfnisse zu erkennen fällt nicht leicht

Vielen Singles mangelt es weniger am Platz als an einem Menschen, mit dem sie diesen teilen könnten. Wird die Wohnung zu groß, fällt manchen schon mal die Decke auf den Kopf. Nicht selten befördert auch die Gestaltung des Interieurs eine diffuse Unzufriedenheit. „Menschen folgen häufig nicht ihren individuellen Bedürfnissen, sondern gewissen Vorannahmen, was in eine Wohnung hineingehört“, beobachtet Perfahl immer wieder. Dass eine mehrteilige Couchgarnitur Standard ist oder ein Esszimmer samt großer Tafel und acht Stühlen drum herum, kann auf den Frohsinn Alleinlebender mindernd wirken. Schließlich wirkt ein Großteil der Einrichtung wie Staffage, wenn das Mobiliar weitgehend ungenutzt bleibt. Statt einer kompletten Sitzgarnitur würde es oft schon ein gemütlicher Lesesessel tun.
Sich selbst und die eigenen Bedürfnisse zu erkennen fällt vielen nicht leicht. Ist eine Paarbeziehung in punkto Wohnen meist ein gelebter Kompromiss, haben Alleinlebende deutlich größere Freiräume, sich einzurichten. Theoretisch ist alles erlaubt, praktisch können viele mit dieser Freiheit wenig anfangen. Wobei Ausnahmen die Regel bestätigen - Singles, die eine klare Vorstellung davon haben, wie sie wohnen möchten. Ihre Wohnung spiegelt Faibles wider, etwa für Kunst oder Technik, ist oft auch ein Abbild der eigenen Persönlichkeit.
Zahlreicher werden Wohnformen, die einen Mittelweg zwischen Autonomie und gemeinschaftlichem Leben versprechen. So trifft man überall in größeren Städten seit einigen Jahren auf Bauherrengemeinschaften. Zwar steht hierbei meist das gemeinschaftliche Interesse im Vordergrund, Wohneigentum zu finanzieren, doch formieren sich häufig auch regelrechte Hausgemeinschaften. „Das ist nur eine Möglichkeit, der Vereinzelung auszuweichen“, erläutert Ulrike Jurrack.
Die freie Architektin ist Mitbegründerin des Weimarer Büros „StadtStrategen“, das Projektträger bei der Realisierung neuartiger Wohnprojekte berät. „Gemeinsam statt einsam“ lautet der Name eines solchen generationenübergreifenden Vorhabens, das im thüringschen Arnstadt-Ost entstand. Etwa 90 meist ältere Menschen leben in den rund 50 Wohnungen. „Da sind auch Ehepaare darunter, die für den Fall planen, dass einer zurückbleibt“, berichtet Jurrack. Ein bisschen Toleranz und Bereitschaft, sich zu engagieren, müsse man indes schon mitbringen, empfiehlt die Planerin. Auch für jüngere Singles bieten solche Angebote eine Chance, der Anonymität zu entkommen und sich dennoch einen Rückzugsort zu bewahren.
In diese Richtung zielen auch Projekte, die eine stärker gelebte Nachbarschaft verwirklichen wollen. Manche Singles empfinden ihre Lebenssituation als Wohnen in der Warteschleife. Immerzu hoffen sie, den Partner zu finden und dann umziehen zu können. In den eigenen vier Wänden zieht derweil Stillstand ein. Der Single-Bewohner meidet neue Anschaffungen und ist kaum noch für Veränderungen bereit. So gerät die Wohnung zum nimmer endenden Provisorium. Auch das kann aufs Gemüt schlagen, warnt Wohnpsychologin Perfahl und rät: „Trotz der Unsicherheit, ob man nicht wieder auszieht, sollte man nicht aufhören, seine eigene Wohnung zu gestalten und die Freiheit zu nutzen, die einem das Singledasein hier bietet.“
Tanja Duensing freut sich auf ihren neuen Lebensabschnitt, das Zusammenleben mit Freund Thomas - auch wenn sie sich keine Illusionen macht, dass auf beide eine enorme Umstellung zukommt und noch einige Kompromisse gefunden werden müssen. Wessen Geschirr schafft es in den Küchenschrank, welche Teller enden verpackt im Keller? Das sind nur scheinbar nebensächliche Fragen, die sich Alleinlebenden kaum stellen. Duensings Fazit nach fast einem Jahrzehnt des Alleinwohnens: „Allein sein ist klasse, wenn es einen nicht einsam macht.“ Gegen Einsamkeit hilft, unter Menschen zu gehen, und die trifft man ohnehin meist nicht in den eigenen vier Wänden.


Text: F.A.S.
Bildmaterial: Andreas Weishaupt, F.A.Z.

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