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Energetische Sanierung
Gar nicht so übel?
Von Birgit Ochs
22. November 2012 Stephan Kohler ist irritiert. Kohler ist Geschäftsführer der Deutschen Energie Agentur (Dena), deren Mehrheitsgesellschafter der Bund zusammen mit der staatlichen Bankengruppe KfW ist. Dementsprechend laut trommelt das „Kompetenzzentrum für Energieeffizienz“ für die Ziele der Politik auf dem Feld der energetischen Gebäudesanierung. Die lauten: runter mit dem Energiebedarf von Gebäuden und bis 2050 einen nahezu CO2-neutralen Gebäudebestand. Doch damit wird es nichts werden, wenn Deutschlands Eigenheimbesitzer nicht mehr Ehrgeiz bei der energetischen Optimierung ihrer Eigenheime entwickeln und kräftig in neue Heizungsanlagen, Dächer, dreifach verglaste Fenster und gedämmte Fassaden investieren. Eine jährliche Sanierungsrate von 2 Prozent wäre dafür nötig; tatsächlich liegt sie bei nur 1 Prozent. Entsprechend diagnostiziert Dena-Chef Kohler einen „massiven Sanierungsstau“ - und findet die Botschaft des Verbands der Privaten Bausparkassen (VPB) höchst verwunderlich.
Dieser war Anfang November mit der Erkenntnis in die Öffentlichkeit getreten, dass der energetische Zustand des älteren Ein- und Zweifamilienhausbestands beeindruckend gut sei. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie, die das Institut Empirica im Auftrag der Baufinanzierer angefertigt hat. Danach sind in Ein- und Zweifamilienhäusern, die vor 1979 errichtet wurden, 81 Prozent der Heizanlagen hoch oder höchst effizient; 96 Prozent aller Fenster sind mindestens zweifach verglast, und bei fast 70 Prozent der Immobilien ist das Dach oder die oberste Geschossdecke gedämmt. Lediglich bei der Dämmung der Außenwand und der Kellerdecken zeigen die Werte von 35 Prozent beziehungsweise 24 Prozent, dass hier die Hauseigentümer bisher weniger investiert haben.
Unverständnis und Ärger
Bei der Dena versteht man nicht, wie Empirica zu dieser Einschätzung kommt, man findet die Veröffentlichung der Studie „ärgerlich“ und weist auf den eigenen Gebäudereport hin, der ein viel schlechteres Bild zeichnet. Beispiel Heizung: Von den 18 Millionen Heizungsanlagen im Bestand seien rund 13 Millionen veraltete Gas- und Ölkessel, die nicht dem Stand der Technik entsprechen. Mit Niedertemperaturkesseln könne man sich nicht zufriedengeben, wenn heute moderne Brennwerttechnik Standard sei, sagt Kohler und schätzt den Sanierungsbedarf entsprechend hoch ein.
Dabei stützt sich die Dena auf das gleiche Zahlenmaterial wie Empirica. Beide bedienen sich eines Datensatzes, den das Institut für Wohnen und Umwelt zusammengestellt hat. Er geht auf die Dokumentation der Schornsteinfeger zurück - und kann damit als belastbares Material gelten. Dass es zu den unterschiedlichen Ergebnissen kommt, liegt an der Interpretation. „Es ist die alte Geschichte: Erscheint mir ein Glas halb voll oder halb leer“, sagt Harald Simons, Professor für Volkswirtschaftslehre und Mitglied des Empirica-Vorstands. Während die Politik sich nur am Stand des technisch Möglichen orientiere und ihre umweltpolitischen Ziele im Auge habe, müssen man fragen, was betriebswirtschaftlich überhaupt notwendig sei und durch welche Maßnahmen sich wirklich nennenswerte Einsparungen erzielen ließen. Eine funktionierende Heizungsanlage vor der Zeit auszutauschen, hält Simons jedenfalls nicht für sinnvoll.
„Das normale deutsche Haus ist keine Bruchbude“
Diese Einschätzung teilen auch die Ingenieure des Verbands Privater Bauherren, die jährlich mehrere tausend Häuser begutachten. „Das normale deutsche Haus ist keine Bruchbude, sondern in recht ordentlichem Zustand“, heißt es dort. Hiesige Hausbesitzer investierten über Jahre in die Sanierung und Modernisierung ihrer Immobilien - allerdings selten in einem großen Rundum-Paket und nur, wenn echter Bedarf besteht. „Der größte Sanierungstreiber in der Vergangenheit war letztlich der Komfortgewinn“, urteilt denn auch Empirica-Vorstand Simons. Isolierfenster haben längst die Einfachverglasung ersetzt, das Gros der Einzelöfen verschwand zugunsten der Zentral- oder Etagenheizung, weil sie besser funktionieren, bequemer zu bedienen sind, für mehr Behaglichkeit sorgen - und nicht, weil dadurch zum Beispiel die Feinstaubbelastung sinkt. Heute sei angesichts des recht hohen Wohnkomforts der Druck nicht mehr so hoch.
Bei der Dena lässt man das nicht gelten. Der Energieverbrauch schlägt schließlich auch finanziell zu Buche. Fast wöchentlich sorgen Meldungen, dass die Wohnnebenkosten die Miete treiben, für Aufsehen. Stephan Kohler stellt klar, dass alte Einfamilienhäuser im Durchschnitt einen Energieverbrauch von mehr als 200 Kilowattstunden je Quadratmeter aufweisen: „Das sind offizielle Zahlen.“ Dagegen zeigten die Gebäude aus dem Modellvorhaben „Effizienzhäuser“, dass gut sanierte Wohngebäude nur noch 60 bis 70 Kilowattstunden je Quadratmeter verbrauchen - also drei- bis viermal weniger. „Wer das nicht sieht, lebt in einer anderen Wirklichkeit“, sagt der Dena-Chef.
Modellrechnung oder tatsächlicher Verbrauch
Die Kritiker nehmen diese Steilvorlage gerne auf, genauso wie Werbesprüche vom Schlag „Wer nicht energetisch saniert, verheizt sein Geld“ - und machen eine andere Rechnung auf: „Ein theoretischer Energiebedarf ist das eine, was die Leute tatsächlich verbrauchen, das andere“, kontert Harald Simons den Hinweis auf die Modellrechnung. Zu unterstellen, dass alle Räume eines Hauses im Winter konstant auf eine Temperatur von 21 Grad beheizt würden, sei völlig unrealistisch. In diese Kerbe schlägt auch der VPB. Erträge, wie sie finanzielle Modellrechnungen versprächen, seien im Einzelfall nicht zu erwarten. Was sich lohnt und was nicht, müsse daher immer individuell entschieden werden. „Schauen Sie sich Ihre Abrechnung an, dann sehen Sie wie viel Sie tatsächlich fürs Heizen ausgeben - und dann sehen Sie,ob sich eine Maßnahme lohnt oder nicht“, sagt Simons.
Während Kohler von der „Mär“ spricht, dass sich die Wärmedämmung nicht rechne, fragt Simons polemisch, für wie dumm die Politik Hauseigentümer eigentlich halte. „Die Sache ist vielmehr so: Wer nicht auf den Sanierungszug aufspringt, der hat die Investition durchgerechnet - und verworfen.“
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP
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