25. Mai 2013

Crowdfunding

Erst kleckern, dann klotzen

Von Anja Martin
20. Januar 2013 Man mag zu Marillion stehen, wie man will. Doch gäbe es die Band und ihre Fans nicht, müssten wir auch auf den Garderobenhaken mit Handyablage „Cubby“, das modulare Weinregal „Stact“, die schwerkraftbetriebene Leuchte „GravityLight“ und den rotorblattlosen Ventilator „Exhale“ verzichten. Denn diese Designprodukte wurden über Crowdfunding ermöglicht, über Schwarmfinanzierung im Internet. Wer dafür einen Vorreiter sucht, landet bei den Marillion-Fans, die vor fünf Jahren online 60.000 Dollar (45.000 Euro) sammelten, um ihre Helden auf Tour zu schicken - an der Plattenfirma vorbei. Diese Art der Finanzierung von unten greift seither um sich - inzwischen organisiert auf Plattformen wie Kickstarter, Indiegogo oder Startnext. Nach dem Prinzip „Wenn viele wenig geben“ wird manches möglich, bei dem große Konzerne nur abgewinkt hätten.
Die Macht der Masse nutzen inzwischen immer mehr Kreative. Und zwar nicht nur fürs Produzieren von Musik, Filmen, Spielen und Büchern. Selbst Möbel, Leuchten, Küchenhelfer und Haustechnik werden direkt übers Portemonnaie der spendablen Klientel verwirklicht. Schon verlassen sich auch die ersten Immobilien- und Stadtplanungsprojekte auf die Crowd, die Online-Fangemeinde, die gern ein wenig Geld springen lässt, wenn sie dadurch mitbestimmen darf, welche Möbel produziert werden und wofür die Bagger vorfahren.
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Online stellen und warten genügt nicht

Die weltweit größte Plattform fürs Klimpergeldsammeln ist der amerikanische Kickstarter, der vor dreieinhalb Jahren an den Start ging. Bis heute wurden dort fast 83.000 Projekte lanciert, von denen 43 Prozent Erfolg hatten, so dass tatsächlich fast 400 Millionen Dollar geflossen sind. Die meisten der erfolgreichen Kampagnen bleiben zwar unter 10.000 Dollar, immer öfter gibt es aber auch Unterstützung in sechs- oder siebenstelliger Höhe. Vorneweg werden Filme und Videos finanziert. Aber auch im Bereich Design sind bislang 3000 Projekte gestartet, mit einem erfolgreichen Investitionsvolumen von knapp 56 Millionen Dollar. Als erfolgreich gilt ein Projekt, wenn es innerhalb der Laufzeit das vorher festgesetzte Funding-Ziel erreicht. Nach dem Alles-oder-nichts-Prinzip darf alles, sogar der Überschuss, behalten werden. Bleibt die Kampagne unterm Ziel, gehen alle Gelder an die „Backer“ oder „Supporter“ zurück, wie die Spender beim Crowdfunding heißen.
Einer der Erfolgreichen war der Kanadier Jamie Kasza mit seiner Idee für ein modulares Weinregal. Was er sich für sein Zuhause vorstellte, gab es nicht zu kaufen, so suchte er einen Designer nach seinem Geschmack und entwickelte mit ihm zusammen, was seiner Meinung nach auf dem Markt noch fehlte: ein reduziertes Regal à la Dieter Rams, das Flaschen an der Wand ausstellt, statt sie nur zu verstauen. Der E-Commerce-Manager kündigte seinen Job und startete die Kickstarter-Kampagne. Er bekam über 100.000 Dollar, um den Prototyp zum Produkt zu machen und auszuliefern. Die ersten Exemplare von „Stact“ werden im Februar verschickt - unter anderem an die Unterstützer. Denn ein Grundprinzip des Crowdfunding sind vorher festgesetzte Dankeschöns je nach Spendenhöhe. Und geht es um Design, reizt die Supporter natürlich das geförderte Produkt selbst.
Online stellen und warten genügt natürlich nicht: Der Entrepreneur Kasza hat 60 Prozent seiner Zeit ins Publikmachen gesteckt. Das Weinregal lief auf den Designblogs hoch und runter, die „Huffington Post“ machte es noch während der Kampagne zum Nummer-1-Kickstarter-Designobjekt.
Vor Produktionsstart Geld in die Hand zu bekommen, für das man keine Bank und keinen Venture-Capital-Geber braucht, ist natürlich ein Privileg. Aber Kasza sieht einen fast noch größeren Vorteil: „Kickstarter ist ein Barometer. Der Beweis, dass das Konzept aufgeht“, meint er.

Nicht die Antwort für jede Produktneuentwicklung

Für Bruce und Stephanie Tharps war Kickstarter keine Starthilfe und auch kein Versuchsballon, sondern so etwas wie die letzte Chance: Schon 2005 hat das Designerpaar einen Garderobenhaken namens „Cubby“ erfunden, der zugleich Stauraum für Sonnenbrille, Handy oder Schlüsselbund bietet. Sie gewannen Preise, fanden aber niemanden, der „Cubby“ produzieren wollte. Zwischenzeitlich fertigten sie ihn sogar zu Hause in der Küche und verkauften ihn über eine Chicagoer Designgalerie. Als sie den Kleiderhaken schon aufgeben wollten, kam Kickstarter ins Spiel - und sie erhielten doppelt so viel Unterstützung wie erhofft, von mehr als tausend „Backern“. „Crowdfunding hat das Potential, die Produktlandschaft zu verändern“, resümiert der Designer. „Es hat eine Range an Produkten ans Licht gebracht, die es vorher nie auf den Markt geschafft hätten.“
Vor allem Produkte, die Geschichten erzählen, können schnell viele Menschen überzeugen. Mit einer einleuchtenden Idee gelang das den britischen Entwicklern von „GravityLight“. Mit ihrer schwerkraftbetriebenen Leuchte, gedacht für Entwicklungsländer, hatten sie schon am vierten Kampagnentag das Ziel von 55.000 Dollar erreicht, nach einer Woche verdoppelt. Vergangenen Mittwoch nun beendeten sie das Crowdfunding mit der hübschen Summe von 399.525 Dollar. Natürlich hatten sie dafür alle ihre Kontakte mit E-Mails beschossen, verschiedene soziale Netzwerke genutzt. Als dann noch Ende vorletzter Woche Bill Gates persönlich twitterte, was für eine coole Innovation die Leuchte sei, schossen die Spenden aus Amerika in die Höhe. Verantwortlich fürs Projekt ist die Londoner Produktdesign-Consultingagentur Therefore, die normalerweise Designern hilft, Ideen umzusetzen. „GravityLight“ allerdings war eine Eigenentwicklung, bei der sie nun erstmals auf Crowdfunding setzten. Werden sie den Weg nun öfter gehen? Ja, sagt der Direktor Jim Fullalove, trotzdem sei Crowdfunding nicht die Antwort für jede Produktneuentwicklung. Immerhin präsentiere man ein interessantes Projekt einem sehr breiten Publikum und möglicherweise auch Plagiatoren.
Europäische Designer nutzen Crowdfunding noch längst nicht so stark wie ihre Kollegen jenseits des Atlantiks. Noch nicht. So beobachtet man beim größten deutschen Crowdfunding-Portal für Kreative, Startnext, dass die Zahl der Designprojekte zunimmt. Seit des 100.000-Euro-Erfolgs eines eigens fürs iPhone entwickelten Kamerakrans und der Hartz-IV-Möbelprojekte bekomme man immer mehr Anfragen in der Kategorie. „Es braucht beim Crowdfunding in jeder Kreativsparte ein paar Vorreiter, die zeigen, was möglich ist“, erklärt die Startnext-Geschäftsführerin Anna Theil die aktuelle Entwicklung.

Das gute Gefühl, das Richtige getan zu haben

Tatsächlich suchen inzwischen auch Immobilienprojekte online nach Unterstützung, wagen sich auf die Crowdfunding-Plattformen. Spektakulär die Idee, ein aufgegebenes Straßenbahndepot in New York City zum unterirdischen Park umzubauen. 3300 Menschen gaben vor einem dreiviertel Jahr 155.000 Dollar, um „LowLine“ möglich zu machen. Auch in Deutschland gibt es solche Aktionen, wenn auch nicht in dem Ausmaß: So veranstaltete letzten Sommer ein internationales Künstlerkonsortium eine Crowdfunding-Aktion für den Erhalt eines alten DDR-Vergnügungsparks an der Spree. Und zwei Berliner Künstler erhielten über Startnext 11.000 Euro, um eine Art öffentliches Baumhaus zu bauen, allerdings in einem Gebäude.
Vor drei Monaten hat sich nun die erste Crowdfunding-Plattform rein für Immobilien gegründet - und das ist nicht nur in Deutschland ein Novum. Das erste Projekt von Kapitalfreunde ging Ende Dezember zu Ende. Zwar kam nicht so viel Geld zusammen wie erhofft, doch man wertet es als Erfolg. 67.750 Euro investierten Unterstützer ins Atelierhaus „Kleine Ritter“ in Frankfurt-Altsachsenhausen, das das Viertel aufwerten soll, ohne es zu gentrifizieren. Gründer der Plattform ist Michael Ullmann, der lange Jahre offline Immobilienfinanzierungen gemacht hat und nun den Community-Gedanken in die Sache hineintragen will. Dafür brauche es gute und ungewöhnliche Projekte, etwa mit sozialem oder gemeinnützigem Aspekt, hinter die sich Leute gerne stellen. Trotzdem sieht man sich nicht als Spendenplattform. 6 Prozent Rendite warteten beim „Kleinen Ritter“ auf die Unterstützer statt der im Kreativbereich üblichen Dankeschöns. Sicherheiten gibt es allerdings keine - auf das Risiko eines Totalverlusts verweist die Plattform ganz bewusst.
Tatsächlich geht es auch im bislang teuersten Indiegogo-Projekt „Let’s Build a Goddamn Tesla Museum“ um eine Immobilie. Das letzte Labor des Wissenschaftlers Nikola Tesla in der amerikanischen Stadt Shoreham soll erworben und zu einem Museum umgebaut werden. Hier wollte Tesla vor mehr als hundert Jahren einen Turm bauen, der die ganze Welt drahtlos mit Energie versorgt hätte. Leider gingen ihm aber die Finanzmittel aus, und Crowdfunding war noch nicht erfunden. Heute bleibt seiner Crowd nur, ihm zumindest posthum ein Museum zu bauen. Eine Rendite gab es übrigens nicht - nur Baseballcaps, T-Shirts und vom letzten lebenden Verwandten signierte Poster. Sowie das gute Gefühl, das Richtige getan zu haben.


Text: F.A.S.
Bildmaterial: Exhale Fans, Materious, Raad Stdio, Stact

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