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Denkfehler, die uns Geld kosten (43)
Erfolg macht leichtsinnig
Von Lutz Johanning und Maximilian Trossbach
08. Dezember 2012 Wie trügerisch und fatal das Gefühl, die Situation „im Griff zu haben“, sein kann, hat das spektakuläre vier zu vier der deutschen Fußballnationalmannschaft im Qualifikationsspiel gegen Schweden am 16. Oktober dem Publikum auf nachdrückliche Weise vor Augen geführt.
Gab es bis zur 56. Minute nicht den mindesten Zweifel an einem deklassierenden Kantersieg der DFB-Auswahl, nahm mit Beginn des letzten Spieldrittels, ausgelöst durch den Zufall eines nicht geahndeten Fouls und eines dadurch ermöglichten schwedischen Überraschungsangriffs, ein bis dahin unvorstellbares Debakel seinen Lauf. Ein atemberaubend schnelles, intelligentes, überlegenes Spiel auf technisch höchstem Niveau gegen einen „hoffnungslos unterlegenen Gegner“ brach von einem Augenblick auf den anderen in sich zusammen; ein scheinbar uneinholbarer Vier-Tore-Vorsprung wurde durch eine Kette desaströser Fehler und „kollektive Lähmung“ aus der Hand gegeben.
Statt weiterer Tore nur mehr Pfosten- und Fehlschüsse auf deutscher, dagegen vier Treffer aus vier Schussversuchen auf schwedischer Seite. Die scheinbar sichere Kontrolle des Spiels entpuppte sich als Illusion.
Positive Illusionen motivieren uns
Nun sind „Kontrollillusionen“, so der wissenschaftliche Begriff für dieses Reaktionsmuster, keineswegs auf das Feld des Sports beschränkt, sondern in nahezu allen Lebensbereichen und somit auch bei der Kapitalanlage zu beobachten. Kontrollillusion bezeichnet ganz allgemein die Überzeugung oder Vorstellung, objektiv nicht beeinflussbare Vorgänge kontrollieren zu können. Das Phänomen wurde systematisch erstmals von Ellen Langer, Professorin für Psychologie an der Harvard University, in den 1970er Jahren untersucht und besonders anschaulich am Beispiel des Glücksspiels aufgezeigt: Für das Ereignis, dass eine bestimmte Zahlenkombination im Lotto gewinnt, existiert eine objektive Wahrscheinlichkeit. Trotzdem glauben manche Menschen ihre Gewinnchancen erhöhen zu können, indem sie sich besonders viel Mühe bei der Auswahl der Lotto-zahlen geben.
Langer stellte fest, dass die Illusion der Kontrolle umso stärker ausgeprägt war, je umfangreicher die Versuchsteilnehmer scheinbar selbst in das Handeln eingreifen konnten, indem sie beispielsweise Alternativen auswählten und eigene Entscheidungen trafen.
Auf die Frage, worauf diese systematische Verzerrung unserer Wahrnehmung beruht, respektive welche Funktion dieses scheinbar allen Menschen gemeinsame Denk- und Reaktionsmuster erfüllt, gibt die Psychologie mehrere Antworten. Shelley Taylor und Jonathon Brown (1988) führen den Motivations- und Ausdauereffekt positiver Illusionen ins Feld.
Die Kontroll-Illusion gibt uns Sicherheit
In der „Theorie des geplanten Verhaltens“ des Psychologen Icek Ajzen (1985) ist eine positive Kontrollüberzeugung bezüglich des eigenen Handelns sogar zwangsläufig erforderlich, damit Handlungen überhaupt begonnen werden. Einen ähnlichen Erklärungsansatz verfolgen vorrangig evolutionsgeschichtlich argumentierende Wissenschaftler. Diese stellen ab auf die Freisetzung von Handlungsenergien durch die positive Einschätzung der eigenen Selbstwirksamkeit - also der Überzeugung, seine Umwelt im eigenen Sinne kontrollieren zu können. Die Unterschätzung der eigenen Möglichkeiten zur Einflussnahme birgt hingegen die Gefahr des Fatalismus. Als weiterer Erklärungsgrund wird das Sicherheits- und Orientierungsbedürfnis der Menschen in einer grundsätzlich unsicheren Umgebung angeführt. Die Überschätzung der eigenen Selbstwirksamkeit erwächst demnach aus dem Bedürfnis, ein Stück Kontrolle über bedeutsame, aber schwer oder nicht beherrschbare Entwicklungen zu erlangen. In diesem Sinne dient sie der Überwindung von Angst und der „Selbstberuhigung“.
Andere Forscher hingegen verweisen darauf, dass Kontrollillusionen sich gravierend nachteilig auf unser Verhalten auswirken können. Illusionen verhindern die Wahrnehmung solcher Informationen, die konträr zu unserer Kontrollauffassung sind. Damit werden Lernprozesse unterbunden. Eine erhöhte Risikobereitschaft kann die Folge sein.
Besonders anfällig hierfür scheinen Akteure an den Finanzmärkten zu sein. 2003/04 führten die britischen Forscher Mark Fenton-O’Creavy, Nigel Nicholson, Emma Soane und Paul Willman ein Experiment unter Investmentbankern durch. Dabei wurde Börsenhändlern von vier Londoner Investmentbanken suggeriert, dass sie Einfluss auf die Entwicklung eines simulierten Index’ nehmen können, indem sie verschiedene Tasten auf einem Computer drückten. De facto war die Wertentwicklung aber vollkommen unabhängig davon, was die Händler taten.
Warnsignale werden missachtet
Trotzdem sagte ein Teil der Händler anschließend aus, dass sie Erfolg bei der Steuerung des Index gehabt hätten. Dabei zeigt sich eine gefährliche Folge der Kontrollillusion: die Neigung, positive Verläufe auf eigene Entscheidungen zurückzuführen, negative Verläufe hingegen als vorübergehende Abweichungen abzutun oder mit äußeren Einflüssen zu begründen und nicht rechtzeitig und angemessen zu reagieren. Die Forscher beobachteten, dass Händler mit einer besonders hohen Disposition zur Kontrollillusion durch ihre Vorgesetzten deutlich schwächer hinsichtlich ihrer Kompetenzen in Risikomanagement und Analyse beurteilt wurden.
Darüber hinaus erbrachten sie deutlich niedrigere Gewinnbeiträge als ihre Kollegen, die eine realistischere Einschätzung ihrer Einflussmöglichkeiten hatten. Dies schlug sich auch in niedrigeren Gehältern nieder. Privatanleger unterscheiden sich dabei nicht von professionellen Händlern. Auch sie können dazu tendieren, sich für kompetenter zu halten, als sie gemeinhin sind; auch sie können glauben, beispielsweise den Kursverlauf von Aktien besser prognostizieren zu können als andere und dadurch bessere Ergebnisse zu erzielen. Tatsächlich gelingt dies aber nur sehr wenigen Anlegern mit außergewöhnlichem Können - oder großem Glück.
Die Kontrollillusion kann dazu führen, Warnsignale zu missachten und in der Folge zu spät zu bemerken, dass etwas in die falsche Richtung läuft. So wäre es manches Mal sinnvoll, eine ursprünglich verfolgte Anlagestrategie zu ändern. Und so hätte eine Änderung der Strategie vermutlich auch der deutschen Fußballnationalmannschaft am 16. Oktober geholfen.
Lutz Johanning ist Professor an der „WHU - Otto Beisheim School of Management“, Maximilian Trossbach ist wissenschaftlicher Mitarbeiter.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Corbis
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