22. Mai 2013

Denkfehler, die uns Geld kosten (48)

Der verfluchte Drang zu handeln

Von Winand von Petersdorff
19. Januar 2013 Konfrontiert mit mehrdeutigen und riskanten Situationen, neigen Akteure gelegentlich zu Aktivismus (sonst wären sie ja keine Akteure). Sie lassen Taten sprechen. Das ist aber nicht immer die beste Wahl. Manchmal wäre es besser, nichts zu tun, um am besten aus der schwierigen Situation herauszukommen. Die nicht immer rationale Neigung zu Taten heißt in de Fachwelt Action-Bias.
Sie befällt Anleger, die schlimme Nachrichten über Griechenland hören. Sie befällt Polizisten, die Rempeleien vor einer Diskothek beobachten und überlegen, ob sie einschreiten sollen oder nicht. Und sie tritt bei bestimmten Mannschaftssportlern auf, die das konkrete Beispiel liefern: Es kommt aus der richtigen Welt, aus den Fußballstadien des Profifußballs. Israelische Wissenschaftler haben ein Spezialereignis im Fußball einer genaueren Betrachtung unterzogen: den Elfmeter. Interessant ist die Frage, wie sich ein Torwart bei Elfmetern gewöhnlich verhält. Denn jeder Elfmeter zwingt den Torleuten eine Entscheidungssituation auf.
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Gewöhnlich entscheiden sich die Torhüter für die Handlung. Statt ruhig und bedrohlich in der Mitte stehen zu bleiben, springen sie in rund 95 Prozent der Fälle in die linke oder rechte Ecke. Das scheint somit die Norm zu sein. Dabei wäre es rational, in rund 28 Prozent einfach in der Mitte stehen zu bleiben, wie eine Studie belegt. Denn so häufig landen die Elfmeterschüsse genau dort. Warum also verhalten sich Torhüter nicht entsprechend der Wahrscheinlichkeiten, mit der Torschüsse in unterschiedliche Zonen des Tores geschossen werden?

Wer nichts tut, sieht blöd aus

Die Anreize für den Tormann, das Optimale herauszuholen, sind eigentlich gewaltig: Erstens sind Strafstoßtore wichtig, weil pro Spiel in den Eliteligen nur rund 2,5 Tore geschossen werden. Jeder Strafstoß kann also spielentscheidend sein. Zweitens klären sich wichtige, prestigeträchtige internationale Duelle häufig im Elfmeterschießen. Der siegenden Mannschaft winken hohe Erlöse, den Kickern große Erfolgs-Boni. Man darf also davon ausgehen, dass die Torhüter in Elfmetersituationen hochmotiviert sind.
Ein Informationsproblem dürfte es eigentlich auch nicht geben: Big Data hat längst Einzug in die Welt des Profifußballs gehalten. Und viele Mannschaften leisten sich Torwarttrainer, in der Regel ausgemusterte Altprofis, von denen man allerdings nicht genau weiß, ob sie Statistiken verstehen, pflegen und vermitteln.
Was Torhüter offenlegen, ist ihr Action-Bias, ihr Bedürfnis, in schwierigen Situationen zu handeln statt ruhig zu bleiben. Was ist die Erklärung dafür? Torhüter fühlen sich immer mies, wenn sie einen Elfmeterschuss passieren lassen mussten. Aber sie fühlen sich noch schlechter, wenn sie einen Ball passieren lassen, nachdem sie ruhig stehen geblieben sind. Verstehen kann man das: Ein Torhüter, der in der Mitte seines Gehäuses regungslos stehend einen Ball passieren lassen muss, sieht blöder aus als ein Torwart, der sich springend für eine Ecke entscheidet. Er transportiert das Bild des Entschlossenen, der allein am Schicksal scheiterte. Der stehenbleibende Torwart dagegen transportiert eher das Bild der Apathie, der noch nicht einmal versucht hat, das Schicksal zu wenden. Pfeifkonzerte sind dann programmiert.

In der Geldanlage ist weniger Umschichten manchmal mehr

Dass die Kundschaft zu Aktivitäten drängt, erleben auch Vermögensverwalter, die nach jeder etwas abrupten Bewegung auf den Kapitalmärkten lange am Telefon sitzen, um Kieferorthopäden und andere „High net worth clients“ zu beruhigen. Kunden von Vermögensberatern hassen offenbar den Gedanken, dass ihr Verwalter auf ihrem Geld sitzt und nichts tut, selbst wenn die Kurven an den Kapitalmärkten ausschlagen, als litten sie unter Veitstanz.
Hier wird es paradox für den Vermögensberater. Es kann manchmal aus seiner Sicht sinnvoll sein, Aktivitäten zu entfalten, allein um Kunden zu binden, selbst wenn etwaige Käufe oder Verkäufe eigentlich seiner Vermögensstrategie für den Kunden widersprechen. Tatsächlich sind die großen Vermögen an den Kapitalmärkten vor allem von jenen gemacht worden, die lange an guten Werten festhielten. (Daytrader mit Hochfrequenzhandelsfazilitäten mögen allerdings die Rankings aufmischen.)

Wann ist Nicht-Handeln besser als Handeln?

Noch komplizierter wird es für Vermögensberater, weil es in gewisser Weise ein Finanzinstrument der Inaktivität gibt: Die ETFs auf einen Marktindex. Wer also als Kunde eine Geldanlage präferiert, die nicht vom Action-Bias geprägt ist, kauft ein ETF und findet damit auch noch die Zustimmung der Ökonomen, die nahezu im Chor singen, dass niemand, niemand, niemand die Märkte dauerhaft schlagen kann.
Wie zügelt man also den Drang zum Handeln? Und wann wird das Nichthandeln zur Unterlassungssünde? Erfahrung mag helfen, wie das Beispiel von Polizisten zeigt, die Handgreiflichkeiten vor Nachtlokalen beobachten. Ältere Polizisten blieben einer britischen Studie zufolge lange cool und griffen erst ein, wenn von den Rempeleien viele unbeteiligte Gäste in Mitleidenschaft gezogen wurden. Jüngere Polizisten dagegen versuchten die Schlägereien im Frühstadium zu unterbinden und trugen damit eher zur Eskalation bei. Besonnen bleiben in unerwarteten, komplizierten Situationen mit schwer kalkulierbaren Konsequenzen, scheint ein trivialer wie guter Ratschlag.
Angela Merkel sei der Leitstern der Geldanleger, Polizisten und Torhüter. Nichts tun oder nicht sofort handeln kann ein Ausdruck besonderer Souveränität sein.


Text: F.A.S.
Bildmaterial: Getty Images

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