23. Mai 2013

Denkfehler, die uns Geld kosten (49)

Das Herz ist immer dabei

Von Lutz Johanning und Maximilian Trossbach
26. Januar 2013 Immer wieder schlägt uns die Psyche ein Schnippchen: Ob es sich um die verzerrte Einschätzung von Risiken oder die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten handelt - das Unbewusste erschwert uns das Treffen rationalerer Entscheidungen, was offensichtlich Geld kosten kann. Man könnte schlussfolgern, dass wir ohne unsere Gefühle und Emotionen viel bessere Anlageentscheidungen treffen würden. Aber das Gegenteil ist der Fall.
Das Forscherehepaar António und Hanna Damásio hat sein gesamtes berufliches Wirken der Emotionsforschung gewidmet. Die von ihnen begründete Theorie der somatischen Marker besagt, dass alle Erfahrungen eines Menschen gespeichert und bei neu anstehenden Entscheidungen automatisch aufgerufen werden. So werden bestimmte, emotional nicht tragbare Handlungsalternativen durch die oft unbewusst wirkenden somatischen Marker von der bewussten Entscheidungsfindung ausgeschlossen. Damit wird sie nicht nur vereinfacht und beschleunigt, sondern überhaupt erst möglich gemacht. In verschiedenen Versuchen und Studien haben António und Hanna Damásio gezeigt, dass Menschen, die aufgrund von Hirnschädigungen nicht über ein emotionales Gedächtnis verfügen, entscheidungsunfähig sind.
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Zur Bestätigung der Theorie der somatischen Marker führten António und Hanna Damásio unter anderem ein Glücksspielexperiment durch. An diesem Experiment nahmen gesunde Menschen und Menschen mit einer Schädigung des präfrontalen Cortex teil, also des Teils des menschlichen Gehirns, der für die emotionale Steuerung verantwortlich ist.

Gesunden Spieler lernten, schlechte Ergebnisse vorherzusehen

Jeder Versuchsteilnehmer erhielt ein Darlehen von 2000 Dollar mit dem Auftrag, das Geld bestmöglich zu vermehren. Die Probanden konnten Karten von vier Stapeln (A, B, C und D) nehmen. Bei einer Karte aus den Stapeln A oder B gewannen sie 100 Dollar, bei einer Karte der Stapel C oder D dagegen nur 50 Dollar. Nach einer zufällig bestimmten Anzahl von Karten brachte das Aufnehmen einer weiteren Karte bei allen Stapeln einen Verlust. Dieser fiel bei Karten der Stapel A und B mit bis zu 1250 Dollar deutlich höher aus als bei Karten der Stapel C und D mit maximal 100 Dollar. Insgesamt führte das Spielen mit Karten der Stapel A und B langfristig zu Verlusten, während das Spielen mit Karten der Stapel C und D Gewinne abwarf. Zunächst spielten die Probanden beider Versuchsgruppen bevorzugt Karten der Stapel A und B (mit höheren anfänglichen Gewinnen).
Nach etwa 30 Karten lernten die gesunden Teilnehmer, dass die Verluste die Gewinne übersteigen, und wechselten zu den Stapeln C und D. Die hirnverletzten Personen wechselten dagegen nicht die Stapel mit der Folge, dass sie nach etwa der halben Spielzeit bankrott waren. Offensichtlich waren die Menschen mit Schädigung ihres Gehirns, also ohne somatische Marker, nicht in der Lage, aus dem Spiel zu lernen.
Hanna Damásio konnte zudem nachweisen, dass gesunde Spieler schon sehr früh - bevor sie Karten aus den nachteiligen Stapeln zogen - emotional in Form einer Hautleitungsreaktion reagierten. Die gesunden Spieler lernten also, schlechte Ergebnisse vorherzusehen. Diese emotionale Reaktion blieb bei den geschädigten Spielern aus.

Emotionen als hocheffizientes menschliches Betriebssystem

Die Theorie der somatischen Marker wird zwar von einigen Wissenschaftlern kritisch diskutiert, generell aber stimmen Emotionsforscher darin überein, dass Rationalität ohne Emotionen nicht möglich ist. Dass unbewusste Prozesse für die schnelle Entscheidungsfindung unerlässlich sind, zeigt sich allein daran, dass von den etwa 11 Millionen Impulsen, die pro Sekunde allein von den Sinnesorganen an das Gehirn geleitet und dort verarbeitet werden, nur 40 vom Bewusstsein wahrgenommen werden.
Emotionen können also vereinfacht als eine Art hocheffizientes menschliches Betriebssystem verstanden werden, das es dem ungleich langsamer arbeitenden, alle Fürs und Widers abwägenden Verstand überhaupt erst ermöglicht, in angemessener Frist hinsichtlich der gegebenen Umstände und Ziele rationale Entscheidungen zu treffen.
Dennoch können uns Emotionen bei Anlageentscheidungen auch in die Irre leiten. Emotionen sind zwar unerlässliche Bedingungen unseres Urteils- und Handlungsvermögens, sie garantieren aber keineswegs dessen Fehlerfreiheit. Ist die Entstehung bestimmter Emotionen mit problematischen Gefühlen und Erfahrungen verbunden, die sich tief ins Gedächtnis eingegraben haben, so besteht die Gefahr, dass diese bei aktuellen Entscheidungen wachgerufen werden und zu Fehlern führen. Bestimmte, durchaus vorteilhafte Handlungsalternativen werden beispielsweise durch die somatischen Marker von vornherein ausgeschlossen.
Viele der beschriebenen Denkfehler sind dieser Kategorie zuzuordnen. Solche Fehler sind jedoch nicht unvermeidlich, sondern lassen sich durch bewusste Reflexion und ausgiebiges und wiederholendes Lernen korrigieren. Ein anderes Problem kann auftreten, wenn die angelegten, durchaus funktionalen Emotionen nicht problemlos abgerufen werden können oder keine Zeit besteht, neue Emotionen anzulegen. Unter Stressbedingungen - beispielsweise in einer ausbrechenden Finanzkrise - kann es zu solchen Aussetzern des menschlichen Betriebssystems kommen. In solchen Phasen können nachteilige Anlageentscheidungen getroffen werden, weil die somatischen Marker keine ausreichende Filterfunktion übernehmen. Im schlimmsten Fall ist der Anleger gänzlich entscheidungsunfähig.
Lutz Johanning ist Professor an der „WHU - Otto Beisheim School of Management“, Maximilian Trossbach ist wissenschaftlicher Mitarbeiter.


Text: F.A.S.
Bildmaterial: Stephanie Carter/SIS

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