21. Mai 2013

Die Vermögensfrage

Angst und Gier sorgen im Ruhestand für große Unruhe

Von Volker Looman, Reutlingen
22. Dezember 2012 Gut betuchte Senioren zwischen 70 und 80 Jahren sind für viele Banken ideale Kunden. Sie haben Geld, sie sind treu, und sie stellen kaum Fragen. Würden bei der Geldanlage im Alter schlichte Dinge wie Kosten, Risiken und Verfügbarkeit hinterfragt, würden viele Abschlüsse mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zustande kommen. Senioren fehlt aber in zahlreichen Fällen der Mut, ihr Unwissen zu bekennen, so dass beim Umgang mit Geld regelmäßig Pannen, Pech und Pleiten wie zum Beispiel im folgenden Fall drohen.
Ein vermögendes Ehepaar, beide Partner sind jeweils Mitte 70, schiebt seit Jahren einen Betrag von 120000 Euro vor sich her. Mal ist das Geld in Bundesanleihen, mal ist es in Sparbriefe gesteckt worden. Nun müssen die Anlagen erneuert werden, weil die alten Papiere fällig geworden sind. Das ist kein Hexenwerk, doch die Anleger empfinden ihre Lage ganz anders. Die beiden Senioren wissen nicht, was sie mit dem Geld machen sollen. Die Zinsen für neue Wertpapiere sind im Keller. Und der alte Betreuer ist im Ruhestand.
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Die Gier kennt keine Altersgrenze, was die Bank zum Verkauf einlädt

Nun sitzt ein junger Mann auf dessen Stuhl. Er gibt sich redlich Mühe, mit den Herrschaften ins Gespräch zu kommen, aber irgendwie will der Funke nicht überspringen. Der Bankkaufmann erklärt dem Ehepaar, dass es zurzeit für Anleihen nur noch 2 Prozent pro Jahr gebe. Das wissen die Anleger selbst, dafür sind keine gedrechselten Erklärungen nötig. Fatal ist lediglich, dass die Gier keine Altersgrenze kennt. Statt sich mit den Gegebenheiten abzufinden, fordert das Ehepaar mit Nachdruck alternative Anlagen mit höheren Erträgen.
Die Hartnäckigkeit ist für den Berater die Einladung, drei Produkte vorzuschlagen, die auf den ersten Blick nicht schlecht aussehen. 20000 Euro sollen in einen Bausparvertrag fließen, 50000 Euro sollen in einen Immobilienfonds gehen, und 70000 Euro sollen in einen Aktienfonds investiert werden. Das sei die ideale Mischung, erklärt der Verkäufer, weil auf diese Weise alle Bedürfnisse der Senioren abdeckt werden würden: Sicherheit, Ertrag, Rendite. Das Interesse an den Verträgen ist auf beiden Seiten groß, und wer die Gründe erfahren will, braucht nur hinter die Kulissen zu schauen.
Jede Partei ist auf ihre Weise gierig. Nur wird die Bank das bessere Geschäft machen. Sie erhält für die Vermittlung des Bausparvertrages einmalig 1 Prozent, für den Immobilienfonds gibt es sogar 6 Prozent, und bei dem Aktienfonds erhält die Bank neben dem Ausgabeaufschlag von 5 Prozent eine jährliche „Vertriebsfolgeprovision“ von 1 Prozent. Folglich kommen, wenn die Aktien fünf Jahre gehalten werden, insgesamt 10400 Euro oder 8,7 Prozent des Anlagekapitals zusammen.
Darüber machen sich die Senioren freilich keine Gedanken, weil sie nicht einmal im Traum auf die Idee kämen, vor dem Eintritt in den Club der Anleger einmalig 520 Zwanzig-Euro-Scheine auf den Tisch blättern zu müssen. Stattdessen folgen sie „erwartungsvoll“ den Ausführungen des jungen Mannes, der den Anlegern mit salbungsvollen Worten die Vorzüge seines Konzeptes erläutert. Der Bausparvertrag sei die Krankenversicherung für das Eigenheim, der Immobilienfonds überzeuge durch jährliche Ausschüttungen von 5 Prozent, und der Aktienfonds sei mit einer „Zielrendite“ von 6 Prozent die beste Waffe im Kampf gegen die Inflation.

Der Bausparvertrag ist überflüssig, der Immobilienfonds ein Gefängnis

Der Vorschlag ist für Beobachter mit gesundem Menschenverstand ein Rohrkrepierer. Der Bausparvertrag ist überflüssig wie ein Kropf. Der Immobilienfonds, eine geschlossene Beteiligung, ist ein Gefängnis, aus dem die Anleger zu Lebzeiten mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht mehr herauskommen werden, und der Aktienfonds ist einfach viel zu teuer. Daher kann von „altersgerechter“ Geldanlage beim besten Willen keine Rede sein.
Die Merkwürdigkeiten beginnen bei dem Bausparvertrag, einem Schnelltarif, der in zwei Jahren zugeteilt werden soll. Mit dieser Versicherung könne, wie sich der Berater ausdrückt, das alte Eigenheim mit Hilfe eines zinsgünstigen Darlehens wieder auf Vordermann gebracht werden. Wer die Sache prüft, wird aber schnell merken, dass der Vorschlag grober Unfug ist. Natürlich kommen nicht nur Anleger, sondern auch Häuser in die Jahre, so dass von Zeit zu Zeit größere Renovierungen nötig sind. Fragwürdig ist nur die Haltung, warum die Modernisierungen auf Kredit bezahlt werden sollen. Wer heute 75 Jahre alt ist und kein Geld hat, muss eben in die alte Badewanne steigen. Umgekehrt sollten Anleger, die Vermögen besitzen, in diesem Alter keine Darlehen mehr aufnehmen. Im fortgeschrittenen Ruhestand sind allfällige Renovierungen des Eigenheims entweder bar zu bezahlen oder zu unterlassen, alles andere ist vom Übel.
Übel ist auch der Immobilienfonds. Liegenschaften sind solide Anlagen, wenn der Rahmen passt. Sobald jedoch 10 oder 15 Prozent der Beteiligung in den Taschen anderer Menschen verschwinden, müssen Zweifel erlaubt sein, ob sich die Sache für die Anleger lohnen wird. Hinzu kommt die Tatsache, dass die geschlossenen Immobilienfonds wenig Freiheit bieten. Wer diesen Vereinen beigetreten ist, hat in der Regel keine Chance mehr, lebend wieder heraus zu kommen.

Der Aktienfonds kostet leicht ein kleines Vermögen

Fragwürdig ist auch der Vorschlag mit dem Aktienfonds. Erstens kostet der Einstieg ein kleines Vermögen, zweitens dürfte die Verwaltung ihr Geld kaum wert sein, und drittens steht in den Sternen, was in den nächsten Jahren aus Aktien werden wird. Das ist ein bisschen viel Ungemach auf einmal, so dass die Anleger von dieser Mischung, die eher dem Wohl der Bank dient, besser die Finger lassen sollten. Da gibt es bessere Lösungen.
Statt der schnellen Unterschrift unter die Verträge sollten sich die Senioren eine kleine Auszeit auf Föhr oder Norderney gönnen. Dort können sie bei strammen Wanderungen durchs Watt ihren Gedanken freien Lauf lassen, was mit den 120000 Euro geschehen soll. Abends können die Überlegungen bei mäßigem Genuss von Rotwein zu Papier gebracht werden. Das Thema des Besinnungsaufsatzes lautet: Welche Versicherungen und Geldanlagen braucht der Mensch im Alter von 75 Jahren?
Die Versicherungen lassen sich an den Fingern einer Hand abzählen: Autohaftpflicht, Privathaftpflicht, Krankenkasse, Gebäudeversicherung und Hausrat, fertig ist die Laube, mehr ist nicht notwendig. Weshalb brauchen ältere Menschen eine Unfallversicherung? Wofür dient im Ruhestand eine Rechtsschutz-Versicherung? Und warum soll eine Pflegezusatzversicherung abgeschlossen werden, wenn die Senioren genug Geld haben, um die Pflege selbst bezahlen zu können?

Ein wenig Vertrauen ins Leben ist häufig besser als eine Versicherung

Die Antwort wird in allen Fällen lauten, dass es um den verzweifelten Versuch geht, Ängste und Sorgen zu besiegen. Die Menschen haben Angst vor der Inflation, und sie haben Sorge um ihre Gesundheit, doch es ist zweifelhaft, ob Policen die passende Versicherung sind. Ein Blick auf das Vermögen und das Vertrauen in das Leben sind die besseren Lösungen. Die Summe des Bargeldes, bestehend aus Girokonten, Sparbüchern und Termingeldern, beträgt 50000 Euro. Dann kommen die Anleihen im Wert von 120000 Euro. Die gesetzlichen Renten betragen 3000 Euro pro Monat; das entspricht bei einer Restlaufzeit von zehn Jahren einem Kapitalwert von 312000 Euro. Das Eigenheim ist 250000 Euro wert. In den Aktiendepots liegen 100000 Euro. Und in einem Schließfach in der Schweiz liegt Gold mit Wert von 50000 Euro. Das führt unter dem Strich zu einer Summe von 882000 Euro.
Dieser stolzen Summe stehen Kredite gegenüber. Das mag sich im vorliegenden Fall merkwürdig anhören, weil die Senioren ihre Bankkredite längst getilgt haben. So einfach ist die Sache aber freilich nicht. Schulden sind auch offene und verborgene Wünsche. Falls im Haus das Bad und die Küche für 40000 Euro renoviert werden soll, ist das eine latente Schuld. Die Notwendigkeit, in einem Jahr ein neues Auto zu kaufen, das 30000 Euro kostet, ist eine klare Schuld. Der Traum von der Weltreise, die sündhafte 20000 Euro kostet, dürfte zu den verborgenen Schulden zählen. Und was ist mit den Zuwendungen für die Kinder und Enkel?
Die kleine Liste mit den großen Positionen ist Fluch und Segen zugleich. Sie ist ein Fluch, weil das Leben eben Geld kostet, und sie ist ein Segen, weil die Ausgaben die Senioren, welche den Mut haben, die Träume in die Wirklichkeit umzusetzen, von vielen Geldsorgen befreit. Warum der Bausparvertrag, wenn Geld für das Bad benötigt wird? Weshalb ein Immobilienfonds, wenn das Geld für das Auto gebraucht wird? Wieso der Aktienfonds, wenn die Weltreise angesagt ist?
Die Aufstellung der Anlagen und Wünsche sind die Voraussetzung, um die richtige Struktur des Vermögens zu finden. Das Vermögen beträgt 882000 Euro. Davon abzuziehen sind das Eigenheim (250000 Euro) und der Rentenanspruch (312000 Euro), weil diese Positionen, vor allem der zweite Wert, starr und unverrückbar sind. Nun kommt die „Schuldenliste“ an die Reihe. Die Summe der Träume möge 90000 Euro betragen. Das ist weder viel noch wenig, das ist weder gut noch schlecht, das sind im Moment eben 90000 Euro. Folglich beträgt das restliche Vermögen noch 230000 Euro. Und was soll mit diesem Geld passieren?
Die schlechtesten Anlagen sind Angst und Sorgen. Das ist zwar eine Binsenweisheit, aber im fortgeschrittenen Alter erscheint manche Weisheit in neuem Licht. Hier kommt die Angst hoch, zum Pflegefall zu werden. Da flammt die Sorge auf, wie das Testament gestaltet werden soll. Und was passiert mit den Geldanlagen, wenn der Euro verreckt, wie der Schwabe, von Natur aus deftige Worte liebend, zurzeit voller Wut fragt? Dann verreckt er eben, und das Leben wird mit einer anderen Währung weitergehen.

Auch unbegründete Geldsorgen können die Gesundheit ruinieren

So verständlich die Sorgen und Nöte der älteren Herrschaften sind, so können die Ängste und Bedenken die Gesundheit ruinieren. Es geht im vorliegenden Fall um die Anlage von 26 Prozent des Vermögens. Derzeit gibt es für Produkte, welche ein Mindestmaß von Sicherheit erwecken, höchstens 1 bis 2 Prozent pro Jahr. Viel wichtiger als die 2300 bis 4600 Euro pro Jahr sind freilich zwei Erkenntnisse. Erstens kommt es darauf an, die 230000 Euro zu erhalten, und zweitens sollten sich Anleger bei dem Wunsch nach Sicherheit von der Vorstellung verabschieden, mit Geld auch noch Geld verdienen zu können.
Wenn der Wunsch nach Sicherheit oberste Priorität hat, kommen Girokonto und Sparbuch in Frage. Alternativ ist es denkbar, 30000 Euro auf das Girokonto zu legen und die restlichen 200000 Euro in fünf Sparbriefe à 40000 Euro mit Laufzeiten von 12 Monaten bis fünf Jahren zu stecken. Mutige können das Geld zu gleichen Teilen auf zehn Anleihen und zehn Aktien à 10000 Euro verteilen. Ob das freilich das richtige Mittel für den geruhsamen Schlaf im Alter ist, steht auf einem anderen Blatt. Vermutlich ist es besser, sich in einem weiteren Aufsatz mit der Frage zu beschäftigen, was einen zur Zeit wirklich umtreibt, was auf dieser Welt noch zu erledigen ist. Das irdische Leben ist keine endlose Veranstaltung.
Der Autor ist Finanzanalytiker in Reutlingen


Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Kai

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