22. Mai 2012

F.A.Z.-Romane der Woche

Produziert ihr Kälte, ich produzier’ Wärme

09. Juli 2011 Es ist nie alles gesagt. Doch ab und zu erscheint ein Buch, das es zumindest versucht, das die Wesenssumme seines Autors zieht – im vollen Bewusstsein, dass sich dieser, seit er das Werk vollendet hat, schon wieder weiterbewegt, sich abermals verändert und weiter mit Leben, mit Stimmungen, Gedanken, Wissen angereichert haben wird. So ein Buch ist „Muttersohn“, der in der kommenden Woche erscheinende neue Roman von Martin Walser: der Abguss einer quicklebendigen Skulptur.
Wohl kein anderer deutscher Autor der Gegenwart hat sich so oft selbst das Fell über die Ohren gezogen und ist dabei so unverwechselbar er selbst geblieben: eins und doppelt, Umriss und Schatten. In „Muttersohn“ bündelt Walser nun all seine großen Themen, und das mit einem Intensitäts- und Identifikationsfuror sowie einer Sprachenergie, die alles tut, um die ihn schreckende Kategorie Alterswerk zu sprengen.
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Es ist ein Hauptwerk voller Hauptfiguren. Wie bei Walser gewohnt sind schon deren Namen Schlüssel. Der „Muttersohn“, dessen Evangelium hier erzählt wird, ist Anton Parcival Schlugen, genannt Percy, einziger Sohn von Josefine, genannt Fini. Ein Mann war für seine Geburt im Jahr 1977 nicht nötig: So hat Fini es Percy gesagt, und der Sohn hat den Glauben der Mutter zu seinem eigenen gemacht. Zum Glauben begabt wie andere zur Musik, sind ihm Zweifel fremd: „Ich bin ein Echo und weiß nicht, von was.“

Die souveränste Figur des Romans

Von der Liebe Finis in Einzigartigkeit gebadet und von wundersamen Ereignissen bestätigt, ist Percy beseelt von einem „Zu-viel-Gefühl“, das er teilen und mitteilen will. Der „Engel ohne Flügel“, als der er sich begreift, ist gelernter Krankenpfleger, seine Heilmethode eine das Gegenüber umfassend bestätigende Anwesenheit. Der Bejahte gibt die Zustimmung, die ihn einhüllt, an andere weiter. Die Wirkung ist enorm: „Du bist die Erleichterung“, wie es einer ausdrückt. Percy hingegen nennt es messianisch: „Ich sage nicht, was ich weiß. Ich sage, was ich bin.“
Der Roman setzt ein mit Percys Rückkehr ans Psychiatrische Landeskrankenhaus Scherblingen, das der gleichnamigen Abtei angegliedert ist. Patres, Patienten und Angestellte sind dort nicht unbedingt voneinander zu scheiden; schließlich neigt die Medizin ebenso zum Wahn wie der Glaube. Hier in der schönen Bodenseeregion wurde Percy einst ausgebildet von Professor Augustin Feinlein, hier ist er aufgrund seiner unkonventionellen Heilungserfolge ein Star. Nun hat Feinlein ihn bei einem besonders schweren Fall zu Hilfe geholt: ein Selbstmordkandidat, an den kein Herankommen ist. Sein Name ist Ewald Kainz, und wie sich herausstellt, hat Percy seit Jahren darauf gewartet, genau diesem Mann seine Geschichte zu erzählen, die in erster Linie die der Herkunft und der Josefs-Ehe seiner Mutter Fini ist, der souveränsten Figur dieses Romans.

Wiedersehen mit Professor Feinlein

Trotzdem bildet Percy in seiner heiteren Güte das helle Zentrum dieses Buchs. Ihn umkreisen zahlreiche weitere ausladende Charaktere. Ewald Kainz steht Percy als der Verneinte gegenüber. Kaum geboren, wollte die Mutter ihn ersticken; als Kind wurde er im Erziehungsheim vom Pfarrer verprügelt, als Lehrer unter Ideologieverdacht entlassen. Zwei Selbstmordversuche sind fehlgeschlagen, der dritte hat ihn nach Scherblingen gebracht. Kainz, einst ein eloquenter Redner, dem eine hingerissene Fini an einem Wintertag des Jahres 1973 einmal während einer Demonstration das Mikrofon gehalten und danach zahllose, niemals abgeschickte Briefe geschrieben hat, wurde zum Stotterer. Erst durch die Liebe der Chorleiterin und Logopädin Elsa fand er seine Stimme wieder. Ihre Ehe ähnelte einer einvernehmlichen Umklammerung, bis der Motorradlehrer Ewald die Psychotherapeutin Silvia kennenlernt und damit in einen tödlichen Zwiespalt gerät: „Silvi immer wieder. Elsa immer.“
Percys Mentor Prof. Dr. Dr. Augustin Feinlein kennen Walser-Leser aus „Mein Jenseits“, jener Novelle, die im Frühjahr vergangenen Jahres bereits einen Vorgeschmack auf diesen Roman bot und uns darin nun unverändert wiederbegegnet. Obwohl kompositorisch das ausgereifteste Kapitel, ist Feinleins Passion für „Muttersohn“ nicht so wesentlich wie seinerzeit vermutet. „Mein Jenseits“ erscheint eher als Variation des Leitmotivs in einer anderen Tonart. Denn auch Feinlein ist ein Verlassener: Die Frau, die er liebt, hat seinen Rivalen geheiratet, der ihm dann auch noch das Amt des Klinikdirektors raubt. Doch Feinlein hat einige für das Verständnis des Romans hilfreiche Sätze zu sagen: „Glauben heißt, die Welt so schön machen, wie sie nicht ist.“

Am Ende gibt es Schuldige zuhauf

Es ist, als wollten Walsers Helden sämtlich testen, wie weit die Liebe trägt. „Muttersohn“ erzählt vom Glauben als der Sehnsucht nach absolutem Angenommensein auf Erden. So lässt sich das Buch auf vielen Ebenen lesen: messianisch als Roman über vaterunabhängige Söhne und ihre Mütter. Als Geschichte über die ewige Mangelhaftigkeit der Liebe zwischen Männern und Frauen. Als Klage des Autors über sein Waisentum angesichts einer bestenfalls stiefmütterlichen Kritik. Und als Erneuerung von Walsers lebenslangem Glaubensbekenntnis: „Sprache ist nie bloß Mittel, sie ist immer auch Zweck.“ Dass sogar er den Zweck nicht immer beherrscht: das ist Walsersche Demut.
Zum Streben nach Geborgenheit gehört unausweichlich die – im Falle dieses Autors höchst produktive – Angst vor Abhängigkeit. Erst der Tod als „größtmögliche Distanz zu allem“ erscheint Walsers „Nichtbeisichbleibenkönnern“ als mögliche Erlösung aus dem ewigen Kreislauf des Angezogenseins und Sich-weggestoßen-Wähnens. „Muttersohn“ strotzt nur so vor Existentialismen, Sätzen, die zu gut, zu wahrhaftig, zu markant sind, um nicht aufgeschrieben zu werden, auch von Formulierungen, bei denen einem mulmig werden kann. Als Martin Walser vor wenigen Tagen im „Stern“ ankündigte, sich, wenn es so weit sei, in der Schweiz einen „anständigen Tod servieren“ lassen zu wollen, spiegelten sich darin die Sterbephantasien von Ewald Kainz, nach dessen schließlich doch gelungenem Selbstmord Percy schreibt: „Es gibt Handlungen, die überhaupt nicht verantwortet werden müssen. Das darf sein: eine Handlung, die geschehen ist, ohne dass es dafür einen Schuldigen geben kann.“ Wobei es am Ende von „Muttersohn“, dessen disparate Erzählstränge zum Ende hin radikal, ja geradezu brachial in einer Art Massensterben zusammengeführt werden, Schuldige zuhauf gibt – aber für deren Seelenheil ist der Roman dann konsequenterweise nicht mehr zuständig.

Ein exemplarisches Textschicksal

Zum Glück für den Leser ist die höhere Heiterkeit des „Wärmeproduzenten“ Percy über die weiteste Strecke aber auch die seines Schöpfers, dem über dem Sinn für Wunder der für Witz nie abhandenkommt, von zärtlich bis ätzend. In „Muttersohn“ bekommen die Spitzen vor allem die „Heruntermacher“, stellvertretend für seine bisherigen und künftigen Kritiker, zu spüren, denen Percy unter anderem bei einem denkwürdigen Auftritt in einer Talkshow Saures gibt.
Außerdem wohnt unterm Dach der Anstalt Innozenz, Betreiber der Ofenküche und Erfinder der „Scherblinger Anthologie“ sowie eines Schredders namens Oblomov. Innozenz hat eine Mission: „Die Scherblinger Anthologie ist die einzige Anthologie der Welt, in der keine Zeile veröffentlicht wird, die schon sonst wo zu lesen war! Gut, gell?“ Sein Oblomov ist programmiert, „keine einzige Zeile ungelesen“ zu vernichten. Denn: „Percy, es ist alles EIN TEXT. Keiner und keine darf ausgeschlossen sein.“ Jetzt muss nur noch ein Preis „für das beste Stück der Schredder-Literatur“ her. Innozenz schwebt vor, dass eine prominente Jury den Text laudiert und dem Autor 50 000 Euro überreicht, „dann wird der Text vom Laudator Oblomov übergeben. Die Jurymitglieder sind verpflichtet, über den preisgekrönten und oblomovisierten Text keinerlei Mitteilung zu machen. So wird ein exemplarisches Textschicksal aufgeführt.“

Kompromisslosigkeit im Alterswerk

Innozenz, der den „Irrgarten der Wörter wieder zum Paradies“ machen will, hat Walsers ganze Sympathie. Denn als Glaubensbuch ist dieser Roman natürlich auch ein großes Brausen der literarischen Götter des Autors. Fini, die Ergriffene und Ergreifende, spricht als Iphigenie, ihr Mann, der aller Welt misstrauende Hugo, als Arno Schmidt. Elsa singt den Simon aus Händels Oratorium „Judas Maccabaeus“, und Percy ist als Zungenredner mit Mystikern wie Augustinus, Heinrich Seuse, Jakob Böhme und Emanuel Swedenborg im Bunde. Und mittendrin steht Martin Walser als inbrünstiger Beglaubiger Hölderlins und Kleists, hingerissen vom Dasein als „einer unendlichen Folge von Augenblicken, Stimmungen, die sich eben nicht in ja oder nein spalten lassen“, wie er es früher einmal ausgedrückt hat.
Am Ende stellt der Roman natürlich auch dem Leser die Glaubensfrage. Nicht nur die Welt ist schöner, wenn man ihr zustimmend begegnet, auch Literatur erlebt sich anders, wenn man dem Autor vertraut. Gewiss: Nach einem so geschlossenen Roman wie „Ein liebender Mann“ wirkt „Muttersohn“ streckenweise wie ein ungefüger Brocken. Nein, Walser ist nie eindeutig. Und legt sich doch dauernd fest, jede Aussage ist so wahr wie kurz darauf ihr Gegenteil. Aber wie die besten Alterswerke lebt auch dieses von der Kompromisslosigkeit, vom Wissen um die Endlichkeit, der unverstellten Dringlichkeit seiner Aussagen. Als Evangelium stellt dieses Werk keine Frage – es ist.
„Bekenntnisse kennen keine Vergangenheit und keine Zukunft, sondern nur den Augenblick, in dem sie ausgedrückt werden“, sagt Percy. Im Fall von „Muttersohn“ währt der Augenblick, solange dieser Roman gelesen wird – also für sehr lange Zeit.
Felicitas von Lovenberg

Martin Walser: Muttersohn. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2011. 505 S., geb., 24,95 Euro.





Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Verlag

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