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Arbeitslosigkeit kaum ein Thema
In Deutschland sind Akademiker vollbeschäftigt
Von Sven Astheimer
04. März 2011 Die Klagelieder klingen schon wieder wie früher. Der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche gehen dicke Aufträge verloren, nur weil das nötige Personal nicht mehr zu finden ist, heißt es vom Branchenverband Bitkom. Fast zwei Drittel aller Unternehmen litten unter einem Mangel an Experten, war zuletzt auf der Fachmesse Cebit in Hannover zu hören. Damit sei das Vorkrisenniveau schon wieder erreicht. Auch wenn die Gehälter zuletzt laut einer Studie der IG Metall im Durchschnitt nur um 1,5 Prozent gestiegen sind, was noch nicht auf einen echten Mangel hinweist, gilt doch unter Marktbeobachtern als unstrittig, dass die Berufsaussichten für Informatiker und Softwareingenieure derzeit schon glänzend sind und auf absehbare Zeit sogar noch besser werden.
Selbst wenn die Perspektiven nicht immer so rosig sind wie für Computerspezialisten, so gilt doch generell: Wer einen Abschluss einer Universität oder einer Fachhochschule in der Tasche hat, der muss sich um seine berufliche Zukunft kaum sorgen. Gerade hat der Technologiekonzern Bosch angekündigt, in diesem Jahr rund 1200 Akademiker einstellen zu wollen. „Am Arbeitsmarkt für Akademiker ist von der Krise kaum mehr etwas zu sehen“, sagt Judith Wüllerich. Die Expertin der Bundesagentur für Arbeit stützt ihre Aussagen auf aktuelle Zahlen aus ihrem Haus. Demnach haben im vergangenen Jahr die Unternehmen mehr als 120.000 offene Stellen für die Zielgruppe gemeldet. Das waren knapp 5 Prozent mehr als im Krisenjahr 2009 und fast so viel wie zum Ende des vergangenen Aufschwungs.
Wüllerich unterscheidet die gefragten Qualifikationen in zwei Gruppen: Auf der einen Seite stehen Abschlüsse als Ingenieur, Unternehmensberater, Volks- und Betriebswirt, die vom Wirtschaftseinbruch stark betroffen waren. Weil viele Unternehmen etwa aus der Industrie mit Kurzarbeit ihren Personalstamm zusammenhielten, gingen die Neueinstellungen 2009 kräftig zurück. Dank der wirtschaftlichen Erholung hätten diese Teilmärkte im vergangenen Jahr wieder deutlich angezogen. Zum anderen gab es konjunkturunabhängige Berufe wie Ärzte, Lehrer oder Sozialarbeiter, die weder die Talfahrt noch den Aufschwung richtig mitmachten. In diesem Bereichen spiele die öffentliche Hand als Arbeitgeber eine starke Rolle und damit bestimme die Lage der Haushalte die Nachfrage deutlich.
Es kann von Vollbeschäftigung gesprochen werden
Akademiker sind so begehrt, dass ihre Arbeitslosenquote mit 2 bis 3 Prozent weniger als die Hälfte des Gesamtwertes beträgt und von Vollbeschäftigung gesprochen werden kann. „Arbeitslosigkeit ist für diese Gruppe kein Thema“, sagt Wüllerich. Das sieht auch Kolja Briedis vom Hochschul-Informationssystem (HIS) so. Akademiker hätten den Vorteil, dass sie sich auch nach Tätigkeiten unterhalb ihrer Qualifikation umsehen könnten, während ein angelernter Verkäufer nicht eben mal für einen Führungsposten in der Verwaltung in Frage komme.
„Entgegen häufiger Behauptungen sind die meisten Akademiker jedoch nicht dazu gezwungen, sich unter Preis am Arbeitsmarkt anzubieten“, sagt Briedis und belegt dies mit Erhebungen des HIS. Demnach gaben 60 Prozent der Befragten an, dass ihre erste Stelle ihrer Ausbildung adäquat sei. Ein Jahr später trafen zwei Drittel diese Aussage und nach zehn Jahren waren es sogar drei von vier. Allerdings gibt Bridies zu bedenken, dass fachgerechte Tätigkeit auch im Zusammenhang mit den Karriereverläufen stehe. Ein Ingenieur könne in den ersten Berufsjahren Häusern, Autos oder Brücken konstruieren. Wenn er später „Karriere macht“ und eine Führungsposition übernimmt, ersetzen Managementtätigkeiten mehr oder weniger stark seine bisherigen Aufgaben. Für Mediziner sei es dagegen normal, dass auch der Chefarzt einer chirurgischen Abteilung weiter operiere.
Bridies, der der damaligen Diskussion um die angebliche Generation Praktikum den Wind aus den Segeln nahm, indem er anhand von Zahlen nachwies, dass es sich allenfalls um ein Branchen- und nicht um ein Massenphänomen handelte, sieht nach wie vor keine Anzeichen dafür, dass viele Akademiker sich nur über schlecht oder gar nicht bezahlte Praktika in den Arbeitsmarkt eingliedern könnten. Zwar sei es für Geisteswissenschaftler schwieriger Fuß zu fassen als etwa für Ingenieure oder Naturwissenschaftler. „Große Gehaltsabstriche muss aber niemand machen.“ Mit 15.000 oder 20.000 Euro im Jahr gehe niemand nach Hause, „das liegt deutlich drüber“, verrät Bridies, der derzeit eine aktuelle Untersuchung zu dieser Frage auswertet. Also Hauptsache Akademiker? Im Prinzip ja, sagt Bridies.
Studieren, was den Neigungen entspricht
Auch Judith Wüllerich von der Arbeitsagentur sagt: „Ein abgeschlossenes Studium ist eine sehr gute Grundlage für einen erfolgreichen Start ins Berufsleben.“ Studiert werden solle in erster Linie das, was den persönlichen Fähigkeiten und Neigungen entspricht, nicht was die besten Gehalts- oder Karrierechancen verheiße. Dies bedeute allerdings nicht, dass eine gründliche Beratung vor der Auswahl des Studienfaches, wie sie alle bundesweit knapp 180 Arbeitsagenturen anbieten, überflüssig sei. Im Gegenteil, es sei wichtig, sich über Besonderheiten der Fachrichtungen im Klaren zu sein.
Für Geistes- und Sozialwissenschaftler sei es wichtig zu lernen, sich und ihre Fähigkeiten gut zu verkaufen. Denn gerade in guten Konjunkturphasen seien Arbeitgeber bei schrumpfendem Angebot bereit, Kompromisse einzugehen und statt des Betriebswirtes vielleicht einen Kommunikationswissenschaftler einzustellen, wenn dieser glaubhaft rüberbringen kann, dass er die gewünschten Fähigkeiten im Wissensmanagement oder Informationsbeschaffung vorweisen kann. Wer wiederum auf Lehramt studiere und kein Interesse an einem größeren Wohnortwechsel habe, der solle sich beim jeweiligen Kultusministerium über den erwarteten Bedarf informieren und welche Fächerkombinationen gefördert werden. Und Freiberufler wie Mediziner, Juristen oder Architekten sollten sich die Frage stellen, ob sie später bereit sind, sich selbständig zu machen.
Nicht zuletzt könne ein Beratungsgespräch auch völlig neue Optionen aufzeigen, findet Wüllerich. Ein junge Frau, die eine kreative Tätigkeit suche, denke vielleicht nicht sofort an ein Chemiestudium. Die Gestaltungsmöglichkeiten in der Kosmetikbranche hätten aber schon so manches Interesse für Naturwissenschaften geweckt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cyprian Koscielniak / F.A.Z., F.A.Z.
© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2012.
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