25. Mai 2013

Unruhen in Burma

Eine Stadt im Ausnahmezustand

Von Till Fähnders, Sittwe
20. August 2012 Es gibt derzeit nur eine Straße im Stadtgebiet von Sittwe, in der noch Rohingyas leben. Sie wird streng bewacht. Am Eingang stehen zwei etwa eineinhalb Meter breite Barrikaden, deren Holzbalken mit Stacheldraht überzogen sind. Ein alter Soldat gestikuliert mit den Händen, um den Journalisten aus dem Ausland aufzuhalten. Der Soldat trägt einen grünen Helm, grüne Uniform und ein Gewehr. Zwei bewaffnete Polizisten in grau-blauen Uniformen kommen hinzu.
Als die Rohingyas in ihren Häusern den Besucher bemerken, stecken immer mehr von ihnen die Köpfe aus Türen und Fenstern. Männer mit weißen Kappen auf dem Kopf und in langen weißen Hemden kommen die matschige Straße heruntergelaufen, ein paar junge Männer drängen sich neugierig an die Seite. „Wir sind Rohingyas“, sagt einer. Doch der Soldat und die Polizisten werden nervös, bis schließlich ein Mann in Zivil auftaucht und den Ausländer grob an die Seite drängt.
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Tiefempfundene Abneigung

Die Rohingyas sind ein Volk, dessen Existenz von der burmesischen Regierung und großen Teilen der Bevölkerung geleugnet wird. Sie sehen sie als illegale Einwanderer, die in den vergangenen Jahrzehnten aus dem angrenzenden Bangladesch in den Rakhaing-Staat im Westen Burmas gekommen seien. Dabei leben einige schon seit Generationen hier. Doch ist unter Burmesen offensichtlich eine tiefempfundene Abneigung gegenüber diesen burmesischen Muslimen verbreitet
.
Im Juni kam es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Rohingyas und einer anderen ethnischen Bevölkerungsgruppe, den buddhistischen Rakhaing. Nach offiziellen Angaben sind etwa 80 Menschen getötet worden. Laut den Vereinten Nationen sind seither bis zu 80.000 Menschen auf der Flucht und leben größtenteils in temporären Flüchtlingslagern. Auch zwei Monate nach den Unruhen hat die Regierung für sie noch keine Lösung gefunden.

Wohnsiedlungen in Flammen

In der Regionalhauptstadt Sittwe, die am Golf von Bengalen liegt, sind die Spuren der Kämpfe nicht zu übersehen. Es klaffen Lücken im Stadtbild, etwa dort, wo Rakhaing die Moscheen der Rohingyas zerstörten und niederbrannten. An einem Küstenstreifen liegen Schutt und Asche über mehrere hundert Meter verstreut. Hier sollen zuvor 2000 Rohingyas gelebt haben, die meisten von ihnen waren Fischer. Die lodernden Flammen hätten die gesamte Wohnsiedlung eingehüllt, berichtet ein Nachbar. Er habe um sein Leben gefürchtet.
Noch katastrophaler scheint die Zerstörung in einem Viertel mit dem Namen Narzi. Auf einer Fläche der Größe mehrerer Fußballfelder steht kein einziges Gebäude mehr. Hier haben die Behörden die Überreste der abgebrannten Häuser offensichtlich schon beseitigt. Links und rechts der Straße sollen insgesamt 10.000 Menschen gelebt haben, hauptsächlich Rohingyas, aber auch ein paar Rakhaing.
An einer anderen Stelle am Stadtrand liegen noch umgestürzte und verkohlte Palmen und Häuserreste auf einem Feld. Es haben sich Narben in der urbanen Struktur und auf den Seelen ihrer Bewohner gebildet, die wahrscheinlich nicht so schnell verheilen werden. Die Lage ist sehr unübersichtlich, wie auch ein westlicher Beobachter sagt. Eine klare Unterscheidung zwischen Opfern und Tätern sei nicht möglich. Schließlich sollen sich sogar die Sicherheitskräfte an Greueln an den Rohingyas beteiligt haben.
Am Wochenende hat der Präsident nun immerhin eine nationale Kommission beauftragt, die Unruhen und ihre Hintergründe zu untersuchen. Damit kommt er Forderungen aus dem Ausland entgegen. Vor allem muslimische Staaten und Gruppen hatten zuletzt scharfe Stellungnahmen veröffentlicht. Das bringt negative Publicity und kommt für die Regierung zum völlig falschen Zeitpunkt. Denn schließlich bemüht sich Präsident Thein Sein gerade darum, aus dem Paria-Staat eine respektable Demokratie zu machen. So wurde am Montag etwa die Abschaffung der Pressezensur in Burma verkündet.

Ausgemergelte Kinder in Lagern

Die Wahrheit über die Hintergründe des Konflikts wird aber nur eine unabhängige Untersuchung mit internationaler Beteiligung ans Licht bringen können. Doch die burmesische Regierung verfolgt einen Kurs irgendwo zwischen oberflächlicher Transparenz und Verschleierung. Sie erlaubte Diplomaten einen von ihr kontrollierten Besuch in einem der Rohingya-Lager. Doch ausländische Journalisten werden nur mit einer schwer erhältlichen Genehmigung hineingelassen. Ein Filmteam des britischen Senders Channel 4 konnte vor kurzem ein paar Aufnahmen in einem der Lager machen. Die Journalisten fanden ausgemergelte Kinder vor und wurden mit beschrifteten Schildern empfangen, auf denen die Rohingyas um Hilfe baten.
Im Gegensatz zu den Rohingya-Lagern stehen die Orte, an denen Flüchtlinge der buddhistischen Rakhaing untergebracht sind, Besuchern weitgehend offen. Am Rand von Sittwe stehen in dem Dorf Mingan zwei Reihen eilig aufgebauter Bambushütten. Einige der buddhistischen Rakhaing-Familien, die hier wohnen, stammen aus dem zum Trümmerfeld verkommenen Viertel Narzi. Seit einem Monat leben sie dort, davor waren sie in einem der buddhistischen Klöster untergekommen. „Wir können nicht zurück, weil unser Haus von Rohingyas niedergebrannt wurde“, sagt eine Frau. Alle ihre Besitztümer habe sie zurücklassen müssen.

Einig im Hass

Sieben Familienmitglieder leben nun in einem engen Raum. Pro Tag und Person gibt es einen Becher Reis, wie die Frau sagt. Ähnlich einfach leben auch die 140 Rakhaing-Flüchtlinge, die weiterhin in einem der buddhistischen Klöster untergebracht sind. Die meisten schlafen auf dem nackten Boden in einer Gebetshalle.
Allerdings bekommen die Rakhaing-Flüchtlinge in Sittwe auch Spenden reicher burmesischer Buddhisten. Und sie können sich auf die Solidarität der anderen Rakhaing verlassen, die nun stärker als zuvor die Wirtschaft in der Stadt prägen und sich in ihrem Hass auf die Rohingyas ziemlich einig sind. Die Buddhisten können sich am Tag frei in der Stadt bewegen.
Dagegen sind viele Rohingyas in den Lagern außerhalb Sittwes völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Sie sind entweder auf die Lebensmittellieferungen der Hilfsorganisationen angewiesen oder müssen Reis von den Sicherheitskräften kaufen. Sie können sich nicht mehr in die Stadt wagen, weil Übergriffe drohen. Umgekehrt traut sich kein Rakhaing ohne Militäreskorte in die Nähe der Rohingyas.

Nächtliche Ausgangssperre

Und so ist Sittwe auch zwei Monate nach den Unruhen nach wie vor eine Stadt im Ausnahmezustand. Die nächtliche Ausgangssperre wurde vor kurzem lediglich auf die Zeit von 19 Uhr bis zum Morgen um fünf Uhr verkürzt. In der Abenddämmerung leeren sich langsam die Straßen, die Händler schließen die Rollläden, die Fahrradfahrer, Motorradfahrer und Fußgänger eilen zurück in ihre Häuser.
An einer Ecke der Hauptstraße haben sich Tausende Krähen auf den Palmen und Bäumen versammelt. Sie krächzen laut und fliegen in dichten dunklen Schwärmen in den Himmel hinauf. Bevor die Nacht hereinbricht, gesellen sich auch noch Hunderte Flughunde hinzu, die den Tag über in den Bäumen gehangen hatten. Im gelben Schein der Straßenlaternen sind am Ende keine Menschen mehr zu sehen, nur noch ein paar umherstreunende Hunde.

Ein Testfall für die Regierung

Vor allem die Wirtschaft in der Region hat unter den Bedingungen immer mehr zu leiden. „Rohingyas und Rakhaing haben viele Geschäfte miteinander gemacht, diese Verbindung gibt es nun nicht mehr“, sagt ein Angehöriger der Rakhaing. Wie viele hier beschuldigt er die Rohingyas, ihre eigenen Häuser selbst angezündet zu haben. Ein anderer sieht das Grundproblem in dem schnellen Bevölkerungswachstum unter den muslimischen Rohingyas, deren Männer teilweise mehrere Frauen und viele Kinder hätten.
Ein westlicher Beobachter sagt, die Regierung habe die Schwierigkeiten zwischen den Muslimen und den Buddhisten zuvor vernachlässigt. Nun zeige sie sich „für ihre Verhältnisse“ aber relativ offen. Sie konzentriere sich außerdem mit Recht zunächst auf die humanitäre Hilfe. Jedoch bestehe die Gefahr, dass sich die Fronten weiter verhärten könnten. Das Ganze sei auch eine Art Testfall für die Regierung.

„Von Rohingya-Dörfern umzingelt“

Damit es nicht zu neuen Zwischenfällen kommt, hat die Polizei dort, wo die beiden Gruppen aufeinandertreffen könnten, unsichtbare Demarkationslinien durch die Landschaft gezogen. In dem Dorf Mingan außerhalb von Sittwe zeigen rote Fahnen an, wohin sich kein Muslim mehr verlaufen darf. Sie seien dort regelrecht „von Rohingya-Dörfern umzingelt“, wie ein junger Rakhaing sagt.
Eine rote Fahne weht auch über dem Bambuszaun, der um eine kleine Mönchsgemeinschaft gezogen ist. Ein alter Abt lebt dort zusammen mit zwei Mönchen. Der buddhistische Geistliche zeigt über den Zaun in Richtung einiger entfernter Hütten, in denen noch Rohingyas leben sollen. Die beiden Bambushütten, in denen er zuvor mit seinen Mönchen lebte, seien komplett niedergebrannt worden. Doch ist auch dies eben nur ein Teil der Wahrheit. Schließlich sind nur ein paar Meter weiter im Gras auch noch die Aschereste eines Rohingya-Hauses zu sehen.

Nur wenige zeigen Verständnis

Anders als im Fall der zerstörten Moscheen hat sich hier aber schnell jemand gefunden, der beim Wiederaufbau des kleinen Klosters behilflich war. Damit nicht auch das neue Gebäude noch einmal zerstört wird, sind in der Nebenhütte neun schwer bewaffnete Polizisten untergebracht. Viele der hiesigen Buddhisten wünschen sich, die Muslime würden einfach verschwinden. Sie unterstellen den Rohingyas Verbindungen zu islamistischen Terroristen. Der internationalen Presse, den Vereinten Nationen sowie den ausländischen Regierungen werfen sie vor, einseitig für die Rohingyas Partei zu ergreifen.
Nur einzelne Burmesen haben Verständnis für die Kritik an der Behandlung der Rohingyas, die aus dem Ausland kommt. Er sei schockiert über den „Rassismus“, den einige seiner Freunde und Verwandten zeigten, wenn es um die Rohingyas gehe, sagt ein junger Burmese in der früheren Hauptstadt Rangun.

Leben in Angst

Irgendwann wird sich in Burma aber die Erkenntnis durchsetzen müssen, dass sich die Rohingyas nicht in Luft auflösen werden. Ein Drittland, das sie in großer Zahl aufnehmen will, wird sich schwer finden lassen. Bangladesch schickt die Flüchtlinge, die an der Grenze auftauchen, bislang einfach zurück. Aber wie das Zusammenleben Tür an Tür mit den Rakhaing irgendwann wieder funktionieren sollte, ist derzeit noch schwer vorstellbar. Ihre Existenz wird von Woche zu Woche prekärer, die Rückkehr in ihre angestammten Siedlungen immer unwahrscheinlicher.
„Seit zwei Monaten leben wir schon so“, hatte einer der jungen Rohingyas in der verbarrikadierten Straße in Sittwe noch gesagt. Die Ankunft eines Ausländers hatte ihn offensichtlich in Aufregung versetzt. Er berichtete, es gebe Reislieferungen vom World Food Programme der Vereinten Nationen, doch reichten diese längst nicht aus. Auf die Frage, ob er Angst habe, antwortete er: „Ja, wir haben sehr große Angst.“


Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., Till Fähnders

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