24. Mai 2013

Burma

Ein Land bricht auf

Von Till Fähnders, Rangun
16. August 2012 Das Naypidaw-Kino in Rangun ist schon am frühen Nachmittag gut besucht. Junge Burmesen stehen im Foyer für Popcorn an. Gezeigt wird „The Amazing Spider Man“, ein amerikanischer Blockbuster.
Ein Haus weiter setzt sich im Café Aroma der Musiker Si Thu an einen Tisch und bestellt einen Cappuccino, den er sich eigentlich nicht leisten kann. Wie seine amerikanischen Vorbilder hat er sich einen Künstlernamen zugelegt. Er nennt sich Darko C. Seine Rock-Band heißt „Side Effect“. „Wir haben starke Punk-Einflüsse. Ich mag die Punk-Ideologie. Aber unsere Musik ist mehr Indie-Rock als Punk“, sagt der 31 Jahre alte Sänger und Gitarrist. Sein Englisch ist fast perfekt. Mühelos bedient er sich im Referenzarsenal der westlichen Popkultur.
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In solchen Momenten scheint es fast so, als gäbe es keinen Unterschied mehr zwischen Rangun und modernen südostasiatischen Hauptstädten wie Bangkok oder Jakarta. Willkommen im neuen Burma!

Löchrige Straßen und klapprige Autos

Allerdings ist das auch nur ein kleiner Ausschnitt der Wahrheit. Denn natürlich hat Rangun immer noch einen modrig-morbiden Charme. Kolonialbauten, deren Außenfassaden grün-schwarz verschimmelt sind. Löchrige Straßen und klapprige Autos, die in Deutschland als Oldtimer durchgingen. Armut und Stromausfälle. Doch die politische Öffnung des Landes durch Präsident Thein Sein wirkt sich auch in einem neuen Lebensgefühl der Burmesen aus.
Dabei sind die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Neuerungen wohl nicht so abrupt wie die politischen. Einige Hotels mit gehobenem westlichen Standard gibt es schon seit Jahren. Auch Nachtclubs wie die „DJ Bar“. In vielerlei Hinsicht kann man sich an Bilder und Geschichten aus dem China der achtziger Jahre erinnert fühlen.
Doch nun überschlägt sich die Entwicklung. An einer Kreuzung hängt seit ein paar Monaten Werbung für ein Smartphone. Etwas weiter prangt der Namenszug eines japanischen Kamera-Herstellers. Daneben läuft trotz Stromknappheit eine Leuchtreklame mit Spots für Energiedrinks, Mineralwasser und Shampoo. An der Straße Hanthawaddy stehen die Neuwagen aneinandergereiht. Junge Männer putzen die glänzenden Motorhauben. Es sind vor allem japanische Autos, aber auch ein Mercedes ist darunter. In der Umgebung sind in den vergangenen Monaten mehrere neue Autohäuser aufgebaut worden. Seitdem nicht mehr nur die höhergestellten Funktionäre und Militärs Autos importieren dürfen, boomt der Automarkt. Das hat dazu geführt, dass in Rangun oft Stau ist. „Die Autos sind toll, aber die Straßen immer noch schlecht“, sagt ein junger Burmese, der mit seinem weißen Honda - im April gekauft, etwas zu früh, denn kurz danach fielen die Preise - über eine Straße wackelt.
Die wichtigsten Veränderungen spielen sich aber auf einer geistigen Ebene ab. Der Käfig der Repression ist gelüftet, die Angst verflogen. „Wir fühlen uns sicher. Früher konntest du jederzeit von der Polizei mitgenommen werden, etwa wenn du mit einem ausländischen Journalisten gesprochen hast“, sagt der Musiker Darko C. In seinen Liedern verkleidete der Sänger seine Aussage stets in blumige Worte. „Wegen der Zensur mussten wir Dinge verstecken.“ Heute singt er ohne Scheu vom Wandel in seinem Land: „Wir können ausdrücken, was wir denken und fühlen.“

„Diesem Land fehlt ein großer Maler, ein Schriftsteller“

Dabei seien sie eigentlich keine politische Band. Doch seitdem im Jahr 2007 die Demonstrationen der Mönche niedergeschlagen wurden, entschied sich die Musikgruppe, etwas für ihr Land zu tun. Kunst und Kultur seien wichtig für die Identität der Bevölkerung. „Diesem Land fehlt ein großer Maler, ein Schriftsteller, ein Dichter.“
Die Aufbruchstimmung in Rangun trägt teilweise romantische Züge. Junge Liebespaare gehen im Bogyoke-Park im Schatten der Bäume spazieren. Auf Parkbänken schmiegen sie sich aneinander oder verstecken sich auf den Rücksitzen ihrer Autos. Eine burmesische Familie in Ausgehkleidung lässt sich von einem Fotografen ablichten. Im Hintergrund ragt die goldene Shwedagon-Pagode in den Himmel, das große buddhistischen Heiligtum. Etwas weiter steht ein Pulk Menschen unter einer Baumgruppe. Es ist ein Filmteam, das eine Soap-Opera oder Spielfilmschnulze dreht. Ein junger burmesischer Beau, vielleicht der Hauptdarsteller, spricht mit seiner Partnerin, die enge schwarze Leggins und hochhackige Schuhe trägt. Auf einmal dreht er ihr den Rücken zu und läuft lässig auf die laufenden Kameras zu. Wir sind Zeugen, wie gerade eine burmesische Filmromanze endet.
Der Musiker Darko C. sagt, dass seine Heimatstadt Rangun mit ihren viereinhalb Millionen Einwohnern in zehn oder zwanzig Jahren vielleicht so sein wird wie London oder New York. Aber die burmesische Kultur sei tief verwurzelt. Die Generation seiner Eltern sei nach wie vor konservativ. Die gesellschaftliche Liberalisierung geht langsam voran. Darko C. berichtet von verklemmten Modenschauen, deren eigentlicher Zweck es ist, eine mehr oder weniger züchtige Fleischbeschau für die burmesischen Männer zu bieten. Ein 24 Jahre alter Burmese erzählt, dass er seine gleichaltrige Freundin zwar treffen kann, am Abend aber jeder für sich in das Haus seiner Eltern zurückkehrt.
Ende vergangenen Jahres wurde die erste Männerzeitschrift des Landes gegründet, das „Mr. Magazine“. Die 29 Jahre alte Chefredakteurin Aye New Hlaing bereitet gerade die elfte Ausgabe des Magazins vor. Sie gibt unumwunden zu, dass die ausgiebigen Modestrecken in ihrem Magazin vor allem dazu dienen, dass sich die Männer ein paar „pretty girls“ ansehen können. Die Hochglanzzeitschrift wirkt noch ein bisschen improvisiert, die Fotos sind extrem nachbearbeitet, die Models tragen zum Teil Schuhe, die ein paar Nummern zu groß für sie sind. Die Mode orientiert sich an dem, was derzeit gerade in Südkorea angesagt ist. Denn wie in vielen Ländern Asiens sind auch in Burma die südkoreanischen Seifenopern besonders beliebt. Das führt angeblich sogar dazu, dass die Burmesen immer mehr Nudeln essen, weil auch in den südkoreanischen Filmen viele Nudeln gegessen werden. In Burmas erstem Männermagazin haben außerdem alle Models eine sehr helle Haut, was zwar dem asiatischen Schönheitsideal entspricht, aber nicht dem Bild, das man sich auf den Straßen von Rangun von der Bevölkerung machen kann.

Alles noch neu und aufregend

Die Lage in der früheren Hauptstadt unterscheidet sich deutlich vom Rest des Landes. Die Stadt Yenangyaung liegt mehr als 600 Kilometer entfernt im Landesinneren, direkt am Irrawaddy-Fluss, und hat trotzdem mit Trockenheit und Wassermangel zu kämpfen. Das Wasser muss über mehrere Kilometer getragen werden. Die Menschen sind hier zum Teil noch mit Pferdekarren unterwegs. Die Bauern bearbeiten ihre Felder mit Ochsenpflügen. Eingekauft wird auf dem Markt, auf dem es nach Gewürzen und Trockenfisch riecht. Eine Parade aus Männern in traditionellen Longyi-Röcken und Mönchen in roten Roben wirbt um Spenden für eine der vielen Pagoden. Kleine Krämerläden verkaufen günstige chinesische Lebensmittel und Plastikwaren. Friseure bieten in altmodischen Läden ihre Dienste an.
Der Musiker Darko C. berichtet aber, dass es auch in Rangun nicht leicht sei, für seinen Lebensunterhalt zu sorgen, besonders als Musiker. Sein Leben finanziert er sich mit einem kleinen Stoff- und Schneiderladen, den er mit seiner Freundin zusammen betreibt. Die Band selbst bringt kaum Einkommen. Von ihrer Debüt-CD hat die Gruppe nur 1000 Exemplare gepresst. Das Stück verkauft sich für 1800 Kyat (etwa 1,70 Euro). Der Gruppe bleibt davon ein Gewinn von 500 Kyat (etwa 50 Cent). Selbst wenn sich alle CDs verkaufen ließen, blieben der Band also nicht mehr als 500 Euro.
Ende vergangenen Jahres hatte sie wegen der klammen Lage auf einer ausländischen Website einen Spendenaufruf gestartet. Insgesamt 5999 Dollar wollte sie aufbringen, um sich ein Schlagzeug, die Produktion der CD und ein Konzert finanzieren zu können. Bis Januar waren immerhin 2840 Dollar zusammengekommen. „Wir waren so glücklich“, erinnert sich Darko C. Danach sahen die Musiker jedoch nie etwas von dem Geld. Es ging direkt an die Spender zurück. Denn die Aktion hatte gegen die Sanktionen verstoßen, die Amerika gegen Burma verhängt hatte und die erst jetzt nach und nach gelockert werden.
Es ist mittlerweile später am Nachmittag, und in einem anderen Café von Rangun treffen ausländische Rucksacktouristen und die neureiche burmesische Jugend aufeinander. Die Getränke im „Coffee Circles“ sind manchmal teurer als in den Fünf-Sterne-Hotels in der Umgebung, aber die Internetverbindung ist angeblich eine der schnellsten der Stadt. Wie in vielen Kaffeehäusern der Welt läuft auch hier lateinamerikanische Musik. Alles ist in gedeckten Farben gehalten, an der Decke hängen elektrische Kronleuchter, es wirkt kühl und technisch. Die Bedienungen sind schwarz gekleidet. Zwei junge Frauen in kurzen Röcken sitzen an einem der Tische, an einem anderen ein junger Mann mit moderner Schiebermütze und schwarzumrandeter Brille. Es sind junge Leute wie überall in Asien, die Karaoke und Computerspiele lieben. Doch für sie ist das alles noch neu und aufregend.


Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Till Fähnders

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