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Neue Häuser 2012: Haus Bletgen
Ein Haus sieht Rot
Von Birgit Ochs
12. August 2012 Am Anfang stand ein Minimalprogramm. Als Ina und Oliver Bletgen das Einfamilienhaus, Baujahr 1965, im Norden Hannovers erwarben, nahmen sie zunächst ohne größere Ambitionen den Umbau in Angriff. Das junge Ehepaar samt Kind wollte möglichst schnell in sein neues Zuhause einziehen und hielt eine Sanierung geringeren Umfangs für ausreichend. Abgesehen von der Haustechnik, die von Fachleuten auf den aktuellen Stand gebracht werden sollte, hatten sich die beiden für die Innenräume zwar einige Änderungen überlegt. „Doch da dachte ich noch, wir können das alles selbst planen“, sagt Ina Bletgen. Von dieser Idee sollte sie sich schon bald verabschieden.
Die Bletgens waren 2010 etwas unverhofft in die Bauherrenrolle geschlüpft. Mit ihrem kleinen Sohn hatten sie in einer schönen Eigentumswohnung in Hannover gewohnt, die sie eigentlich bis auf Weiteres nicht zu verlassen gedachten. Dann aber kamen Freunde auf sie zu, die einen Narren an der Wohnung gefressen hatten. Und so verkauften Bletgens kurzerhand ihr bisheriges Zuhause.
Danach suchten sie erst einmal eine Mietwohnung. Die Erfahrungen, die die Familie dabei sammelte, waren ernüchternd. „Überall, wo es uns gefiel, wollten die Vermieter keine Kinder“, erzählt Oliver Bletgen. Daher entschieden sie sich schließlich, selbst Hausherren zu werden. Ihre Wünsche: Das Haus sollte in einem bevorzugten Wohnviertel der niedersächsischen Landeshauptstadt liegen und über eine relativ gute Raumaufteilung sowie hohe Decken verfügen.
Keine überambitionierten Rundum-Erneuerungsvorsätze
Ganz wichtig für Oliver Bletgen: Die gesamte Investition musste sich am Ende rechnen. Mehr Geld in den Kauf und den Umbau zu stecken, als man bei einem Verkauf wieder herausbekommen würde, kommt für den Steuerberater, der in Immobilienanlagen versiert ist, grundsätzlich nicht in Frage. „Gerade bei der Sanierung kann man schnell viel für Dinge ausgeben, für die einem hinterher im Zweifelsfall niemand Geld geben würde“, stellt der 34 Jahre alte Steuerfachmann fest.
Entsprechend nüchtern gingen er und seine Frau das Vorhaben an, nachdem sie schließlich im Nordosten von Hannover fündig geworden waren. In einer ruhigen Sackgasse liegt das Haus mit dem steilen Giebeldach auf einem 1200 Quadratmeter großen Grundstück. Als die Bletgens es erwarben, sah es so aus wie viele andere Einfamilienhäuser aus den sechziger Jahren: ein Bau mit hellem, billigem Klinkerimitat, dessen Fenster eher willkürlich über die Fassade verteilt waren; gekrönt von einem roten Ziegeldach, das über die Hauswände hinausragte. Dass an Häusern wie diesem der Blick nicht haftenbleibt, liegt nicht daran, dass ihnen das Außergewöhnliche fehlt, sondern die klare Linie.
Für die jungen Bauherren war das anfangs nicht so wichtig. Sie gingen pragmatisch und frei von jenen ambitionierten Rundum-Erneuerungsvorsätzen ans Werk, bei denen Bestandsimmobilien häufig derart verändert werden, dass sie am Ende zur Unkenntlichkeit entstellt sind. Monströse Anbauten, unvorteilhafte Dachaufstockungen oder auch die Umwandlung eines Spitzdaches in ein Flachdach, damit das Haus auch ja dem Zeitgeist entspricht - die Liste der Grausamkeiten ließe sich noch verlängern.
Durch die Augen des Planers
Den Bletgens war dieser Eifer fremd. „Fassade und Dach wollten wir eigentlich erst mal nicht anfassen“, erinnern sich die beiden. Vielmehr sollte das Gebäudeinnere besser ihren Bedürfnissen angepasst werden. Dafür musste eine Trennwand zwischen Küche und Esszimmer weichen, was sie noch in Eigenregie erledigten. Aber für die Modernisierung der Haustechnik, den Austausch des Brennwertkessels musste ein Fachmann her. Um sich zu informieren, besuchten sie eine Regionalmesse. Dort lernten sie auch den Architekten Martin Müller kennen, den sie zum Ortstermin in ihre neues Haus baten.
Durch die Augen des Planers sahen die Bletgens ihr künftiges Zuhause plötzlich ganz anders. „Auf viele Möglichkeiten wären wir selbst gar nicht gekommen“, sagt Ina Bletgen heute. Das fing bei eigentlich kleinen Dingen an. So hatte sich das Ehepaar vorgestellt, eines der Dachzimmer zum Kinderzimmer zu machen. Die Fenster in diesem Raum sind jedoch in der Gaube so hoch angeordnet, dass Sohn Finn Oliver noch einiges hätte wachsen müssen, um einen Blick nach draußen zu erhaschen; oder aber es wäre ein aufwendiger Eingriff in die Konstruktion nötig gewesen, um die Fenster nach unten zu ziehen.
Müller hatte eine einfachere Lösung parat: Er schlug vor, das Kinderzimmer in einem anderen Raum auf der Etage unterzubringen, der über einen kleinen Balkon und viel Licht verfügt. Das dort ursprünglich vorgesehene Schlafzimmer plazierte er wiederum im Gaubenzimmer. Der simple Vorschlag brachte ihm nicht nur die Sympathie der Bauherren ein, sondern auch den Auftrag, einige Umbaumaßnahmen zu planen. Den Bletgens war durch die Begehung mit dem Architekten klar geworden, dass sich durch einige gezielte Eingriffe die Raum- und Wohnqualität deutlich verbessern ließ.
Auf wenige Maßnahmen konzentriert
Gemeinsam mit ihrem Planer haben sie sich auf einige wenige, aber wesentliche Punkte konzentriert. Dazu gehört, dass sich im Zuge des Umbaus die zuvor recht große, aber ungenutzte Diele in eine wunderbar helle und großzügige Eingangshalle verwandelte, die Kinder wie Erwachsene zum Verweilen einlädt. Um diesen Raum zu schaffen, mussten die über dem Flur gelegenen kleinen Abstellräume samt Decke weichen. So entstand der luftige, helle Raum mit einer Galerie, die den Spielraum für den Sohn erheblich erweitert. Um den neugewonnenen Platz im Erdgeschoss wohnlicher zu gestalten, entwarf der Architekt eine lange Sitzbank, deren Schubladen Stauraum bieten - zum Beispiel für Schuhe. Hinter der Bank verborgen ist zudem die Heizung. Um den Raum zusätzlich zu belichten, erhielt das Dach zu dem schon vorhandenen noch drei weitere Fenster. Damit diese in einer Flucht liegen, musste ein Dachsparren versetzt werden.
Die Buchenholztreppe ist dagegen erhalten geblieben. Nur das ursprünglich mit Kordeln bespannte Geländer wurde durch Drahtseile ersetzt, was der Treppe die Biederkeit nimmt. Im Flur hat der Planer auch farblich kräftige Akzente gesetzt: Für den Boden wurde rotes Linoleum gewählt, für die Bank ein rotbraunes Eichenholz mit dunkelbraunem Lederbezug.
Als besonders kniffelig beschreibt Martin Müller die Badezimmergestaltung. Drei Wände schieden allein durch die Schrägen als Möglichkeit aus, das Waschbecken unterzubringen. Doch auch die vierte Wand war nicht geeignet. Die Tür zum neuen Bad schlägt gleich gegen diese Wand, in deren Verlängerung sich das Fenster befindet. „Eine ungünstige Situation“, sagt Müller. Denn beim Betreten des Bades würde man sofort darauf zulaufen und die Sichtachse zum Fenster verstellen.
Der Architekt wählte daher eine Insellösung: Mitten im Bad befindet sich eine kleine Trennwand, an deren einer Seite Waschbecken, Spiegel und Regale untergebracht sind. Zur anderen Seite schließt sich die Badewanne an. Besonders schön wird diese Variante durch ein gelb-goldenes Mosaikband, das sich von der gegenüberliegenden Wand über den Fußboden bis zur „Insel“ erstreckt.
Balance zwischen Verbesserung und finanziellem Aufwand
Ansonsten haben die Bletgens viele Ausstattungsdetails belassen. So blieb im Erdgeschoss das Würfelmusterparkett erhalten, obgleich heute andere Trends vorherrschen. Auch die Glastüren aus den achtziger Jahren sind noch da. „In einem neuen Haus hätten wir etwas anderes ausgesucht“, räumen die Bauherren ein. Für das Ehepaar war es aber wichtig, die Balance zu finden zwischen einer Verbesserung und dem finanziellen Aufwand.
Zu den Veränderungen, die durch die Zusammenarbeit mit ihrem Architekten, zum Muss wurden, zählte schließlich noch die Neugestaltung von Fassade und Dach. Da habe sich seine Haltung im Laufe der Sanierungsarbeiten doch sehr verändert, berichtet der Hausherr. Müller warb dafür, dem Haus auch äußerlich ein klares, zeitgemäßes Profil zu verpassen.
Das ist gelungen: Das Gebäude wurde vom Klinkerimitat befreit, gedämmt und erhielt einen weißen Anstrich. Was der ursprünglichen Anordnung der Fenster an Symmetrie fehlte, macht nun die Farbe wett. Müller fasste die zuvor bezugslos nebeneinander liegenden Öffnungen durch Farbfelder zusammen. Auf Wunsch der Bauherren wählte er dafür wie schon im Flur ein kräftiges Rot. Das Dach dagegen ist dunkel gedeckt.
Gelungener Eingang
Seine besondere Note zur Straße hin verleiht dem Bau zweifelsohne der neue Eingang. Das Haus ist ein Musterbeispiel dafür, was ein mit Bedacht gestalteter Eintritt für das gesamte Erscheinungsbild bedeuten kann. Zuvor wirkte er merkwürdig verschachtelt, was sich ungünstig auf den Gesamteindruck auswirkte. Dank der Neugestaltung ist die Haustür nun durch eine Wand geschützt, mit der das Dach abschließt. Ein Ausschnitt gewährt aber zugleich Blicke vom Haus zur Straße und umgekehrt. Dieser einfache Kniff verleiht dem Bau nun eine besondere Ausstrahlung.
Am Ende hätten sie das Vierfache von dem gemacht, was sie ursprünglich geplant hätten, räumt Oliver Bletgen ein. Entsprechend mehr haben er und seine Frau in Umbau und Modernisierung investiert. Dass es sich gelohnt hat, davon sind die beiden überzeugt. Erstens fühlen sie sich in ihrem Haus wohl. Und zweitens hat ein Gutachter dem Hausherrn bestätigt, was diesem wichtig war: Durch die Investition hat das Haus deutlich an Wert gewonnen.
Text: F.A.S.
© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2013.
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