21. Mai 2012

Causa Wulff

Die Partys sind nicht das Problem

Von Nils Minkmar
02. Februar 2012 Wer ohnehin nicht gern auf Partys geht, liest die Berichte über das Geschäftsmodell des Manfred Schmidt mit ethnologischem Interesse und mit Erstaunen. Es gab, so erfuhr der „Stern,“ auf den Veranstaltungen Beschäftigte, die die Gäste auf der einen Liste mit den Gästen auf der anderen Liste bekannt machen sollten; in dem bemerkenswerten internen Jargon nennt sich das „zuführen“. Eigentlich praktisch: Das bange erste Ansprechen von Fremden wird von versierten Assistenten übernommen; womöglich sorgen die auch dafür, jene auf Partys unvermeidlichen Vielredner und Zutexter diskret zu entfernen. Rundum versorgt war man da, sofern man zu den besonders erwünschten Gästen zählte, die übrigen mussten ja bezahlen, also die von ihnen repräsentierten Unternehmen, die die dafür aufgewendeten Summen von der Steuer abgesetzt haben dürften.
Es bleibt seltsam, dass die Lufthansa für ein von Schmidt komponiertes Abendessen, das dazu dienen sollte, den neuen Chef anderen netten und wichtigen Menschen vorzustellen, dem lieben Gastgeber eben mal 130 000 Euro überwies. Teuer, für 24 Gäste. Gerechtfertigt wurde der hohe Preis mit dem von Schmidt gebotenen Rundum-Sorglos-Paket, das, heißt es in der Stellungnahme des Unternehmens, sogar das Abendessen für die Personenschützer enthielt. Allzu viel Kaviar und Champagner werden sie hoffentlich nicht genossen haben, das hätte ja die innere Sicherheit gefährdet.

Das erste Opfer der ganzen Affäre

Etwas Regressives haftet der ganzen Sache an, als bedürften die bei Schmidt versammelten Eliten der ganz besonderen Schonung, einer Fürsorge, wie man sie Greisen und kleinen Kindern angedeihen lassen muss. Ein komisches Detail wurde auch berichtet: Die von Schmidt beschäftigten Damen und Herren sollten selbst während der Partys nur dann etwas essen, wenn ihr Chef es ihnen, nach einer fernmündlichen Anfrage, gestattete. Wer diese kommerziellen Events mit schönen Festen verwechselte, hält auch Bad Segeberg für den Wilden Westen und ist per du mit Winnetou.
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Doch das alles ist kein Skandal, nicht einmal ein Problem. In den ersten Jahren der Berliner Republik gab es eben keine Society, jemand hat sie für Geld erfunden. Und die dann aufsteigenden, Berlin neu entdeckenden Politiker und Unternehmer dachten, das wäre das große, weite Leben und der Lohn ihrer Mühen, so mit Sabine Christiansen, Udo Walz und Shawne Borer-Fielding zusammenzustehen. Sie wurden zu Ausstellungsstücken, ein bisschen ging es zu wie in von Unternehmensberatern optimierten zoologischen Gärten: Ab fünf Euro Eintritt muss man schon einen Eisbären bieten, darunter reichen alter Löwe und Streichelziege.
Die Affäre deprimiert ein ganzes Land. In den Berichten aus der neuen deutschen Warenwelt à la Manfred Schmidt taucht immer wieder der Begriff „Freundschaft“ auf. Er ist das erste Opfer der ganzen Affäre. Unter Christian Wulff wurde die Freundschaft das, was die Familie bei den Sopranos ist: Code für gemischte Geschäfte. Seitdem ist jede freundschaftliche Einladung, jedes Geschenk irgendwie suspekt, es beginnt im zartesten Alter: Wer schenkt nun einem Beamten noch einen Bobbycar, geschweige denn einen Schnulli? Der Nebel des Verdachts steigt über dem ganzen Land auf, keiner blickt mehr durch. Christian Wulff hat es verstanden, zwei in Deutschland gut eingeübte kulturelle Reflexe zu stimulieren. Den zeitkritisch-kommunitaristischen, der immer mit weit ausholender Geste auf die fragwürdige Moral der Gegenwart verweist: Tun wir es nicht alle? Und den introspektiven, mit dem jeder denkende Mensch sich selbst befragt: Tust du es nicht auch?

Es ist so simpel

Seitdem wird viel geredet und wenig gesagt, und das Denken ist bloß ein neurotisches Grübeln, weil das Problem unscharf geworden ist. Es geht in der Sache nicht um Manfred Schmidt, nicht um Freikarten oder Werbegeschenke, um kleine Gefälligkeiten - man ergänzt es im Geiste: unter Freunden. Denn es geht nicht um die Freundschaft, die Wulff auf so verheerende Weise kommerzialisierte. Die Frage, die uns quält, hat mit sozialen Beziehungen, den berühmten menschlichen Schwächen, die jeder für sich und wir alle gemeinsam immer im Kreis erörtern, nichts zu tun.
Es geht um Wahrheit oder Lüge im Amt des Bundespräsidenten. Sagte der Bundespräsident die Wahrheit, als er erklärte, das Geld für seinen Kredit über eine halbe Million Euro komme von Edith Geerkens? Es stellen sich, um dies ermessen zu können, weitere Fragen: Warum hat sie sich nicht im Grundbuch eintragen lassen? Warum wurde das Geld nicht per Überweisung angewiesen, sondern über einen anonymen Bundesbankscheck? Warum verzichtete sie auf jede Sicherheit? Woher hatte Frau Geerkens so viel Geld? In dem Jahr, in dem sie Christian Wulff so umstandslos Kredit gewährte, wollte sie sich, so berichtet „Die Zeit“ online, eine Villa in Florida kaufen und musste sich zu diesem Zweck von ihrem Ehemann eine Million Euro leihen. Sagt der Bundespräsident die Wahrheit, wenn er behauptet, von den guten Beziehungen zwischen Olaf Glaeseker und Manfred Schmidt - die Herren sind Jugendfreunde - nichts gewusst zu haben? Wie passt dies zu dem Titel, den Wulff Glaeseker scherzend verlieh, als er ihn sein „Faktotum“ nannte. Alles macht der Glaeseker für mich, heißt das auf Deutsch. Ein Begriff mit zwei Aspekten: Nichts gibt es, womit man Glaeseker nicht beauftragen kann, und all dies tut er für mich. Die Frage der Wahrheit stellt sich auch zu anderen Punkten, man kann sie gar nicht alle aufzählen. Es sind zu viele.
Es wirkt alles wie von Christoph Schlingensief von seiner Höllenwolke herab inszeniert, diese deprimierenden Einblicke in kommerzielle Vergnügungswelten. Wenn das Spektakel zu bunt ist, wird einem schwindelig, und man wendet sich ab. Dabei ist die eigentliche Frage so simpel: Hat der Bundespräsident die Wahrheit gesagt?
Wir alle sagen nicht immer die Wahrheit, jeder von uns sagt nicht immer die Wahrheit. Doch wir alle sind nicht, jeder von uns ist nicht Bundespräsident. Das ist nur einer.


Text: F.A.Z.

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