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Borussia Dortmund
Die Meisterprüfung
Von Richard Leipold, Dortmund
18. September 2011 Borussia Dortmund ist nicht irgendein Titelverteidiger. Der BVB stellt die jüngste Meistermannschaft der Fußball-Bundesliga. Also haben die Verantwortlichen gut daran getan, den Überschwang der Dortmunder Mai-Feierlichkeiten rasch wieder zu vergessen. Schon bei der Rückkehr aus dem Sommerurlaub kam es Jürgen Klopp so vor, als sei der real gewordene Traum „weit weg“. Die ersten Wochen bestätigen diese Einschätzung des Cheftrainers. Nach zwei Siegen, zwei Niederlagen und einem Unentschieden steht der BVB im Mittelfeld der Tabelle. Seriös wie sie in Dortmund arbeiten, bildet nicht die deutsche Meisterschaft den Maßstab, schon gar nicht, wenn die Münchner Bayern als Dauerfavorit vom Start weg so souverän auftreten wie zuletzt.
Klopp und seine Mannschaft wollen sich vor allem daran messen lassen, ob sie ihr Spiel verbessern – oder das zeitweise hohe Niveau der vergangenen Saison halten können. Genau das gelang ihnen in den ersten fünf Bundesligarunden der neuen Saison nur ein einziges Mal – zum Auftakt gegen den Hamburger SV, jene Mannschaft, die am schlechtesten gestartet ist. Klopp fühlt sich durch die Vergleiche mit der „tollen vergangenen Saison“ gestört. Da habe der BVB auch nicht 34 überzeugende Spiele gezeigt, „sondern deutlich weniger“, sagt der Trainer. Und er hat Recht, obwohl Dortmund im Vorjahr siebzehn Partien brauchte, um zweimal zu verlieren.
Gerade im letzten Drittel der Saison, als die Kräfte schwanden und einige Spieler ausfielen, lebte die Mannschaft (auch) von der Angst, die sich bei den Gegnern aufgebaut hatte. Insofern geht es an diesem Sonntag in Hannover (15.30 Uhr FAZ.NET-Bundesliga-Liveticker) nicht nur um Punkte, sondern um Respekt und Reputation; auch darum, den Beweis anzutreten, dass die unkenden Stimmen falsch liegen, die vermuten, die Belastungen könnten für die junge Mannschaft zu viel werden. In Hannover müssen die Borussen zum ersten Mal fünf Tage nach einem Spiel in der europäischen „Königsklasse“ einen Alltagstest bestehen. Die Leistung beim 1:1 gegen Arsenal London dürfte ihnen Mut machen.
Es zeichnen sich Parallelen zur Endphase der Meistersaison ab. Schon da fehlte Nuri Sahin, der verletzt war. Inzwischen ist der türkische Stratege zu Real Madrid gewechselt und hat im Schaltzentrum des BVB ein Loch hinterlassen. Bei der Heimniederlage gegen Aufsteiger Hertha BSC Berlin offenbarte das zentrale Mittelfeld Schwächen. Vor allem Ilkay Gündogan wirkte verunsichert. Das vom 1. FC Nürnberg abgeworbene Talent hatte in den ersten Wochen Sahins Position eingenommen, konnte sie aber noch nicht auszufüllen. Auch Routinier Antonio da Silva besitzt bei weitem nicht die Klasse Sahins. Und auch Sebastian Kehl, gegen Arsenal im defensiven Mittelfeld aufgeboten, fiel unangenehm auf. Kehl leitete mit einem Fehlpass das Gegentor ein; in Hannover stellt sich die Frage nicht, ob seine Erfahrung und seine Übersicht ein Gewinn für die junge Mannschaft sind.
Kehl ist gesperrt, was um so schwerer wiegt, weil sich Sven Bender, die Konstante im defensiven Mittelfeld, verletzt hat. Solange Klopp einen Mangel verwalten muss, könnte Kehl bald wieder eine Alternative sein. Wenn es um das Vakuum geht, das Sahin hinterlässt, reagiert Klopp ein wenig empfindlich. „Auch Nuri hat nicht immer die Sterne vom Himmel gespielt“, sagt der Trainer. Dennoch ist Sahin nicht gleichwertig zu ersetzen. Das geben auch die Verantwortlichen zu, denen allerdings daran liegt, bloß kein Krisengerede aufkommen zu lassen.
Mangel an ganz großer Klasse
„Sahin würde jeder Mannschaft fehlen“, sagt BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Dass Sahin ein Loch reißen würde, war ihnen letztlich klar, obwohl sie nach außen den Eindruck zu erzeugen versuchten, mit vereinten Kräften sei dieser Weggang zu kompensieren. Wenn dazu Mario Götze, das angehende Genie, gesperrt ist wie zuletzt gegen Berlin und auch an diesem Sonntag in Hannover, rückt zuweilen ein seit langem überschätzter Profi wie Jakub Blaszczykowski auf den rechten Flügel und in den Blickpunkt, ohne überzeugen zu können. Klopp hört solche Kritik nicht gern und schützt gerade die Spieler, die in der Kritik stehen. Er weiß, dass er auf sie angewiesen sein könnte.
Während es da Silva und Blaszczykowski letztlich an der ganz großen Klasse fehlt, zeigen Shinji Kagawa und Kevin Großkreutz Schwächen, die nicht von Dauer sein müssen. Der Japaner, vor einem Jahr bester Spieler der Hinrunde, ist nach überstandenem Mittelfußbruch noch nicht in Bestform. Dem Dauerläufer Großkreutz, dessen Energie unerschöpflich schien, fehlt es derzeit an Elan. Vermutlich sind diese beiden gemeint, wenn Verteidiger Mats Hummels sagt: „Wir haben ein oder zwei Positionen, auf denen wir nicht bei hundert Prozent sind.“ Erschwerend kommt hinzu, dass Torjäger Lucas Barrios nach ein Verletzung länger fehlt als erwartet. Dieser Ausfall lässt sich dank Robert Lewandowski allerdings besser kompensieren als manch anderer.
Energiequelle Champions League
Klopp nennt als Grund für den mittelmäßigen Start vor allem die äußerst defensive Herangehensweise der Gegner, die das dynamische Angriffsspiel der Borussen konsequent einengen. Die Meistermannschaft habe vor allem „das Spiel gegen den Ball“ ausgezeichnet, sagt der Trainer. Inzwischen sei seine Elf überwiegend in Ballbesitz und durchlaufe auf dem Weg zur Klassemannschaft die nächste Entwicklungsstufe. Um diese Stufe zu nehmen, „müssen wir uns wieder reinbeißen“, sagt Klopp. Dabei sieht er die Champions League nicht als Last, sondern auch als Energiequelle.
Diese Quelle hat jüngst einen vor Tatendrang sprudelnden Ivan Perisic hervorgebracht. Dessen Treffer gegen Arsenal mag auch von der internen Konkurrenz als Warnschuss wahrgenommen werden. „Dieses Tor hat ihm gut getan. Das wollen wir nutzen“, sagt Klopp. Perisic, bisher vor allem als Alternative zu Großkreutz in Erscheinung getreten, ist in der Offensive variabel einsetzbar und wird gegen Hannover wohl in die Startelf rücken. So knapp der Personalstand derzeit erscheint – Klopp sieht seine Möglichkeiten längst nicht ausgeschöpft. Die Frühreifeprüfung hat seine Mannschaft im Mai mit Bravour abgelegt. Jetzt steht sie vor der Meisterprüfung.
Text: F.A.Z.
© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2012.
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