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Wie die Welt spart
Die Chinesen sparen sich in Schwierigkeiten
28. September 2009 Lucy nennt sie sich mit ihrem englischen Namen. Und sie tut das, was alle Chinesen tun, haben sie nur die Gelegenheit: Sie bringt ihr Geld in Sicherheit. Für Lucy, die Sekretärin bei einem westlichen Beratungsunternehmen in der Finanzmetropole Schanghai ist, liegt der Schlüssel dafür in Hongkong. Alle halben Jahre reist sie in die Sonderverwaltungsregion Chinas. Dort trifft sie Verwandte, die seit Jahren in der Bankenstadt arbeiten. Die legen mein Geld dann bei einer der internationalen Banken an. So bleibt auf jeden Fall etwas übrig, ganz egal, was unsere Regierung in Peking macht, sagt Lucy hoffnungsvoll.
Wozu aber sparen, wenn die Verlockungen so neu, so groß sind? Auf ihrem morgendlichen Weg ins Büro kommt Lucy allein an drei großen Einkaufszentren vorbei. Louis Vuitton, Hermès oder Prada - sie alle rufen ihr zu, das schwer verdiente Geld im Tausch für Taschen, einen Schal, ein Paar Pumps an ihre Kassen zu tragen. Aber Lucy bleibt standhaft. Wir haben ein Appartement und einen kleinen Chevrolet. Für unseren Sohn bezahlen wir nachmittags Klavierstunden und Englischunterricht. Zweimal waren wir im Ausland in Urlaub. Aber der Rest wird gespart, sagt Lucy eisern. So machen es alle anderen auch.
Die Spar-Weltmeister
Sie hat recht. Wohl kein Volk der Erde spart so viel wie die Chinesen. Ohnehin legen die Asiaten viel auf die hohe Kante. Aber die Chinesen übertreffen sie alle. Wie viel sparen die Chinesen? Gesamtwirtschaftlich betrachtet, liegt der Wert bei mehr als der Hälfte des Bruttoinlandsprodukts. Lassen Sie mich das noch mal wiederholen: Wir reden von gut 50 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung, sagt Jonathan Anderson, Chefökonom bei der UBS Bank.
Paul Schulte, Chefvolkswirt der Bank Nomura, zieht den Vergleich: Chinas Sparrate liegt mehr als hundert Prozent über dem weltweiten Durchschnitt von 25 Prozent. Den jüngsten offiziellen Zahlen zufolge beträgt die Sparrate Chinas 56 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Seit 2002 ist sie noch einmal kontinuierlich gestiegen.
Darin eingeschlossen sind natürlich die nicht wieder investierten Gewinne der Staatskonzerne. Es lohnt der Blick auf den zweiten großen Schwellenmarkt in Asien. Die Inder sparen etwa 33 Prozent. Doch auch chinesische Familien mit nicht mehr als 1500 Yuan (153,80 Euro) Jahresgehalt legen, statistisch betrachtet, immer noch 18 Prozent auf die hohe Kante, ermittelte die Weltbank. Das Sagen in den Familien haben die Frauen: 73,2 Prozent von ihnen geben in einer Umfrage von Mastercard in Singapur an, sie seien diejenigen, die zu Hause die Finanzentscheidungen träfen.
Verlass nur auf sich selbst
Mindestens so interessant wie die schiere Summe sind die Gründe für das Sparen: Sechs zählt Sanjay Mathur, Chefanalyst für Asien bei der Royal Bank of Scotland in Singapur, auf: Die Chinesen haben Krisen durchlebt und in ihr kollektives Gedächtnis aufgenommen. Sie wissen, dass sie auf kein staatliches Wohlfahrtssystem zurückgreifen können. Es gibt keine vernünftigen, langfristigen Investitionsmöglichkeiten. Der Mangel an Konsumfinanzierungen führt dazu, dass für jede große Anschaffung zunächst gespart werden muss. Trotz ihrer hohen Profitabilität schütten die Unternehmen praktisch keine Dividenden aus. Und schließlich bleiben die Preise für ausländische Markenwaren, die in China so beliebt sind, hoch - auf sie aber sparen viele.
In den 60 Jahren ihres Bestandes hat die Volksrepublik ihre Einwohner gelehrt, den Sparstrumpf zu füllen. Wer die Armut der Kulturrevolution auch nur vom Erzählen der Eltern durchlebt hat, dem ist Sparen in Fleisch und Blut übergegangen. Diejenigen, die heute gutes Geld verdienen, haben zudem die Asien-Krise bewusst durchlebt - auch wenn China diese besser überstanden hat als manche seiner Nachbarländer.
Wer aber erlebt hat, wie auch die Mittelschicht Thailands über Nacht verarmte, der wird skeptisch. Der legt sein Geld lieber unter das Kopfkissen, als es für Luxus auszugeben. Allenfalls nutzt er es zur Spekulation an der Börse oder im Immobilienmarkt, um das Vermögen zu mehren. Zentralbankgouverneur Zhou Xiaochuan umschreibt das so: Unser Land ist stark bevölkert und hat eine kulturelle Präferenz zum Sparen. Eine Änderung dieses Verhaltens ist nicht abzusehen. Im Gegenteil: Lag die Sparrate 1998 noch bei 37,5 Prozent, hat sie eine Dekade später die 50-Prozent- Hürde genommen.
Die Not zur Tugend erhoben
Doch das Wort von der kulturellen Präferenz verschleiert Defizite des chinesischen Finanzsystems. Denn China bietet seinen Bürgern schlicht nicht genug verlässliche Anlageprodukte. So bleibt außer den Spekulationen vor allem das Ansparen von Bargeld, auch auf schwarzen Konten im Ausland. Pekings Finanzpolitiker drehen den Spieß inzwischen um: China ist ein Land mit einer hohen Sparrate, das deshalb enorme Finanzierungsmöglichkeiten bietet. Auch wenn die Regierung den heimischen Konsum fördert, wird die Sparrate weiterhin hoch bleiben. Die aber können wir zu unserem Vorteil nutzen, etwa bei der Entwicklung von Investmentfonds. Sie wiederum werden die Entwicklung von Schanghai zum Finanzzentrum bis 2020 fördern, sagte Zhou.
Das ist Zukunftsmusik. Die Voraussetzung dafür wäre, dass China seinen Bürgern eine gewisse Grundsicherheit vermittelte. Denn der Hauptgrund für die Sparrate liegt im Fehlen eines verlässlichen Sozial- und Pensionssystems für die 1,3 Milliarden Festlandchinesen. Aufgrund der Ein-Kind-Politik ist auch auf die Versorgung durch die Familie, die in Ländern Südostasiens hoch im Kurs steht, keinerlei Verlass. Es bleibt der eigene Notgroschen.
Das Beispiel des Bauern Guo Yonggang aus der Provinz Xian ging durch alle Staatsmedien: Er verletzte sich beim Sturz von seinem Trecker an der Wirbelsäule. Aus ihren Ersparnissen brachte die Familie 30.000 Yuan für die Notversorgung auf. Eine weiterführende Operation aber hätte noch einmal 70.000 Yuan gekostet, und die hatte die Familie nicht. Nur sie aber hätte den gerade Zwanzigjährigen vor der permanenten Querschnittslähmung retten können, unter der er seitdem leidet.
Der unsoziale Sozialismus
Im April hat Peking nun einen Gesetzentwurf verabschiedet, der bis 2011 gut 90 Prozent der Bevölkerung mit einer Krankenversicherung ausstatten, bis 2020 allen Festlandchinesen eine medizinische Grundversorgung sichern soll. Finanziert werden soll der Plan, der unter anderem den Bau von 29.000 regionalen Krankenhäusern umfasst, mit Ausgaben von 850 Milliarden Yuan. Während Amerika fast 18 Prozent seines BIP für die Gesundheitsversorgung ausgibt - und das nicht mehr bezahlen kann -, liegt der Wert in China bei gerade einmal 5 Prozent. Dass dies zu wenig ist, darüber sind sich alle einig. Der Preis, den das Sozialsystem für das Übersparen zahlen muss, ist in einem armen Land mit einer niedrigen Konsumrate und geringem Lebensstandard besonders hoch, warnt die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) mit Blick auf China.
Bei genauerem Hinsehen aber verblüfft die Art des Ansparens die Wissenschaftler: Chinas Sparrate verläuft U-förmig: Junge Haushalte sparen heute viel mehr von ihrem verfügbaren Einkommen als noch vor zehn Jahren. Dann aber nimmt die Rate erst einmal über Jahre ab, bis zu einem Tiefpunkt um die 40 Jahre. Nähert sich der Ernährer dem Rentenalter, wächst sie wieder. Dieses Sparverhalten - viel in jungen Jahren und viel am Ende - ist verwunderlich, denn es passt nicht zu den bekannten Standards, erst recht nicht in einer so schnell wachsenden Volkswirtschaft. Die zu erwartende Sparkurve hätte eher wie ein Hügel aussehen müssen, mit dem stärksten Wert zur Lebensmitte, sagt Shikha Jha, Verfasser einer Studie über das Sparverhalten in Asien für ADB.
Eine Erklärung könnte darin liegen, dass Chinesen an rasch steigende Einkommen gewöhnt sind. Ein Zuwachs von 10 oder auch 15 Prozent in den Großstädten war in den vergangenen Jahren keine Seltenheit. Schreibt man dies fort, ist es keine dumme Idee, das Sparen fürs Alter auf die späteren Jahre mit einem höheren verfügbaren Einkommen zu verschieben, sagt Jha.
Die wirtschaftliche Falle
Sparen die Chinesen, handeln sie nachvollziehbar, aber nicht klug. Denn in den vergangenen Jahren verloren sie aufgrund der Inflation, die oberhalb des Zinsertrages lag, auf dem Sparbuch Monat für Monat Kaufkraft. Auch dies trieb sie zunehmend in spekulative Anlagen wie Aktien oder Immobilien, die alle Jahre wieder gefährliche Blasen bilden.
Für den Staat ist ein Umdenken wichtig, vielleicht sogar überlebenswichtig. Denn die Chinesen sollen nicht sparen, sondern konsumieren. Da der Export sich bislang nicht wesentlich erhöht, sondern allenfalls stabilisiert hat, kann die chinesische Volkswirtschaft nur unter Dampf gehalten werden, wenn die Chinesen selber einkaufen gehen. Dafür soll auch die Verbreitung von Kreditkarten sorgen. Sie scheint zu wirken, zumindest in der solventen Mittelschicht: Zwischen 2006 und 2008 hat sich die Anzahl der Plastikkarten auf 142 Millionen Stück verdreifacht, das Transaktionsvolumen liegt nun bei 3500 Milliarden Yuan.
Das ist viel, aber nicht genug. Damit der Konsum steigt, muss den Chinesen zumindest die Last der Eigenvorsorge ein wenig genommen werden. Wenn all das, was Peking nun angekündigt hat, umgesetzt wird, wäre das ein großer Schritt nach vorn. Um aber einen nachhaltigen Anstieg des Konsums zu erreichen, muss die Regierung weiter gehen, die Motivation zum Aufstocken des Notgroschens abzubauen, sagt Vivek Arora, Chefrepräsentant des Internationalen Währungsfonds in Peking. Nomura-Ökonom Schulte sieht freilich auf mittlere Sicht enorme Chancen: Das Sparguthaben des einzelnen Chinesen liegt statistisch dreimal so hoch wie dasjenige eines Inders oder Indonesiers. In seine nächste Entwicklungsstufe tritt China mit einem riesigen Vorteil ein. Es kann eine sehr aggressive Konsumsteigerung finanzieren.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.
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