17. Mai 2012

Strukturierte Produkte

Zertifikatekäufer leben gefährlich

Von Nadine Oberhuber
12. September 2011 Viele hatten gerade erst wieder Vertrauen gefasst in Zertifikate. Die waren hierzulande so gefragt wie nirgendwo sonst, bis die Finanzkrise von 2008 ihren Ruf arg ruinierte. Beim Untergang der Lehman-Bank lernten viele Sparer auf einen Schlag: Zertifikate sind eben nicht die risikolosen Papiere, wie die Finanzbranche allen weismachen wollte. Sondern sie können wertlos werden, wenn der Herausgeber pleitegeht.
Aber nun passiert ja nicht alle Tage eine Bankenpleite. Außerdem gibt es Zertifikate in so vielen Spielarten, mit so vielen Zusatzgewinnchancen, dass die Papiere schnell wieder an Beliebtheit gewannen und in die Depots wanderten. Zuletzt entwickelten sie sich auch prächtig. Sogar besser als gewöhnliche Aktien, freuten sich die Derivateexperten noch in der Halbjahresbilanz Ende Juni. Dann kam der Juli und der August. Seitdem fühlen sich viele an den Herbst 2008 erinnert.
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Fast jeder zweite Zertifikatesparer kann seinen Bonus vergessen

Der jüngste Kurssturz hat auf einen Schlag alles wieder zunichtegemacht: Innerhalb kürzester Zeit hat der Deutsche Aktienindex rund 30 Prozent seines Wertes verloren. Die Aktienkurse krachten. Nun müssen Zertifikatebesitzer nicht gleich nervös werden, wenn die Kurse sinken. Denn bei ihnen wird ja erst abgerechnet, wenn die Laufzeit der Papiere endet - und bis dahin haben die Kurse noch Gelegenheit, sich zu erholen. So jedenfalls ist die Theorie.
Die Praxis aber sieht ganz anders aus: Die beliebtesten Zertifikate hierzulande sind Bonus-Zertifikate (siehe Grafik). Sie versprechen dem Anleger einen Renditebonus, wenn das Papier eine gewisse Kursschwelle nach unten nicht durchbricht. Erst wenn dieser Bonus tatsächlich fließt, machen sie sich für den Anleger bezahlt. Aber nach der Börsentalfahrt der vergangenen Wochen kann schon fast jeder zweite Zertifikatesparer seinen Bonus vergessen. Und nicht nur den.
„Knapp 30.000 Bonus-Zertifikate haben allein zwischen dem 27. Juli und dem 7. September die Schwellen gerissen“, hat Sasa Perovic, Leiter der Zertifikate-Analyse bei der Ratingagentur Scope, ermittelt. Das war mehr als jedes dritte Bonus-Papier, das Scope in seiner Datenbank führt. In so kurzer Zeit sind bisher noch nie so viele Kursbarrieren gebrochen, staunen selbst Emittenten. „Damit stieg der Anteil der Zertifikate mit geplatzter Bonus-Chance insgesamt auf 45 Prozent. Das ist enorm“, findet Perovic.

Immer mehr und immer komplizierter

Für die Sparer heißt das: Bei fast jedem zweiten Bonus-Zertifikat haben sie im Prinzip einen Verlust gemacht. Denn der Wert dieser Papiere entwickelt sich jetzt nur noch so, wie der Basiswert sich bis zum Ende der Laufzeit entwickelt, also die zugrunde liegende Aktie oder der Index dahinter. Nun könnte man sagen: Gut, dann ist das Bonuszertifikat eben in diesem Moment nichts anderes als eine simple Aktie. Dafür aber haben die Sparer dann viel zu viel Geld hingelegt: Denn bei Zertifikaten zahlen sie ein erhebliches Aufgeld und verzichten auf Dividenden. Im Klartext, sagt Perovic: „Wenn solche Papiere den Knock-In-Kurs erreicht haben, sind Anleger damit schlechter gestellt als mit einem Direktinvestment.“ Und das wird immer mehr zur Regel als zur Ausnahme. Der beste Rat in dieser Situation: sich von den Papieren trennen.
Was Marktkenner an der derzeitigen Situation höchst erschreckend finden: Die Emittenten legen Zertifikate auf wie am Fließband. Zudem werden die Produkte immer komplizierter. Laut Derivateverband sind 760.000 unterschiedliche Papiere auf dem Markt, so viele wie nie zuvor. Und die Zahl der Produkte, die ihre Schwellen reißen, wächst - obwohl die Laufzeiten im Schnitt immer kürzer werden. Für die Anleger bedeutet das immer weniger Gewissheit und immer weniger Gewinnchancen beim Kauf solcher Papiere, weswegen manche Marktexperten fragen: „Welchen Sinn macht es für Anleger, in solche Papiere zu investieren, wenn die immer seltener halten, was sie versprechen?“


Text: F.A.S.
Bildmaterial: F.A.Z.

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