21. Mai 2013

Schiffsfonds

Wer hat mein Geld versenkt?

Von Nadine Oberhuber
22. September 2012 Angestrengt suchen seine Augen das Hafenbecken ab. Der Blick wandert viel zu schnell hin und her, als dass er durch die schmalen Sehschlitze viel erkennen könnte. Ein Auge zusammenzukneifen, das ist bei Fotografen eine Art Berufskrankheit, aber meist sieht dann wenigstens das andere Auge etwas.
Jan Roeder schiebt den Kopf vor. So weit, als hoffte er, da draußen am Horizont mit der Nase auf das zu stoßen, was er sucht: „Da draußen soll mein Schiff sein? Wo?!“ Dann hellt sich sein Blick auf. Meter um Meter schiebt sich vom Horizont ein Containerschiff heran, weiße Brücke, dunkelgrüner Bug. „Das ist aber klein“, sagt er und grinst erleichtert. Die MS Herm, es gibt sie wirklich - und sie ist Jan Roeders Schiff. Zumindest gehört ihm ein Teil davon.
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Traumschiff zum Vorruhestand

Es gab Momente in den vergangenen vier Monaten, da hat er nicht mehr daran geglaubt, dass er sie zu Gesicht bekommen würde. „Die verschaukeln mich doch“, hat er gepampt, „wahrscheinlich gibt es das Ding gar nicht.“ Es waren die Monate, in denen er „sein“ Schiff gejagt hat. Per Mail und per Telefon, rund um die Welt. Weil er den Pott unbedingt mal sehen wollte, in den er vor Jahren sein Geld gesteckt hat.
Mit 15.000 Euro hat er sich 2004 an dem geschlossenen Schiffsfonds beteiligt, von dem die MS Herm gebaut wurde. Für einen 41-jährigen Fotografen und dreifachen Vater war das viel Geld. Aber er vertraute seinem langjährigen Finanzberater, der dazu riet: Damit würde er jährlich rund acht Prozent Rendite einfahren, er bekäme am Ende mindestens sein angelegtes Kapital zurück und hätte auch noch rund 8000 Euro Steuern gespart. So würden aus seinen 15.000 Euro in zehn bis zwölf Jahren 35.000 Euro, rechnete ihm der Berater vor.
Jan Roeder glaubte das. Roeder ist keiner von den abgebrühten Rechnern und ständigen Kursbeobachtern, dazu hat er weder Zeit noch Lust. Er arbeitet viel, spart regelmäßig und sagte sich damals: „Ich will mich mit Mitte fünfzig zur Ruhe setzen. Ich will einmal zocken und auch das große Geld machen - ohne Lottogewinn.“ Dann aber kam alles ganz anders.

Gut an-, dann aufgelaufen

Inzwischen gibt es viele Momente, in denen er die Beteiligung an der MS Herm als größten finanziellen Fehler seines Lebens abgeschrieben hat. Drei Ausschüttungen gab es, das war für ihn das Signal: „Das Ding läuft.“ Dann kam jahrelang nichts mehr. Das Schiff macht Verluste, sagten die Jahresberichte. Und im April dieses Jahres forderte die Fondsverwaltung dann alles zurück, was er von ihr bekommen hatte. So überwies er 3600 Euro auf deren „dringende Bitte“ hin, dass „sonst gegebenenfalls mit einem Totalverlust der gesamten Einlage zu rechnen ist“. Seither fragt er sich, ob er sein Geld je wiedersehen wird.
Ist er sauer auf seinen Finanzberater, der dafür eine satte Provision kassierte und ihm gleich noch einen amerikanischen Gewerbeimmobilien-Fonds verkauft hat? „Wieso? Der kann ja nichts dafür, der hat doch selbst in mein Schiff investiert. Wir haben eben Pech gehabt“, sagt Roeder. Und nun steht er hier am Eurogate, dem Containerterminal im Hamburger Hafen. Auge in Bullauge mit seinem Schiff.
Er hat es nun Monate von München aus über alle Weltmeere verfolgt, um zu erfahren, wann es in Hamburg liegt, damit er mal einen Fuß darauf setzen und sich den Pott ansehen kann. Denn der Mann, der sich augenzwinkernd „der Eigner“ nennt, will wissen: Wie sieht dieses Schiff aus, das seit 2004 um den Globus schippert - und doch kein Geld einfährt? „Und was sind das für Menschen, die es mit meinem Geld am Laufen halten?“

Das Schiff ist ständig unterwegs

Die Menschen, das ist zuerst einmal der Kapitän zur See Hermann Schepers. Der ist Chef der Reederei Unitas, unter deren Namen die MS Herm fährt. Ihn zu treffen ist schwerer, als ein Gespräch bei der Bundeskanzlerin zu bekommen. Viele Mails hat Jan Roeder ihm geschrieben. Alle hatte Schepers flott beantwortet, doch dann kam die Sache mit dem Termin. Der erste Versuch scheiterte mit dem Satz: „Der Anlauf in Hamburg klappt leider nicht, da ich nach Schanghai muss.“
Käpt’n und Kapitalgeber kamen einfach nicht zusammen. Das Schiff tourte zwischen Britischen Inseln, Baltikum und Asien herum - zwar mit Plan, doch der änderte sich fast täglich. Entschuldigend schrieb der Käpt’n: „Feste Planungen sind in der Fährfahrt nicht möglich, da kurzfristig Häfen und Terminals vom Charterer gewechselt werden können. Zudem treten in jüngster Zeit häufige Verstopfungen von Terminals auf.“ Für Jan Roeder hieß das immer nur eins: „Das Geschäft brummt. Warum zum Teufel macht mein Schiff Verluste?“

Zu viele Schiffe

Weil der Finanzvermittler, der Reeder und Jan Roeder ihre Rechnung ohne den Markt gemacht hatten - wie viele andere Anleger auch. Das Anlagemodell Containerschiff überzeugte nicht nur den Münchner Fotografen, sondern auch Ärzte, Anwälte und Anleger bundesweit. Rund 275.000 Privatleute liehen Schiffsbauern gut 32 Milliarden Euro.
Dass die Seefracht mit der Globalisierung zunehmen würde, war für sie alle keine Frage. So schickten deutsche Reeder 2500 neue Frachter auf die Meere. Bis 2008 ging das gut, dann kam die große Krise. „Wochenlang standen alle Kräne still“, erinnert sich der Wachmann am Pier. Später lief der Welthandel wieder, aber es gab zu viele Schiffe.
Überkapazitäten bei den Containerschiffen“, diese Formulierung hat Jan Roeder häufig gelesen, seit er die Pleiten der Schiffsfonds verfolgt. Wenn er jemanden dafür kielholen könnte, überlegt er laut, dann am ehesten die Reeder, „die haben viel zu lange die Welle geritten, die hätten das doch sehen müssen“.

Auch der Reeder steckt tief drin

Und nun steht da Hermann Schepers, sein Reeder, der die MS Herm am Laufen hält. Nicht gerade ein Seebär von Statur, aber ein zupackender Mann mit Hemd und Latzhose. Man kann sich gut vorstellen, wie er Kommandos mit seinem Ems-Dialekt übers Deck donnert. Tut er aber nicht, denn Schepers ist eher ein leiser Mensch und macht nur eines laut: das Lachen.
Seine Anweisungen an die Mannschaft sind höflich, aber bestimmt. Entsprechend lautlos und wie geschmiert läuft die menschliche Maschinerie an Bord. Zupackend wird Schepers gelegentlich bei den Crewmitgliedern. Die nimmt er gern mal in den Arm, so ist das bei einem Familienunternehmer in dritter Generation. Er begrüßt auch Jan Roeder wie einen alten Bekannten, vielleicht wegen der vielen Mails. Vielleicht auch, weil er sich freut, dass sich endlich mal einer der 70 MS-Herm-Anleger dafür interessiert, wie es bei ihm eigentlich läuft. Denn die Zeiten sind für Reeder nicht zum Lachen.
“Ich bin der Eigner“, witzelt Roeder, „und wir sitzen im selben Boot. Sie stehen doch hier auch mit eigenem Geld im Feuer, oder?“, will er sofort vom Reeder wissen. „Ach, Herr Roeder ...“, winkt der nur müde ab. Er allein habe hier 600.000 Euro investiert.

Nur noch 35 Prozent der Charter

Unter Schepers’ Namen laufen sechs Schiffe, die so groß sind wie die MS Herm. Die ist genaugenommen eher klein, misst 135 Meter und fasst 750 Container. Der zweitgrößte Ozeanriese der Welt, der später am Tag an ihr vorbei schwimmen wird, ist dreimal so lang und kann 14.000 Container laden. Er ist einer der Gründe, warum die Lage für Schepers härter geworden ist. Die ganz großen Schiffe graben den kleineren das Wasser ab und drücken die Frachtraten.
In den besten Zeiten 2008 fuhr die MS Herm 10.000 Euro täglich ein, erzählt er. „Momentan verdienen wir 3500 Euro am Tag. Wir sind auch schon für 2200 Euro gefahren.“ Dagegen steht eine andere Zahl: Pro Tag kostet Jan Roeders Schiff inklusive Mannschaft, Versicherung und Reparaturen etwa 5000 Euro. Es macht also jeden Tag, den es voll beladen über die Meere fährt, 1500 Euro Verlust. Insgesamt fünf Millionen Euro sind es schon. Die Frachtraten werden wieder steigen, da ist Schepers ganz sicher. So etwas wie die Schiffs-Abwrackprämie kommt für ihn nicht in Frage. Aber man fragt sich: Wie lange hält ein Mann, der sechs Schiffe hat, das durch?

Reparaturen in Handarbeit

Die Kosten kann Schepers kaum noch drücken. Die MS Herm fährt unter der Flagge von Antigua, das spart Versicherungs- und Sozialabgaben. Der Schiffsführer ist Russe, die Mannschaft ukrainisch, die Besatzung philippinisch. „Deutsche würden mich das Doppelte kosten“, sagt der Reeder. Und sie wären wohl nicht so treu. Der zweite Offizier, Filipino Flores Gusto, heuert schon seit 20 Jahren bei Schepers an. Wenn, wie heute, ein Zylinder den Geist aufgibt, ruft Schepers seinen Cheftechniker Rolf Winters. Der greift zu Schraubenschlüsseln, groß wie Oberschenkelknochen, und alle packen mit an. „Das ist billiger als die Werft“, erklärt Schepers. Man kann nur froh sein, dass die MS Herm im Hafen schlappgemacht hat: „Einen Schlepper können wir uns nicht leisten.“
Nach ein paar Stunden an Bord seufzt Jan Roeder: „Dieser Mann ist der Richtige für mein Schiff. Aber gegen den Welthandel kommen wir nicht an.“ Als er von Bord geht, drückt er seinen Kapitän kurz. Ob die Frachtraten je wieder die alten Höhen erreichen werden, bezweifelt er. Und ob er sein Geld wiedersehen wird, weiß er schlicht nicht. Neuerdings legt er sein Erspartes jedenfalls nur noch auf die Bank. Und wenn er die Beteiligung an der MS Herm abschreiben muss, wird er sich sagen: „Was muss, das muss.“ Dann wird er eben ein paar Jahre länger als gedacht in seinem Beruf arbeiten. Augen zu und durch.


Text: F.A.S.
Bildmaterial: Jan Roeder, Roeder, Jan

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