26. Mai 2013

Wacker Chemie

Weg von Solar, hin zur Chemie

Von Rüdiger Köhn, München
07. November 2012 Gut meinen es die Anleger mit der Aktie von Wacker Chemie derzeit nicht. Überhaupt ist die Welt als Ganzes dem Spezialchemieunternehmen aus München nicht sonderlich gewogen. Das bekam die Aktie vergangenen Donnerstag wieder zu spüren: Die chinesische Regierung kündigte nämlich an, auf Importe von Polysilizium aus der EU Strafzölle erheben zu wollen. Es wäre ein weiterer Eskalationsschritt im Handelsstreit mit der Europäischen Union. Binnen zwei Stunden verlor der Kurs des M-Dax-Wertes mehr als 3 Prozent.
Die Konsequenzen solcher Einfuhrbeschränkungen können weitreichend sein. Alexander Karnick, Analyst der Deutschen Bank, schätzt, dass bei einem Zollaufschlag von 1 Dollar je Kilogramm Polysilizium der Gewinn je Aktie im Geschäftsjahr 2013 um 15 bis 20 Prozent belastet werden könnte. An seiner bislang bestehenden Verkaufsempfehlung musste Karnick nichts ändern; das Kursziel von 37 Euro hat er ebenso beibehalten. Für Wacker Chemie ist dieses Urteil alles andere als schmeichelhaft. Schon heute bewegt sich der Wert der Aktie nahe historischen Tiefpunkten. Das Kursziel der Deutschen Bank würde einen weiteren Verfall mit sich bringen. Nur wenige Analysten sind so pessimistisch.
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Analysten raten zum „Halten“ oder zum „Verkaufen“

Gegenüber der Notiz von 172,50 Euro vor ziemlich genau eineinhalb Jahren erreicht der Wert gerade einmal ein Viertel dessen. Als einstiger Star im M-Dax rangiert der Titel bezogen auf den Börsenwert des Streubesitzes an fünftletzter Stelle. Die Marktkapitalisierung liege unter der des Jahres 2009, als das Unternehmen Verluste melden musste, konstatiert Thorsten Strauß von der Nord LB. Immerhin ist er aber optimistisch und rät zum Kauf von Wacker Chemie, selbst wenn er sein Kursziel leicht von 59 auf 56 Euro zurückgenommen hat.
Er ist einer von nur fünf Optimisten, die einen Kauf der Aktie empfehlen. Laut Bloomberg raten jeweils zwölf Analysten zum „Halten“ oder zum „Verkaufen“. Die gegenwärtigen Nachrichten aus der Welt und aus dem Unternehmen deuten wenig auf eine sich abzeichnende Trendwende zum Positiven hin. Dachten die Unternehmensbeobachter eigentlich, dass vielleicht das Schlimmste überstanden sein möge, musste Wacker Chemie Ende Oktober noch einmal mit Negativnachrichten an die Öffentlichkeit treten. Damit ist nur zu deutlich geworden, dass noch nicht zu erkennen ist, wann die Talsohle in der Gewinnentwicklung erreicht ist, was wiederum den Aktienkurs überschattet.
Hoffte der Lieferant für die Halbleiter- und die krisengeschüttelte Solarindustrie im Sommer noch auf einen Umsatz auf Vorjahreshöhe (4,91 Milliarden Euro), hat er mit den Zahlen für das dritte Quartal seine Umsatzprognose auf 4,6 bis 4,7 Milliarden Euro für das Jahr 2012 zurückgenommen. Und mit der erstmals konkretisierten Gewinnprognose kam das Ausmaß der Probleme zum Ausdruck. Das operative Ergebnis vor Zins, Steuer und Abschreibung (Ebitda) soll rund 750 Millionen Euro erreichen, ein Drittel weniger als im Vorjahr.

Das Chemiegeschäft hat sich positiv entwickelt

Vor allem die hohen Lagerbestände in der Solarindustrie haben das Geschäft mit Polysilizium einbrechen lassen. Die Preise für Solarsilizium seien um 40 Prozent eingebrochen, ebenso für Halbleiterscheiben (Wafer). Wegen der Überkapazitäten wurde Kurzarbeit für diesen Bereich in der Fertigung am Stammsitz Burghausen angekündigt. Zudem wird der Ausbau der Polysilizium-Produktion in den Vereinigten Staaten um 18 Monate gestreckt. Nachdem das Werk eigentlich 2014 die Produktion starten sollte, wurde schon in diesem Sommer der Zeitpunkt auf Mitte 2014 verschoben, um nun noch einmal den Termin auf Mitte 2015 nach hinten zu legen. Für Heiko Feber vom Bankhaus Lampe ist das ein Signal dafür, dass sich das Marktumfeld erst von 2015 an wieder normalisieren wird.
Nahezu untergegangen in diesem Umfeld ist, dass Wacker Chemie nicht nur schlechtes zu berichten hatte. Denn das Chemiegeschäft, das immerhin etwas mehr als die Hälfte des Umsatzes beisteuert, hat sich mit einem Umsatzwachstum von 7 Prozent positiv im dritten Quartal entwickelt, das operative Ergebnis ist sogar um 20 Prozent gestiegen. Doch konnte dies den Verfall der Margen im Geschäft mit Wafer und Polysilizium nicht auffangen. Die waren in guten Zeiten so hoch, dass sie den traditionellen Bereich Chemie deutlich überlagert und die Phantasie der Anleger in Zeiten eines so sonnigen Solargeschäftes beflügelt hatten. Im Umkehrschluss leidet das Unternehmen nun darunter. „Fatalerweise“, stellt NordLB-Analyst Strauß fest, „haftet dem Konzern das Image eines Solarwertes an, was den Aktienkurs inzwischen auf neue historische Tiefs geführt hat.“ Es ist zu befürchten, dass Wacker Chemie noch viel Arbeit in einen erforderlichen Imagewechsel stecken muss.


Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp images/dapd/Matthias Rietsch, F.A.Z.

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