17. Mai 2012

Schuldenkrise

Verschärfte Kreditbedingungen im Euroraum

Von Gerald Braunberger, Hanno Mußler
02. Februar 2012 Viele Banken im Euroraum haben im vierten Quartal 2011 ihre Bedingungen für die Kreditvergabe an Unternehmen und private Haushalte verschärft. Dieser Befund gilt für Banken in dem meisten Mitgliedsländern der Währungsunion, aber nicht für Deutschland. Das zeigt eine Befragung der Europäischen Zentralbank (EZB) bei 124 Banken, die zwischen dem 19. Dezember 2011 und dem 9. Januar 2012 stattfand. Etwa die Hälfte der Banken erwartet jedoch für das erste Quartal 2012 eine leichte Verbesserung, auch wenn die Verschärfung der Eigenkapitalregeln viele Häuser zu Reduzierungen ihrer Geschäfte, und hier in erster Linie der besonders risikoreichen, zwingen dürfte.
Als wichtigste Gründe für ihre Zurückhaltung bei der Kreditvergabe nannten die Banken die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage, die Verschärfung der Staatsschuldenkrise sowie strengere Eigenkapitalregeln. Die Zurückhaltung zeigte sich in strengeren Vergabekriterien für Kredite und in höheren Zinsen. Von der strengeren Kreditvergabe waren Großunternehmen stärker betroffen als kleine und mittlere Unternehmen. Großunternehmen können sich dafür aber leichter durch die Ausgabe von Wertpapieren refinanzieren als kleine Unternehmen.
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Zurückhaltung der Kreditnehmer

Der Bericht der EZB gelangt allerdings nicht zum Schluss, dass die schwache Kreditvergabe alleine auf Zurückhaltung der Banken zurückzuführen, mithin von einer „Kreditklemme“ gesprochen werden könne. Vielmehr weist der Bericht auch auf eine größere Zurückhaltung der Kreditnehmer. So stellen Unternehmen derzeit Investitionsprojekte zurück. Rückläufig ist auch die Nachfrage nach Immobilienkrediten durch Unternehmen wie durch private Haushalte. Besonders in Spanien, Italien, Belgien, Malta, Finnland und den Niederlanden erwarten die Banken eine geringere Nachfrage nach Hypothekenfinanzierungen.
Die Verschärfung der Vergabekriterien durch die Banken erklärt sich zu einem guten Teil mit deren Schwierigkeiten, sich zu refinanzieren. Viele Banken sahen sich Ende 2011 nicht mehr in der Lage, zu annehmbaren Konditionen kurzfristige (Geldmarkt) oder langfristige (Kapitalmarkt) Finanzierungen zu erhalten. Immerhin 28 Prozent der befragten Banken beklagten schlechten Zugang zu den Märkten. Die Staatsschuldenkrise trug dazu auf mehrfache Weise bei: Deutschland finanziert sich zwar sehr günstig, wie sich am Mittwoch abermals zeigte, als der Bund bei einem Verkauf von Anleihen mit zehn Jahren Laufzeit für 4 Milliarden Euro nur gut 1,8 Prozent Zins bieten musste. Kursverluste auf Staatsanleihen anderer Euroländer aber setzt die Rentabilität und die Eigenkapitalausstattung von Banken unter Druck. Außerdem trat bei vielen Banken ein Mangel an werthaltigen Staatsanleihen auf, die als Pfand für Kreditgeschäfte bei der EZB hinterlegt werden können.

Zunehmende Nachfrage nach Geldmarktpapieren

Etwa die Hälfte der befragten Banken erwartet jedoch Verbesserungen in den kommenden Monaten, zu denen auch die beiden dreijährigen Geldmarktgeschäfte der EZB mit den Banken beitragen dürften. Tatsächlich haben sich für viele Häuser seit Jahresanfang die Möglichkeiten verbessert, nicht nur gut besicherte, sondern auch wieder schlecht besicherte Anleihen zu begeben. Die Renditen für diese Papiere sind ebenso gesunken wie die Preise von Kreditausfallderivaten (CDS) auf diese Anleihen. Seit wenigen Wochen ist auch wieder eine zunehmende Nachfrage nach Geldmarktpapieren europäischer Banken durch große amerikanische Fonds zu bemerken. Der Preis für ein dreimonatiges Euro-Dollar-Tauschgeschäft hat sich seit Ende November von 157,50 auf 73,48 Basispunkte reduziert.
Dazu passt, dass die Commerzbank am Mittwoch als erste deutsche Bank in diesem Jahr sogar eine unbesicherte Anleihe plazierte. Sie nahm damit 1 Milliarde Euro auf. Die Commerzbank stattete die im Juli 2017 fällige Anleihe mit einem Kupon von 3,625 Prozent aus. Das sind ein Risiko-Aufschlag von gut 2 Prozentpunkten gegenüber besicherten Anleihen und 25 bis 30 Basispunkte mehr, als die Commerzbank für vergleichbare Anleihen im Altbestand hat zahlen müssen. Noch vor drei Wochen aber hatte Finanzvorstand Eric Strutz daran gezweifelt, dass die Commerzbank in diesem Jahr wegen der verschlossenen Märkte überhaupt unbesicherte Papiere öffentlich begeben kann.
Die Verbesserung der Marktverfassung spüren allerdings besonders Banken in der Euro-Peripherie noch nicht. So dürften weder griechische noch portugiesische Banken auf absehbare Zeit eigene Wertpapiere verkaufen können. Neben der EZB bleiben dann nur die Einlagen der Kunden als Refinanzierungsquelle übrig. Generell ist das Misstrauen der Banken untereinander immer noch vorhanden, was sich auch an den hohen Einlagen der Banken bei der EZB zeigt, die annähernd 500 Milliarden Euro betragen.


Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., Irl, Maria

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