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Drogeriekonzern
Ist Schlecker noch zu retten?
Von Susanne Preuß, Stuttgart
18. Januar 2012 Vor Jahren waren die Rollen noch klar verteilt: Das Stichwort Schlecker hätte genügt, und jeder Gewerkschafter hätte vom Leder gezogen über die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen des Drogeriefilialisten. Heute getraut sich mancher Gewerkschafter gar nicht mehr, offen über Schlecker zu reden: „Nennen Sie meinen Namen nicht“, bittet ein hochrangiger Mitarbeiter von Verdi. Und einer seiner Kollegen gibt zu bedenken: „Es ist gefährlich zu sagen, Schlecker geht es schlecht. Wenn die Banken dann den Geldhahn zudrehen, gibt man uns womöglich die Schuld.“

Massive Umsatzrückgänge
Eines jedenfalls eint alle: Informationen über die tatsächliche Lage bei Schlecker haben sie keine. Von heute auf morgen werden Filialen geschlossen, ohne dass Mitarbeiter vorher informiert werden. So kommt es vor, dass Schlecker-Beschäftigte zuhause sitzen, weil ihnen buchstäblich ihr Arbeitsplatz abhanden gekommen ist. Sie haben vor Augen, dass ausgerechnet in der umsatzstärksten Zeit vor Weihnachten die Lieferungen einiger Markenartikler ausblieben, warum auch immer. Erklärungen gibt es nicht.
In diesem Klima gedeiht das Gerücht, Schlecker steuere auf die Pleite zu - ein Unternehmen, das noch mit 6,55 Milliarden Euro Umsatz und 47000 Mitarbeitern in den Statistiken steht. Diese Zahlen aus dem Jahr 2010 sind die letzten, die man kennt. Seither ist Schlecker deutlich geschrumpft. Der Umsatz sei 15 und 20 Prozent abgesackt, berichtet die gut informierte „Lebensmittelzeitung“, allein im vergangenen Jahr habe Schlecker 1400 Filialen geschlossen.

Weitere 600 Filialen stehen zur Disposition
Im Januar und Februar sollen weitere 600 Filialen zur Disposition stehen, wird kolportiert. Schlecker bestätigt das nicht, dementiert die Zahl aber auch nicht. „Das weiß man nicht“, entgegnet Patrick Hacker, der in den Diensten einer Kommunikationsagentur die Pressearbeit für Schlecker machen soll - und er wirkt damit auf erschreckende Weise ehrlich: die allzu kurzfristigen Schließungen und Wiedereröffnungen, lang laufende Mietverträge für leer stehende Geschäfte und untätig daheim sitzende Mitarbeiter erwecken den Eindruck, als gäbe es kein klares Konzept für die Sanierung von Schlecker.
Eine radikale Wende schienen Meike und Lars Schlecker einzuläuten, die Kinder des Firmengründers und Patriarchen Anton Schlecker, als sie im Herbst 2010 eine neue Unternehmenskultur propagierten. Da hatte Schlecker schon zwei Verlustjahre hinter sich und spürte die Konkurrenten DM und Rossmann immer schneller aufholen. Wenig später holten die jungen Schleckers familienfremde Manager in die Führung, eine kleine Revolution für das sonst so verschlossene Unternehmen aus Ehingen auf der Schwäbischen Alb. Vor knapp einem Jahr wurde ein neues Filialkonzept präsentiert, das Schluss machen sollte mit den muffigen engen Läden, die nur noch dort gute Zahlen abwarfen, wo die Kundschaft keine Alternativen hatte. Für die Neuausrichtung habe man 230 Millionen Euro veranschlagt, sagten die Schleckers anfangs. Bezogen auf damals rund 8000 Filialen in Europa wären das weniger als 30.000 Euro pro Geschäft - vielleicht zu wenig für einen schnellen Imagewandel.
Leere Regale
Zudem wird nicht nur die Ladenkette erneuert. Auch die komplette Logistik wurde umgekrempelt - und das war vielleicht doch eine Schippe zu viel an Umbau, räumt man bei Schlecker leise ein. Dadurch seien die leeren Regale in vielen Filialen nämlich auch zu erklären: dass die Lieferkette einfach immer wieder gerissen ist. Auch das Hin- und Her-Verschieben von Waren aus Filialen, die geschlossen oder neu eröffnet wurden, klappte offenbar so schlecht, dass Kunden immer wieder enttäuscht wurden. Und schließlich tobte hinter den Kulissen auch noch ein Machtkampf: Beiersdorf und Henkel wollten angesichts geschrumpfter Abnahmemenge Schlecker nicht mehr Super-Konditionen gewähren und stellten die Lieferungen ein, bis die Schwaben letztlich doch nachgaben.
„Nivea und Schauma gibt es wieder, und die Betriebsräte berichten, dass wieder mehr Ware geliefert wird. Das sind hoffnungsfrohe Signale, die den Glauben stärken, dass Schlecker es schaffen wird“, sagt Achim Neumann, der in der Gewerkschaft Verdi für Schlecker zuständig ist. Glauben? „Ja, das ist eine Glaubensfrage“, sagt Neumann. Wie es wirklich um die wirtschaftliche Lage von Schlecker bestellt sei, könne auch die Gewerkschaft nicht abschätzen. Das allerdings wird sich in Kürze ändern. Schlecker hat kurz vor Weihnachten bei Verdi angeklopft, um einen Sanierungstarifvertrag auszuhandeln - was bedeutet, dass sich die Beschäftigten schon auf eine Kürzung von Urlaubs- und Weihnachtsgeld einstellen können, mindestens. Jetzt prüft ein Gutachter im Auftrag der Gewerkschaft, ob Schleckers Anliegen gerechtfertigt ist, oder ob das Unternehmen überhaupt sanierungsfähig ist. Ende Januar erwartet Verdi den Bericht, danach erst können Verhandlungen beginnen. An deren Ende könnten auch womöglich betriebsbedingte Kündigungen stehen.
Bisher hat Schlecker den Schrumpfkurs ohne Entlassungen bewältigt. Aushilfen wurden ausgemustert, befristete Arbeitsverträge nicht verlängert, das Stammpersonal aber hat Schlecker noch gehalten. Der früher so verrufene Drogeriefilialist schont die Mitarbeiter aber nicht aus reiner Menschlichkeit, sondern eher aus finanziellen Gründen: viele Beschäftigte arbeiten seit Jahren und Jahrzehnten für Schlecker, da fielen saftige Abfindungen an. Für Mitarbeiterinnen, die jetzt nach einer Filialschließung plötzlich zuhause sitzen, ist das ein Hoffnungsschimmer: Vielleicht bedeutet es, dass Schlecker bald wieder eine Filiale eröffnet. Die Geschäfte im neuen Design sollen schließlich bis zu 30 Prozent mehr umsetzen, heißt es.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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