23. Mai 2013

Auslandsmarkt

Indien im Stillstand

Von Christoph Hein, Bombay
17. August 2012 Ist der Druck richtig groß, braucht es einen Mann mit starken Händen. Als solcher gilt der ins Amt zurückgekehrte indische Finanzminister Palaniappan Chidambaram. Ein paar Tage nach seiner Berufung versprach er durchzugreifen und kündigte ein Bündel an Reformen an, um die Konjunktur anzukurbeln. Das allein weckt in der drittgrößten Volkswirtschaft Asiens Hoffnung. Denn der Regierung gelang in der bisherigen Besetzung in ihrer zweiten Legislaturperiode nichts.
Alle geplanten Reformen versandeten - vom dringend notwendigen Ausbau der Infrastruktur und der Privatisierung von Staatskonzernen, über die Öffnung von Finanzmarkt, Luftfahrt oder Einzelhandel bis zum Anti-Korruptionsgesetz. Skandale reihen sich aneinander. Das Land ist gelähmt von endlosen Parlamentsquerelen und dem Scheitern der Regierung an der Blockade der eigenen Koalitionspartner.
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Ratingagenturen kritisieren wirtschaftspolitischen Stillstand

Die Quittung für das erfolglose Lavieren der Regierung ist auf allen Ebenen zu spüren: Zwei von drei Ratingagenturen drohen mit einer Herabstufung der Bonität Indiens auf „Ramsch-Niveau“ und kritisieren massiv den wirtschaftspolitischen Stillstand. Der Wert der Rupie fiel auf ein Allzeittief. Die Investitionen gerade aus dem Ausland sinken. Stromausfälle belasten das Wachstum. Und Wirtschaftsführer sprechen Klartext. Niemand rechnet ernsthaft damit, dass sich vor der nächsten Wahl noch viel ändern wird. „Die Regierung hat kein Rückgrat und keine Antriebskraft“, ließ sich Ansgar Sickert, der langjährige Statthalter des Flughafenbetreibers Fraport in indischen Zeitungen zitieren, bevor er seine Zelte in Neu Delhi abbrach: „Bis nach den Wahlen 2014 wird nichts mehr passieren.“ Er sprach vielen aus dem Munde.
Am Freitag kürzten die Wirtschaftsberater des Ministerpräsidenten ihre Prognose für das Wachstum spürbar: Gingen sie im Februar noch von 7,6 Prozent Wachstum für dieses Fiskaljahr (31. März) aus, sind es seit gestern nur noch 6,7 Prozent. Gemessen an den Analysten aber erscheinen die Regierungsvolkswirte optimistisch: Sie rechnen für Indien nur noch mit rund 5,5 Prozent Wachstum.

Für ein aufstrebendes Land ist der Markt zu schwach

Das ist kein Klima, um Aktien zu kaufen. Zwar hat der Sensitive Index (Sensex) der Börse in der Wirtschaftshauptstadt Bombay (Mumbai) in Jahresfrist knapp 1000 auf rund 17.700 Punkte zugelegt. Dies klingt gut. Doch gilt Indien grundsätzlich als hoffnungsvoller Schwellenmarkt, der das Potential zu zweistelligem Wachstum besitzt. Im ersten Quartal freilich wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) nur noch um 5,3 Prozent - so langsam, wie zuletzt vor neun Jahren. Für ein aufstrebendes Land ist das zu niedrig, denn rund 5 Prozent Wachstum werden allein benötigt, um Schulabgängern eine Zukunft zu bieten und sozialen Frieden zu wahren. Ausländische Anleger trifft zudem der dramatische Wertverlust der Rupie. Binnen Jahresfrist hat sie gegenüber dem Dollar rund ein Fünftel ihres Wertes verloren und erreichte Ende Juni ein Rekordtief. Institutionelle Investoren wie Pensionsfonds oder Universitäten haben in der ersten Jahreshälfte nur noch halb so viel Geld auf dem Subkontinent investiert wie in den ersten sechs Monaten 2011.
Was aber müsste sich ändern? Die Zentralbank sitzt in einer bösen Falle: Einerseits drängt die Politik sie massiv, die Zinsen zu senken um das Wachstum anzuheizen. Andererseits versucht sie, die Inflationsrate von immer noch knapp 7 Prozent zu bändigen. Ihr fehlt der Spielraum. So fällt wohl alles wieder auf die Handlungsfähigkeit der Regierung zurück. Doch auch der fehlt Spielraum angesichts eines Haushaltsdefizits, das nicht zuletzt aufgrund der massiven Subventionen bei 5,8 Prozent des BIP steht. Ob dieses im nahenden Vorwahlkampf noch abgebaut wird, ist mehr als zweifelhaft.

Das Reformtempo wird zu einer Frage der „nationalen Sicherheit“

Dabei steht der Anleihemarkt zur Finanzierung nur eingeschränkt zur Verfügung. Zwar hat die Regierung zur Stützung des Finanzmarktes beschlossen, die Kaufsumme von Regierungsbonds für ausländische Investoren um 5 auf nun 20 Milliarden Dollar aufzustocken. Doch muss sie eine Prämie aufgrund der verheerenden Äußerungen der Ratingagenturen, die auf den Staatsanleihen lasten, zahlen. Die Unternehmen scheuen den internationalen Anleihemarkt, denn die schwache Rupie gefährdet sie. Im zweiten Quartal gaben sie nur noch Dollar-Anleihen im Wert von 140 Millionen aus; im Quartal zuvor waren es noch 2,4 Milliarden Dollar gewesen. Damit aber fehlt ihnen eine Finanzierungsquelle, was wiederum das Wachstum belastet. So schlecht sich Indien derzeit verkauft, ist es dennoch nicht angebracht, die Lage des Landes mit der Krise 1991 zu vergleichen. Allein die Devisenreserven reichen, um die Einfuhr etwa sieben Monate lang zu decken. Vor gut zwei Jahrzehnten lag der Wert nur bei zwei Wochen.
Hatte der frühere Finanzminister und heutige indische Präsident Pranab Mukherjee die Bewertung der Ratingagenturen noch als „Herdentrieb“ lächerlich zu machen versucht, gesteht Ministerpräsident Singh zumindest die Probleme ein: „Wir stehen an einer Weggabelung, wir durchlaufen herausfordernde Zeiten in wirtschaftlicher Hinsicht. Wir müssen arbeiten, um die Wirtschaft wieder anzutreiben und die indische Wachstumsgeschichte neu zu zünden.“ Dies sagte er seinen Spitzenbeamten. Ein paar Tage später erklärte er das Reformtempo zu einer Frage der „nationalen Sicherheit“.

Analysten erwarten keine Wunder

Es war an den Analysten, überzogene Hoffnungen gleich zu dämpfen: „Erwarten Sie noch keine großen Änderungen“, sagt Ramya Suryanarayanan von der Singapurer Bank DBS Group: „Flaschenhälse und Blockaden werden nicht wie durch ein Wunder verschwinden.“ Welche Unternehmen bleiben unter solchen Umständen interessant? Importeure leiden unter der schwachen Rupie, die sie Kaufkraft kostet. Baukonzerne und Infrastrukturanbieter spüren den politischen Stillstand. Und nun zeichnet sich auch noch ein weiteres Risiko ab: Der Monsun - die starken Regenfälle zwischen Juni und September - liegt bislang rund 15 Prozent unter seinem Normalwert. Das trifft nicht nur die Hersteller von Ackermaschinen wie Mahindra direkt. Es belastet die ganze Volkswirtschaft in ihrer Kaufkraft, denn rund 70 Prozent der 1,2 Milliarden Menschen leben noch von der Landwirtschaft. Ihnen drohen, bleibt der Regen aus, steigende Preise für Grundnahrungsmittel bei geringeren Einkommen aufgrund verdorrter Feldfrüchte. Angesichts von rund 800 Millionen Indern, die mit weniger als 2 Dollar täglich auskommen müssen, ist dann an einen Abbau von Subventionen nicht mehr zu denken.
Wer aber an den langfristigen Trend Indiens glaubt, der könnte in einem Augenblick des schwachen Marktes kaufen. Denn das Potential des Schwellenlandes bleibt enorm. Die Mittelschicht mit ihrer Kaufkraft wächst weiter rasant, die Bevölkerung ist jung und hungrig. Klassiker des Marktes, von Tata Motors bis Infosys, werden nicht untergehen. Tata Motors verdient Geld mit den zugekauften Edelmarken Jaguar und Rover und strebt nach China. Reliance Industries sitzt auf enormen Rohstoffvorkommen, für die es allerdings noch den richtigen Weg der Ausbeutung finden muss.
Infosys, aber auch seine Konkurrenten Wipro und Tata Consultancy Services, erfinden sich in regelmäßigen Abständen neu und werden besonders von einem Wiederaufschwung in Amerika profitieren. Nebenwerte sind in Indien traditionell schwer einzuschätzen, weil viele Marktgerüchte in Europa spät ankommen. Den Index Sensex in festgelegten Stücken monatlich dem Depot beizumischen (Cost-Average) kann aber Experten zufolge über einen längeren Zeitraum bis nach der Wahl 2015 durchaus Sinn machen.


Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dapd

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